Es steht wohl außer Frage: Künstliche Intelligenz (KI) wird die Wirtschaft und den Alltag der Menschen mindestens so stark verändern wie das Internet. Es scheint kaum übertrieben, von der nächsten industriellen Revolution zu sprechen. Und die Entwicklung steht vermutlich erst am Anfang. Im Kundendienst, beispielsweise in Callcentern, übernehmen KI-Agenten bereits immer häufiger die Aufgaben menschlicher Mitarbeiter.
In der Pharmaindustrie wird KI für tiefgreifende Veränderungen sorgen. In der Diagnostik von Krankheiten sowie bei der Entwicklung neuer Medikamente sind enorme Effizienzgewinne und Zeitersparnisse zu erwarten. Ähnliches gilt für die Softwarebranche. Das Schreiben von Programmen wird durch den Einsatz von KI enorm beschleunigt. In einigen Fällen schreiben KI-Assistenten Codes sogar ganz ohne menschliche Mitwirkung. KI könnte dem autonomen Fahren endlich zum Durchbruch verhelfen. Auch humanoide Roboter scheinen keine Zukunftsfantasie mehr zu sein.
Kein Wunder, dass die Aktien der KI-Pioniere – also der großen amerikanischen Technologiekonzerne – lange Zeit nur eine Richtung kannten: nach oben. Doch die Kurse der Mag Seven und anderer US-Techwerte haben sich im Laufe der Zeit von der fundamentalen wirtschaftlichen Entwicklung abgekoppelt. Aus Angst, die Rally zu verpassen, sprangen immer mehr spekulative Anleger auf den Zug auf, der immer schneller fuhr. Die Angelsachsen nennen das Fear of Missing Out, kurz Fomo.
Euphorie schlägt in Sorge um
Zuletzt fragten sich jedoch immer mehr Anleger, ob sich die Investitionen in Rechenzentren und KI-Infrastruktur in Höhe von Hunderten Milliarden Dollar jemals rechnen werden. Aktien von Unternehmen wie Microsoft oder Broadcom notieren mittlerweile wieder deutlich unter ihren Höchstständen. Diese Entwicklung erinnert ein wenig an das Platzen der Dot-Com-Blase zu Beginn der 2000er Jahre.
Trotz des jüngsten Stimmungsumschwungs handelt es sich bei KI um die Technologie der Zukunft, während Gold vergleichsweise altbacken daherkommt. Die Veröffentlichung von Chat GPT vor weniger als dreieinhalb Jahren läutete den KI-Hype ein, während Anleger Gold schon seit Jahrtausenden einen Wert beimessen. Das ist erstaunlich, da es eigentlich kaum gebraucht wird. Warren Buffett sagte einmal über das Edelmetall: „Gold wird aus dem Boden geholt, dann schmelzen wir es ein, graben ein anderes Loch und vergraben es wieder.“ KI sorgt dagegen für enorme Produktivitätsgewinne.
Doch es gibt auch Gemeinsamkeiten. Sowohl KI als auch Gold sind mit enormen Umweltbelastungen verbunden. Moderne Rechenzentren verbrauchen riesige Mengen Strom. Das sorgt vor allem in den USA mittlerweile für ein Comeback der Kernenergie. Beim Gold sind es die enormen Mengen an Abraum, die bei der Förderung entstehen und die Umwelt belasten.
Und es gibt noch eine Gemeinsamkeit: Auch Gold hat sich inzwischen zu einem Hype-Investment entwickelt. Früher wurden die Preise des Edelmetalls vor allem von fundamentalen Entwicklungen bestimmt. Anleger kauften es als Absicherung gegen verschiedene geopolitische Risiken. Zudem schichteten die Notenbanken von US-Anleihen in das Edelmetall um, da sie angesichts der immer weiter steigenden Staatsschulden – allen voran die der USA – und der erratischen Politik von US-Präsident Donald Trump dem US-Dollar immer weniger trauten.
Spekulanten übernehmen das Ruder
Doch auch beim Gold hat sich die ehemals fundamental getriebene Rally zu einem Hype entwickelt. Der kurzzeitige Kurssprung über die Marke von 5.600 Dollar je Feinunze wurde vor allem durch spekulative Panikkäufe verursacht. Auch diese Anleger hatten Angst, die Rally zu verpassen. Es waren nicht die Käufe von physischem Gold, die den Preis in die Höhe trieben, sondern Geschäfte an den Terminmärkten. Solche spekulativen Übertreibungen und die damit verbundenen Fahnenstangen hat es schon immer gegeben. Zu erinnern ist hier an die Tulpenhausse in den Jahren 1636/37, den Internet-Hype zur Jahrtausendwende oder eben die KI-Rally.
Selbstverständlich kann der Goldpreis weiter steigen. Zuletzt sorgte der Krieg der USA und Israels gegen den Iran für steigende Notierungen. Neue Höchststände noch in diesem Jahr sind durchaus denkbar. Anlegern sollte allerdings bewusst sein, dass es sich auch bei dem Edelmetall nicht um eine Einbahnstraße handelt. Als die Corona-Pandemie die Menschen rund um den Globus in eine Schockstarre versetzte, stürzten nicht nur die Aktienkurse, sondern auch der Goldpreis ab. Die Anleger wollten sich aus allen Risiken zurückziehen und Liquidität schaffen. Die Funktion als sicherer Hafen war beim Coronacrash beim Edelmetall ausgeschaltet.





Und auch in den Jahrzehnten davor gab es längere Perioden, in der zinsloses Gold mehr als 20 Prozent korrigierte und jahrelang keine Rendite erzielte.
Der Unterschied zur Tech-Rally ist, dass bei KI die Begeisterung bereits in Sorge umgeschlagen ist. Die Stimmung beim Gold ist dagegen bislang noch ausgezeichnet. So banal es klingen mag – um Klumpenrisiken bei plötzlichen Marktkorrekturen zu vermeiden, sollten Anleger immer wieder den Anteil von Gold sowie einzelnen Branchen- und Titelinvestments auf ein vernünftiges Maß zurückstutzen. Insofern sollte dies beim „Frühjahresschnitt“ im Depot erwogen werden.
Über den Autoren

Thomas Buckard ist seit dem Jahr 2000 Gründungsmitglied der MPF. Als Vorstandssprecher ist er für die Kundenakquisition und -betreuung sowie die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Die MPF gehört mit einem verwalteten Vermögen von mehr als zwei Milliarden Euro zu den größten unabhängigen Vermögensverwaltern in Deutschland.
