Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Volkswirt Ulrich Kater
USA-Politik: Warum sowohl Vorsicht als auch Zuversicht angebracht ist
Nachdem ab Anfang April an den Finanzmärkten wie auch in der öffentlichen Debatte Hysterie ausgebrochen war über Maßnahmen und Regierungsstil der neuen US-Administration, ist die Zuversicht wieder zurückgekommen.
Ende April hatte sich die gehandelte kurzfristige Volatilität des S&P 500 aber auch des Euro Stoxx 50 mit 24 Prozent beziehungsweise 21 Prozent wieder in eine Handelsspanne eingependelt, die sich für stressfreie Zeiten etabliert hat. Es schienen Gewöhnungseffekte eingezogen zu sein, die erratischen Ankündigungen und Rücknahmen von Zöllen aus dem Weißen Haus bewegten an den Märkten kaum noch etwas.
Die Aktienmärkte nutzten diese Gewöhnungsphase zur Kurserholung. Dann kamen die ersten Ergebnisse von Zollverhandlungen, und insbesondere die rasche Einigung der USA mit China euphorisierte die Märkte wieder.
Bisher erlassene Maßnahmen noch nicht in makroökonomischen Daten sichtbar
Beides ist angebracht, sowohl Vorsicht, als auch Zuversicht. Angesichts der Tragweite der politischen Agenda der Trump-Regierung sollte man nicht erwarten, dass sich alles wieder so einrenkt, wie es früher einmal gewesen ist. Denn zum einen bleibt der disruptive Ansatz der neuen US-Handels- und Außenpolitik bestehen. Zum anderen sind auch die bisher erlassenen Maßnahmen noch nicht in den makroökonomischen Daten sichtbar.
Die derzeit wichtigste Frage für die Aktien- und Anleihemärkte lautet: Wie groß fallen die konjunkturellen Schäden aus, die das bisherige Zollchaos ausgelöst hat? Dabei sind negative Folgen sowohl aus den Zöllen selbst, über die Handelsbeschränkungen, als auch über das erzeugte Chaos, über die Unsicherheit der Investoren, zu erwarten. Die Konjunkturprognosen für die USA sind bereits deutlich heruntergenommen worden, und diese Rücknahme ist in den Aktienkurzen bereits enthalten. Das gilt allerdings nicht für eine faustdicke Rezession in den USA, die sich glücklicherweise in den aktuellen Arbeitsmarktzahlen nicht andeutet.
Entsprechend besteht durchaus noch Spielraum für Enttäuschungen sowohl auf der Makro- als auch auf der Mikroebene, also sowohl bei gesamtwirtschaftlichen Daten als auch bei den Berichten und Ausblicken der Unternehmen.
Weltwirtschaft wird halten, sich jedoch neu strukturieren
Eine Stimmung wie in den vergangenen Krisenepisoden ist für die Weltwirtschaft nicht angemessen. Die Weltwirtschaft wird halten, sie wird sich jedoch neu strukturieren. Die Unternehmen sprechen derzeit von Unsicherheit und verhaltenen Aktivitäten, aber nicht von einem Absturz. Unternehmen sind in der Lage, sich an neue Rahmenbedingungen schnell anzupassen, wie wir in den vergangenen Jahren immer wieder gesehen haben.
Die Frage nach der Attraktivität von Aktienmärkten für die privaten Haushalte in der gegenwärtigen Zeit ist daher so zu beantworten wie ansonsten (fast immer) auch. Auf die lange Zukunft gerichtet, sind Aktien weiterhin attraktiv und ein unverzichtbarer Bestandteil jeden Vermögens. Und gerade die erste Maihälfte hat wieder einmal gezeigt, dass vermeintlich sicheres Timing an den Aktienmärkten nicht funktioniert: eben noch im Krisenmodus, hellen handelspolitischen Entwicklungen urplötzlich die Erwartungen wieder auf.
Von den aktuellen Bewertungen spricht vieles für die Fortsetzung von bestehenden und langfristig ausgerichteten Aktiensparplänen. Einmalige zur Disposition stehende Vermögensbeträge sollten ebenfalls gestaffelt mit Beginn heute über die kommenden zwölf Monate investiert werden. Auf diese Weise nimmt man auch an noch günstigeren Einstiegskursen teil, sollten die US-Märkte aufgrund ungünstiger Wirtschaftszahlen künftig vorübergehend noch einmal nach unten korrigieren.