Carlos von Hardenberg, Portfoliomanager bei Franklin Templeton

Carlos von Hardenberg, Portfoliomanager bei Franklin Templeton

Türkei: „Gefallene Kurse zum Kauf nutzen“

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DAS INVESTMENT.com: Herr von Hardenberg, Sie leben mit Ihrer Familie in Istanbul. Was hat sich seit Ausbruch der Unruhen Ende Mai im alltäglichen Leben geändert?

Von Hardenberg: Die Menschen sind sensibilisiert. Die Proteste sind zwar stiller geworden, was auch mit der Fastenzeit und der Sommerhitze zu tun hat. Aber es ist immer noch eine Protesthaltung vorhanden. In allen Kreisen der Gesellschaft stellt man sich Fragen, die man sich vorher weniger gestellt hat: Was für eine Türkei wünscht man sich? Wie interpretiert man Demokratie und Freiheit? Inwieweit sollte ein Ministerpräsident in das Privatleben von Familien eingreifen dürfen? Der Aufbruch ist langfristig gut für die Entwicklung einer bürgerlichen Gesellschaft in der Türkei. Man kann nur hoffen, dass sich daraus jetzt im Hinblick auf die Wahlen 2014 auch institutionell etwas entwickelt und sich Alternativen zur bisherigen Führungselite ergeben, dass die Zusammensetzung des Parlaments demokratischer und pluralistischer wird. Noch ist die Opposition sehr schwach aufgestellt.

DAS INVESTMENT.com: Und welche Auswirkungen hatten die Unruhen auf die Wirtschaft?

Von Hardenberg: Die Zinsen sind gestiegen. Die Nachfrage nach Krediten ist gefallen. Unternehmen hatten in diesem Jahr nicht so gute Quartale wie in den vergangenen Jahren. Es gibt eine gewisse Verlangsamung, die nicht nur auf die Proteste zurückzuführen ist. Diese haben aber sicherlich zum Rückgang des Binnenkonsums beigetragen. Die Menschen sind zwar nicht nachhaltig verunsichert, aber sie sind etwas vorsichtiger geworden. Die Türken sind Volatilität gewohnt. Die Stabilität der letzten Jahre ist eigentlich eher ungewöhnlich.

DAS INVESTMENT.com: Und die Firmen?

Von Hardenberg: Ich habe seit dem Ausbruch der Unruhen mit vielen Unternehmern gesprochen. Sie haben nichts an der Unternehmensplanung und ihren Budgets geändert. Die mittel- und langfristige Perspektive des Landes ist nach wie vor äußerst vielversprechend. Die Privatisierungen gehen weiter. Die Zeichen stehen auf Wachstum.

DAS INVESTMENT.com: Gibt es Branchen, die besonders leiden, etwa der Tourismus?

Von Hardenberg: Dort gab es zu Anfang der Proteste einen kleinen Knick. Die Zahlen von Turkish Airlines beispielsweise sind aber nach wie vor sowohl beim Binnen- als auch beim Transferverkehr  extrem stark und in diesem Jahr um 25 bis 30 Prozent gestiegen. Bei den Hotels ist die Auslastung im Sommer gut. Der Tourismus ist nicht wirklich in Mitleidenschaft gezogen worden. Ich glaube auch nicht, dass irgendein anderer Sektor nachhaltig Schaden genommen hat. In der Bredouille sind nur Firmen, die von der AKP-Politik negativ beeinflusst werden. Zum Beispiel die Brauereien, die sich auf die Türkei konzentrieren. Die Türkei hat mittlerweile die höchste Biersteuer der Welt.

DAS INVESTMENT.com: Gibt es denn im Gegenzug Branchen oder Unternehmen, die profitieren – vor allem, wenn man die Proteste weniger als Unruhen, sondern eher als Aufbruchstimmung versteht?

Von Hardenberg: Aufbruchstimmung ist ohnehin in allen Sektoren vorhanden – sei es der Bausektor, der Konsum, der Tourismus. Die Unternehmen beschränken sich nicht auf die Türkei, sondern haben in den vergangenen Jahren extrem expandiert in Länder wie Kasachstan, Aserbaidschan, nach Nordafrika oder gen Norden in die Ukraine, nach Russland. Türkische Brauereien haben zum Beispiel massiv Marktanteile in Russland aufgebaut.

DAS INVESTMENT.com: Moody’s und Fitch haben der Türkei in diesem Jahr den Investmentgrade-Status verliehen. Sehen Sie diesen in Gefahr?

Von Hardenberg: Überhaupt nicht. Die öffentliche und private Verschuldung in der Türkei ist sehr gering. Die Inflation ist weitgehend unter Kontrolle. Die Situation der Banken ist besser als in allen anderen europäischen Ländern. Für uns als Investor ist das Rating aber auch nicht so relevant. Wir schauen uns selbst die Daten an und ziehen lieber unsere eigenen Schlüsse.

DAS INVESTMENT.com: Ist denn die kürzlich erfolgte Zinserhöhung in der Türkei für Sie relevant? Hat die Notenbank richtig gehandelt?

Von Hardenberg: Die ist definitiv relevant. Dieser Schritt veranlasst ein wenig zur Sorge, dass die Zentralbank politisiert wird. In der Vergangenheit hat sich die Zentralbank weitgehend sehr weise verhalten, und man legt auch einen großen Wert auf ihre Unabhängigkeit. Um den Schritt zu verstehen, hilft ein Blick in die jüngere Vergangenheit.  2000/2001 fiel das Land auseinander, Banken meldeten bankrott, die Arbeitslosigkeit ging durch die Decke. Diese Erfahrung steckt den Türken noch so in den Knochen, dass jede geld- und zinspolitische Entscheidung in dem Bewusstsein getroffen wird, dass sich die Lage schnell drehen kann und die Dinge plötzlich wieder schief laufen können. Insofern würde ich die aktuelle Zinsentscheidung als konservativ werten. Regierung und Zentralbank sind daran interessiert, den starken Bankensektor beizubehalten und die faulen Kredite zu begrenzen.

DAS INVESTMENT.com: Wie wirken sich die Unruhen und die Zinserhöhung auf den Aktienmarkt aus?

Von Hardenberg: Der Aktienmarkt hat sehr stark reagiert. Allerdings muss man das relativ betrachten. Der türkische Aktienmarkt hat sich in den vergangenen Jahren sehr gut entwickelt. Allein 2012 ist er um 54 Prozent gestiegen. In diesem Jahr fing es gut an. Dann gab es ab Ende Mai die Korrektur. Sie war teilweise emotional, zudem haben gerade lokale Investoren Gewinne der letzten Jahre mitgenommen.

DAS INVESTMENT.com: Haben wir jetzt Einstiegskurse?

Von Hardenberg: Im internationalen Vergleich ist die Bewertung der türkischen Aktien immer noch sehr günstig. Die Banken handeln etwa mit einer Prämie von 15 bis 20 Prozent auf ihren Buchwert. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis der einzelnen Sektoren liegt beim 7- bis 11-Fachen. Solche kurzfristigen Reaktionen, die die Kurse fallen lassen, bieten Chancen um langfristige Positionen aufzubauen.

DAS INVESTMENT.com: Wann ziehen die Kurse wieder an?

Von Hardenberg: Ich denke, bis zu den Wahlen 2014 wird das Auf und Ab am Markt anhalten. Eine sehr starke, kurzfristige Erholung ist eher unwahrscheinlich. Man wird erst abwarten, wie die Wahlen ausgehen, dann wird die Nachfrage nach türkischen Unternehmen wieder anziehen. Für unsere Fonds ist der kurzfristige Ausblick aber auch nicht entscheidend, sondern eher die Sicht auf drei bis fünf Jahre. Und hier sehe ich ganz signifikante Wachstumschancen für türkische Unternehmen. Kurzfristige volatile Phasen wie aktuell, in denen Unternehmen plötzlich ohne fundamentalen Grund 20 Prozent billiger sind, nutzen wir zum Zukauf.

DAS INVESTMENT.com: Wie geht’s weiter in der Türkei?

Von Hardenberg: Die Türkei wird sich gut entwickeln. Die Unternehmen zahlen attraktive Dividenden. Viele haben die guten Jahre genutzt, um ihre Bilanzen aufzupolieren. Sie haben davon profitiert, dass es das regulatorische Umfeld nicht mehr erlaubt, Schulden in ausländischer Währung aufzunehmen – es sei denn, sie können die Zinslast über Exporte in Fremdwährung abdecken. Die Kombination  aus politischer Unterstützung der meisten Sektoren und einer gesunden Binnenwirtschaft plus einer stärker werdenden Position in den Exportmärkten, kommt den Unternehmen zugute. Das einzige, was die Erfolgsgeschichte stoppen könnte, ist ein unbefriedigender Wahlausgang. Ein nicht entscheidungsfähiges Parlament ist zurzeit das größte Risiko der Türkei. Zu vielen Interessensgruppen ist dies jedoch bewusst, so dass eine solche Situation eher unwahrscheinlich ist.

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