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Kundgebung in Istanbul: Investoren besorgt die Entwicklung der Türkei | © Getty Images

Türkei in den Schlagzeilen Anleger zwischen Entzücken und Entsetzen

Die Geschichte vergleichbarer Länder reicht vom spannenden Turnaround bis hin zum tragischen Scheitern. Angesichts des hohen Indexanteils der Türkei ist das Schicksal dieses Landes für Emerging-Market-Anleiheinvestoren allerdings von entscheidender Bedeutung.

Die Türkei könnte einen ähnlichen Weg wie Argentinien einschlagen. Hier wurde die Kirchner-Regierung als Vorbote für mehr Stabilität gefeiert. Doch dann betrieb sie eine populistische Politik und wirtschaftliches Missmanagement. Am Ende musste der IWF rettend eingreifen, und es kam zu einem dringend notwendigen Regimewechsel. Argentinien ist noch lange nicht am Ziel seines schweren Wegs.

Auch deshalb ist es sinnvoll, bei türkischen Staatsanleihen und bei Lira-Anlagen vorsichtig zu sein. Dank dieser Positionierung waren die Vermögen der Investoren ein Stück weit vor der jüngsten Schwäche des türkischen Markts geschützt.

In den frühen 2000er-Jahren galt die Türkei als künftiges EU-Mitglied. Es folgte ein goldenes Jahrzehnt, in dem viele Türken der Armut entkamen. In den letzten Jahren hat sich dieser Werdegang allerdings stark gewendet. Die staatlichen Institutionen verloren langsam aber sicher an Glaubwürdigkeit und es wurden viele wirtschaftspolitische Fehler gemacht.

Dass Erdogans Regierung ursprünglich als pragmatisch und marktfreundlich gepriesen wurde, ist lange vergessen. Für Emerging-Market-Anleiheinvestoren wie Investec AM ist es sehr wichtig, ob ein Regierungschef eher pragmatisch oder ideologisch-populistisch ist. In ihren mittlerweile drei Amtszeiten hat sich die Erdogan-Regierung auf beunruhigende Weise aus der pragmatischen Ecke in die ideologisch-populistische bewegt. Damit einhergehend sind die staatlichen Institutionen immer schwächer geworden, sodass die Türkei heute quasi autokratisch regiert wird.

Man hatte gehofft, dass Erdogan nach seiner Wiederwahl im letzten Jahr eine recht pragmatische Regierung bilden würde – mit der Aussicht auf eine Wiederbelebung der Strukturreformen und eine wieder orthodoxere Wirtschaftspolitik. Stattdessen setzte er seinen Schwiegersohn als Finanzminister ein. Zudem erließ er ein Dekret, das die staatlichen Organe erheblich schwächte und dem Präsidenten mehr Macht über die Geldpolitik verleiht.

Die Entwicklungen in den letzten Wochen haben politische und wirtschaftliche Bedenken ausgelöst. Zu diesen Entwicklungen zählen mutmaßliche Währungsinterventionen vor der Wahl, die Weigerung der Regierung, die Niederlage in Istanbul anzuerkennen und die ebenso schwachen wie erfolglosen Bemühungen, die Umtauschwelle von Lira-Vermögen in US-Dollar zu stoppen.

Durch die zunehmende Autokratie und die damit verbundene Unterdrückung der Opposition, der Bürgerrechte und der Pressefreiheit steigt das Risiko schmerzhafter Wirtschaftssanktionen. Die Marktteilnehmer werden immer besorgter. Die Türkei hat keine Rohstoffe, mit denen sie die Verschlechterung ihrer Wirtschaftsstruktur bremsen oder übertünchen könnte. Wie geht es also weiter?

Wenn die türkische Regierung die Demokratie und Institutionen weiter untergräbt, sodass sich die Türkei einem Zahlungsausfall nähert und Hilfe vom IWF benötigt, könnte das Land am Ende in eine ähnliche Lage geraten wie Argentinien vor Macri. Dass die türkische Regierung die Wahl in Istanbul – bei der ihr Wunschkandidat unterlag – zunächst nicht anerkannte, spricht dafür, dass der Türkei genau dieses Schicksal bevorsteht. Das ist zwar nicht der schlimmste aller möglichen Ausgänge, aber ganz sicher auch kein guter.

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