Türkei-Schock Unkontrollierter Flächenbrand in den Schwellenländern ist unwahrscheinlich

Thomas Kruse, CIO von Amundi Deutschland: „Sofern die Regierung in Ankara Entscheidungen nicht aufschiebt, ließe sich die Türkei-Krise rasch bewältigen.“ | © Amundi Asset Management

Thomas Kruse, CIO von Amundi Deutschland: „Sofern die Regierung in Ankara Entscheidungen nicht aufschiebt, ließe sich die Türkei-Krise rasch bewältigen.“ Foto: Amundi Asset Management

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Die rasante Abwertung der türkischen Lira in den vergangenen Wochen ist Folge des auf unsicherem Fundament gebauten konjunkturellen Wachstums in der Türkei – ein Fundament, zusammengegossen aus steigender Verschuldung der Privatwirtschaft, die Schulden allzu oft in ausländischen Währungen aufgenommen hat, und einem sich ausweitenden Staatshaushaltsdefizit, das zuletzt in immer stärkerem Maß von kurzfristig angelocktem Kapital unter dem Deckel gehalten wurde. Unserer Einschätzung nach handelt es sich bei der Währungskrise des EU-Anrainers um eine klassische Verschuldungskrise, die durch eine ungesunde Schieflage der Zahlungsbilanz hervorgerufen worden ist.

Schon vor dem Türkei-Schock, der jetzt die Märkte aufwühlt, galt das Land als eine der fragilsten Volkswirtschaften unter den Schwellenländern. Sofern die Regierung in Ankara Entscheidungen nicht aufschiebt, ließe sich die Notlage rasch bewältigen: Ein Mix aus geldpolitischen Maßnahmen, wirtschaftlichen Reformen und nicht zu harten temporären Kapitalkontrollen könnte die Folgen der Krise abmildern. Sehr zuträglich wäre auch eine leicht zu erreichende Deeskalation im Konflikt der USA mit der Türkei. Auf kurze Sicht sollten Anleger aber keine rasche Lösung erwarten: Die Marktvolatilität wird zunächst hoch bleiben.

Geringe Ansteckungsrisiken für die Eurozone

Es ist davon auszugehen, dass sich die wirtschaftliche Lage in der Türkei zunächst weiter verschlechtert. Die Eurozone dürfte davon aber nur kaum in Mitleidenschaft gezogen werden. Zum Vergleich: Die Exporte der Eurozone in die Türkei belaufen sich auf lediglich 0,6 Prozent des Eurozone-Bruttoinlandsprodukts (BIP). Im Jahr 2001, als das BIP der Türkei von der schwersten Rezession belastet wurde, die das Land seit 20 Jahren gesehen hatte, und um 6 Prozent fiel, setzten die Exporte der Eurozone in die Türkei lediglich um 20 Prozent zurück. Daraus folgt: Ein ähnlicher Schock heute würde das Eurozone-BIP nur um 0,1 Prozent verringern. Ebenfalls optimistisch stimmt uns, dass ein ähnlich gravierendes Erlahmen der türkischen Wirtschaftsleistung wie im Jahr 2001 derzeit wohl nicht zu erwarten sein dürfte.

Richtig ist: Einige wichtige Banken in der Eurozone haben sich in türkischen Banken engagiert, vor allem Institute in Spanien, Italien und Frankreich. Sie werden kaum umhin kommen, Verluste einzufahren. Der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zufolge sind türkische Banken mit 83 Milliarden US-Dollar bei spanischen Banken verschuldet, mit 38 Milliarden US-Dollar bei französischen und mit 17 Milliarden US-Dollar bei italienischen, jeweils sowohl in Lokalwährungen als auch in anderen Devisen. Zugegebenermaßen hohe Summen, die sich für die verschiedenen Banken aller drei genannten Länder jedoch als eine einigermaßen verträgliche Belastung herausstellen sollten.

Gut aufgestellte Schwellenmärkte sollten unbehelligt bleiben

Anleger in den Schwellenmärkten sollten die Vorgänge in der Türkei allerdings nicht auf die leichte Schulter nehmen. Gerade in Zeiten zurückgehender Liquidität haben die aufstrebenden Volkswirtschaften mit steigender Volatilität zu kämpfen. Und das Kapitalmarktumfeld hat sich zuletzt verändert: Die US-Zinsen steigen und der US-Dollar wertet auf. Dennoch erwarten wir, dass Schwellenländer mit starken fundamentalen Kennzahlen, niedriger externer Verschuldung und geringer Abhängigkeit von stetigen Kapitalzuflüssen aus dem Ausland auf Kurs bleiben.

Auch wenn manche Investoren verunsichert sind, wenn sie sich mit Blick auf die Schwellenländer um etwaige Folgen der globalen Handelskonflikte sorgen, sollten weiterhin die guten makroökonomischen Zahlen im Vordergrund stehen. In Russland beispielsweise scheinen zusätzliche Wirtschaftssanktionen des Westens der konjunkturellen Entwicklung nur wenig zu schaden: Unter Druck wurden schließlich die längst überfälligen Reformen in die Wege geleitet und die Wirtschaft dadurch auf eine stabilere Basis gestellt. Vor dem Hintergrund der steigenden Ölpreise hat sich zuletzt sogar ein Haushaltsüberschuss ergeben.