Seit 20 Jahren ist er an der Macht und ein Ende ist nicht in Sicht. Obwohl Umfragen und Wahlbeobachter im Vorfeld Recep Tayyip Erdogan kaum Chancen auf eine Wiederwahl einräumten, setzte sich der amtierende türkische Ministerpräsident mit rund 52 zu 48 Prozent der Stimmen erneut gegen die Opposition im Land durch. Die Frustration vieler Wähler über den Umgang mit der Erdbebenkatastrophe und die seit Jahren verfehlte Währungspolitik, die ausländische Investoren von Investitionen in der Türkei abschreckt, reichten am Ende nicht aus, um eine politische Wende herbeizuführen.
Türkischer Aktienindex ISE 100 erholt sich nach anfänglichen Verlusten
Die Reaktion der Märkte ließ nicht lange auf sich warten. Der wichtigste türkische Aktienindex ISE 100 verlor nach der Stichwahl zunächst 7 Prozent an Wert. In den vergangenen Tagen hat das Börsenbarometer jedoch wieder deutlich an Schwung gewonnen. Seit Erdogans Wiederwahl zum Präsidenten Ende Mai hat der Index, der die 100 wichtigsten Unternehmen der Türkei repräsentiert, um ein Viertel zugelegt - allerdings nur in der Landeswährung Lira. Diese verlor seit der Wiederwahl massiv an Wert. „Die Ergebnisse der türkischen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen sind eindeutig enttäuschend für Investoren, die mit einem Sieg der Opposition und einer vollständigen Rückkehr zu einer konventionellen Wirtschaftspolitik gerechnet hatten“, kommentiert Eldar Vakhitov vom Investmentteam des M&G Emerging Markets Bond Fund den Wahlausgang.
Erdogans unorthodoxe Geldpolitik belastet Wirtschaft und Währung
Seit Jahren schwächelt die türkische Währung. Erhielt man Anfang 2014 für einen Euro nur 2,96 türkische Lira, sind es heute mehr als 25 türkische Lira. Was Türkei-Urlauber freut, lastet auf der Bevölkerung im Land. Denn der Währungsverfall führt zu steigenden Preisen. Schuld daran ist vor allem Erdogan selbst mit seiner jahrelangen unorthodoxen Geldpolitik. Trotz galoppierender Inflation hielt der Präsident an niedrigen Zinsen fest – entgegen der gängigen Praxis, einer hohen Inflation mit einer Erhöhung des Leitzinses zu begegnen. Lag die offizielle Inflationsrate in der Türkei im Jahr 2021 noch bei 20 Prozent, schnellte sie im vergangenen Jahr zwischenzeitlich auf 85 Prozent hoch.
Auch die Arbeitslosigkeit ist mit einer Quote von 13 Prozent nicht zufriedenstellend. Viele Türken können sich kaum noch Lebensmittel oder einen Kurzurlaub leisten. Die Preise für Milch, Brot und Fleischprodukte steigen monatlich, die Mieten in den Innenstädten von Istanbul, Izmir und Ankara sind kaum noch bezahlbar. Der Mindestlohn in der Türkei beträgt umgerechnet 440 Euro, der Durchschnittslohn liegt mit 635 Euro etwas höher.
Da verwundert es wenig, dass der Misery-Index für die Türkei bei 57 liegt, während das Barometer für Deutschland 13 Punkte anzeigt. Noch höhere Werte im Elendsranking erreichen lediglich Grenzmärkte wie Venezuela oder Argentinien. Die Armutskennziffer wird aus der Summe von Inflation und Arbeitslosigkeit berechnet und wurde von Arthur Okun als ökonomische Kennziffer entwickelt. Dahinter steht die Annahme, dass sowohl Arbeitslosigkeit als auch Inflation hohe wirtschaftliche und soziale Kosten verursachen und die Menschen besonders belasten. Manchmal führt dies zu einer Verschiebung der politischen Kräfteverhältnisse in einem Land, manchmal, wie in der Türkei, aber auch nicht.
Investoren schöpfen Hoffnung: Wende in der Geldpolitik in Sicht?
Trotz der Wiederwahl Erdogans keimt bei den Investoren Hoffnung auf. War zunächst zu befürchten, dass Erdogan seine von vielen Seiten kritisierte Geldpolitik unvermindert fortsetzen würde, deuten die jüngsten Personalentscheidungen auf eine Wende in der Geldpolitik hin.
Von Hafize Gaye Erkan dürften selbst die meisten Türken noch nie etwas gehört haben. Die 43-jährige in Istanbul geborene Finanzexpertin war nach dem Studium in ihrer Heimatstadt in die USA gegangen und hatte dort nach dem Besuch von Eliteuniversitäten eine erfolgreiche Karriere bei amerikanischen Banken begonnen. Erkan war bis 2021 für sechs Monate stellvertretende Generaldirektorin der insolventen First Republic Bank, die 2023 von JPMorgan übernommen wurde. Vorher war sie neun Jahre lang leitende Bankanalystin bei Goldman Sachs. Jetzt ist sie die erste Frau auf dem Chefsessel der türkischen Notenbank.
Zuvor hatte Erdogan mit Mehmet Simsek bereits einen ehemaligen Investmentbanker zum Finanzminister ernannt. Seine Hauptaufgabe dürfte die Bekämpfung der hohen Inflation sein. Doch genau hier bahnt sich ein Konflikt mit Erdogan an. Mehrere Notenbankchefs, die anderer Meinung waren als Erdogan und die Zinsen erhöhen wollten, wurden vom Präsidenten kurzerhand per Dekret vor die Tür gesetzt. Derzeit liegt der Leitzins bei 8,5 Prozent, die offizielle Inflationsrate bei 40 Prozent.
Glaubwürdige Wirtschaftspolitik als Schlüssel zur Attraktivität für Investoren
Notwendige Reformen wie die Anhebung der Leitzinsen dürften allerdings vorübergehend zu mehr Firmenpleiten und höherer Arbeitslosigkeit führen. Viele Experten fragen sich daher, ob Erdogan wirklich bereit ist, seinen Kurs zu ändern. Zumindest riecht es weiter nach Verunsicherung statt nach einer echten Trendwende. „Selbst im günstigsten Fall ist eine vollständige Rückkehr zur konventionellen Politik unwahrscheinlich. Die Auswirkungen der Wahlen auf das Kreditprofil des Landes sind daher eindeutig negativ, und die seit langem bestehendem wirtschaftlichem Schwächen der Türkei werden wieder in den Vordergrund rücken“, sagt M&G Experte Eldar Vakhitov. All diese Faktoren dürften seiner Meinung nach Investoren weiterhin davon abhalten, in die türkische Wirtschaft zu investieren. Diese sei jedoch zunehmend auf Ad-hoc-Zuflüsse aus dem Ausland angewiesen, um ihren hohen Außenfinanzierungsbedarf zu decken.






Mohamed Elmi, Fondsmanager für Schwellenländeranleihen bei Federated Hermes, betont, dass allein die Rückkehr zu einer glaubwürdigen Wirtschaftspolitik die Attraktivität der Türkei für Investoren deutlich erhöhen würde. Langfristig sieht der Experte die Aussichten für die Türkei weiterhin sehr positiv. „Als eine der wichtigsten aufstrebenden Volkswirtschaften der G20, mit einer jungen Bevölkerung, einer aufstrebenden Mittelschicht und einer strategisch wichtigen Lage hat das Land eine Reihe von Faktoren, die für sich sprechen“, meint Elmi.
Manager Ignebekcili schnürt mit dem HSBC-Turkey das beste Paket für türkische Aktien
Interessierte Anleger, die das Risiko nicht scheuen, können entweder über ETFs von iShares, Lyxor und HSBC oder über aktiv gemanagte Fonds von HSBC, Erste Bank, BNP Paribas oder Akbank in den türkischen Aktienmarkt investieren. Neben der Aussicht auf wirtschaftspolitische Veränderungen sind viele Aktien mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen um 4 auch nach der Rally des vergangenen Jahres spottbillig. Ein Einstieg ist allerdings nur hartgesottenen Anlegern mit viel Mut zu empfehlen. Das Geld der Investoren fließt am Bosporus so schnell zu wie es auch abgezogen wird.
Beim iShares MSCI Turkey investieren Anleger in die 18 größten Unternehmen der Türkei. Zu den Top-Holdings gehören Bim Birselik Magazalar, Turk Hava Yollari und die Koc Holding. Auf Jahressicht konnten Anleger ihren Einsatz um 58 Prozent steigern. Der HSBC Turkey Equity legte um 86 Prozent zu. Der von Murat Ignebekcili gemanagte aktive Fonds schneidet über alle Zeiträume besser ab als die Konkurrenz und ist auch das einzige Produkt, das über zehn Jahre nicht im Minus liegt. Mit plus 44 Prozent beträgt der Abstand zum zweitplatzierten Fonds, dem Erste Stock Istanbul, mehr als 60 Prozentpunkte.
Manager Ignebekcili weicht immer wieder von seiner Benchmark ab. Aus dem 100 Werte umfassenden Vergleichsindex ISE 100 filtert er aktuell die 37 aus seiner Sicht aussichtsreichsten Werte heraus. Hoch gewichtet sind derzeit der Autohersteller Tofas Turk Otomobil Fabrika und der Einzelhändler Migros Ticaret. Der Nachteil bei den türkischen Fonds: Sie werden nicht in währungsgesicherten Tranchen angeboten, so dass Anleger immer ein Währungsrisiko einkalkulieren müssen.



