Überangebot Warum niedrige Ölpreise für Finanzmärkte problematisch sind

Öl-Bohrinsel in der Nordsee. Der niedrige Ölpreis beeinflusst das Wachstum vieler Volkswirtschaften enorm. (Bild: Getty Images)

Öl-Bohrinsel in der Nordsee. Der niedrige Ölpreis beeinflusst das Wachstum vieler Volkswirtschaften enorm. (Bild: Getty Images)

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Dass sich Investoren Sorgen machen, wenn aufgrund schwacher globaler Nachfrage die Energiepreise nachgeben, ist verständlich. Nur: Die gegenwärtige Schwäche der Ölpreise hat weniger mit der Nachfrage als vielmehr mit dem Angebot zu tun. Insbesondere seit amerikanische Förderer ihren Output an Schieferöl so drastisch ausgeweitet haben, dass die USA nun einer der weltweit größten Anbieter und seit kurzem sogar Exporteur sind, geben die Preise für das schwarze Gold nach. Allein in den ersten drei Januarwochen fielen sie um gut 25 Prozent.

Obwohl sich die Notierungen seitdem etwas erholt haben, ächzen die Preise unter dem globalen Überangebot von rund 1,5 Millionen Barrel pro Tag. Umso besser, mag man denken, denn eine angebotsseitige Ölpreisschwäche wirkt ja erst recht wie eine Steuersenkung. Sie senkt die Kosten für Unternehmen und gibt Haushalten die Möglichkeit, gesparte Energieausgaben für anderweitigen Konsum zu verwenden.

Niedrige Ölpreise machen den Finanzmärkten jedoch auch zu schaffen. Dafür gibt es mehrere Gründe:

Niedrige Ölpreise schwächen Schwellenländer

Der Zusammenhang zwischen Rohstoffpreisen und dem Wachstum in Emerging Markets ist stark ausgeprägt. Er ist zwar nicht immer konsistent, weil manche Länder eher Rohstoffimporteure als -exporteure sind. Per saldo sind aber viele Staaten massiv betroffen, wenn die Ölpreise lange sehr niedrig bleiben. Da Schwellenländer im letzten Jahrzehnt maßgeblich zum globalen Wachstum beigetragen haben, bedeutet eine Schwächung dieser Länder implizit auch einen Dämpfer für die Weltwirtschaft. Entsprechend negativ wird dieser Zusammenhang von den Finanzmärkten interpretiert.

Weniger Wachstum in den USA

Die in den letzten Jahren oft gefeierte Reindustrialisierung der US-Wirtschaft hatte zum Teil mit dem erheblichen Kapazitätsaufbau in der Schieferölbranche zu tun. Investitionen in Förderstätten, Exploration und Weiterverarbeitung unterstützten das Wachstum und schafften Arbeitsplätze. Seitdem die Ölpreise sinken und rund 60 Prozent der Förderstätten in den USA zumindest vorübergehend stillgelegt wurden, entwickelt sich auch die Industrieproduktion eher negativ. Die entsprechende Wachstumsdämpfung in der größten Volkswirtschaft der Welt provoziert Rezessionsängste. Und die wiederum sind Gift für Aktienkurse.

Einnahmeausfälle erzwingen Verkäufe seitens Staatsfonds

In den Jahren hoher Ölpreise haben Staatsfonds großer Förderländer zum Teil erhebliche Reserven aufgebaut. Diese Reserven, die zumeist in Aktien und Anleihen von Industrieländern investiert sind, werden nun graduell abgeschmolzen, weil wegen der niedrigen Ölpreise den Förderländern Einnahmen zur Finanzierung ihrer Staatsbudgets fehlen. Selbst Saudi-Arabien hat kürzlich Sozialleistungen gekappt und sogar wieder Fremdmittel am Kapitalmarkt aufgenommen. Werden Staatsfonds von Förderländern darüber hinaus gezwungen, in erheblichem Umfang Assets zu verkaufen, erhöht dies das Angebot an Finanztiteln. Steht diesem erhöhten Angebot keine entsprechende Nachfrage gegenüber, was in Zeiten angeschlagener Finanzmarktstimmung keine allzu weltfremde Annahme ist, geraten die Asset-Preise unter Druck.

Realzinsen zwingen Zentralbanken zu extremen Maßnahmen

Dauerhaft niedrige Ölpreise wirken nicht nur auf die Kerninflation, sondern beeinflussen auch die Inflationserwartungen, die ebenfalls auf dem Rückzug sind. Die Zentralbanken reagieren dann mit immer expansiveren Maßnahmen, darunter Asset-Käufe und negative Einlagezinsen.

Obwohl diese Politik angesichts der Vorgaben des üblichen Zentralbankmandats rational ist hat sich zuletzt gezeigt, dass der Markt derartige monetäre Lockerungen nicht mehr positiv sieht. Vor allem angesichts der Bankenschwäche bleiben Negativzinsen nicht ohne Nebenwirkungen. Außerdem signalisieren negative Zentralbankzinsen sehr schwache Wachstumserwartungen. Das wiederum stimmt Anleger pessimistisch.

Es gibt also eine ganze Reihe von Gründen, warum die niedrigen Ölpreise vom Markt derzeit eher als Risiko denn als Chance begriffen werden. Soweit so gut. Doch wie geht es weiter? Gibt es Aussicht auf bald wieder steigende Ölpreise? Könnte eventuell sogar ein plötzlicher Preissprung zu einer Belastung für Konsum und Unternehmen werden?

Prognose: Ölpreis bleibt niedrig

Wir glauben, dass dies nicht der Fall sein wird. Für eine schnelle Stabilisierung des Ölpreises braucht es eine Einschränkung der Produktionsmenge. Die hierfür nötige politische Übereinkunft scheitert regelmäßig daran, dass der weltgrößte Förderer, Saudi-Arabien, seine benachbarten Konkurrenten und Erzfeinde im Iran und Irak klein halten möchte. Und das geht am besten bei niedrigen Ölpreisen.

Außerdem würde wohl im Falle einer Einigung auf Output-Kürzungen vor allem der Futures-Markt reagieren, während die exorbitante Lagerhaltung auf mittlere Sicht weiter Druck auf die Spottpreise ausüben würde. Drittens schließlich dürften angesichts hoher Preissteigerungen Anbieter, die ihre Anlagen vorübergehend stillgelegt haben, schnell an den Markt zurückkehren.