Das Versprechen von Mario Draghi, wonach die Europäische Zentralbank bereit ist, die Konjunktur, wenn nötig, noch stärker zu stimulieren, trifft bei Volkswirten auf Anklang. Die Ökonomen halten die Erholung des Euroraums für zu kraftlos, um nachhaltig zu sein.
Über zwei Drittel der Teilnehmer an einer Bloomberg Umfrage rechnen damit, dass der EZB-Präsident das 1,14-Billionen-Euro- Programm zur quantitativen Lockerung entweder ausweiten oder verlängern wird. Fast alle stimmen darin überein, dass dies innerhalb der nächsten neun Monate geschehen wird. Zwar sieht eine wachsende Anzahl der Befragten derzeit eine stärker werdende Konjunktur; gleichzeitig sind sie jedoch davon überzeugt, dass sie nicht von Dauer sein wird.
Der EZB-Rat hat sich bereits besorgt gezeigt über das Abflauen des Welthandels, das die für die Wirtschaft des Euroraums wichtigen Exporte schwächen dürfte bevor die Binnennachfrage stark genug ist, die Verluste wettzumachen. Die Notenbank hat im September ihre Prognosen für Wachstum und Inflation bis in das übernächste Jahr gesenkt. Draghi hat vor Reportern erklärt, die quantitative Lockerung sei in Umfang, Dauer und Zusammensetzung flexibel.
„QE-Risiken werden zu einem fast schon permanenten Merkmal“, sagte Gianluca Sanna, Portfolio-Manager bei Banca Monte dei Paschi di Siena in Mailand. „Es ist durchaus richtig, dass die Eurozone eine Phase anständigen, vielleicht sogar das Potenzial übertreffenden, Wachstums der Wirtschaftsleistung durchläuft; aber wahrscheinlich trägt das, was wir derzeit erleben, sich nicht selbst und die Eurozone findet sich in einem Umfeld niedrigen Wachstums wieder, wo die Inflation gefährlich nahe bei Null liegt.“
68 Prozent der 41 Umfrageteilnehmer sagen, die EZB werde ihr QE-Programm ausweiten. Von denjenigen, die sich auf eine zeitliche Prognose einließen, erwarten 65 Prozent eine Ankündigung bis Dezember. 87 Prozent rechnen bis März mit einer Zusage verstärkter Stimulierung.
Fast vier Fünftel derjenigen, die eine Ausweitung des QE- Programms vorhersagen, rechnen auch mit einer zeitlichen Streckung über den vorgesehenen Endpunkt September 2016 hinaus. Rund 43 Prozent sagen, dass die monatlichen Ankäufe über das derzeitige Niveau von 60 Milliarden Euro hinaus aufgestockt werden. 29 Prozent vermuten, dass die Palette der angekauften Aktiva ausgeweitet wird.
Die Notenbank hat andere Optionen, deren Umfang sie allerdings kaum kontrollieren kann. In der kommenden Woche steht die fünfte Runde ihrer gezielten längerfristigen Refinanzierungsoperationen (TLTRO) an, mit denen die Kreditvergabe an Unternehmen und private Haushalte in Gang gebracht werden soll.
Die Ökonomen schätzen das Volumen der Kredite, die die Banken aufnehmen werden, auf 70 Milliarden Euro. Im Juni liehen sie sich 73,8 Milliarden Euro. Die in der aktuellen Runde vergebenen Kredite werden zum Zinssatz von 0,05 Prozent vergeben und haben eine Laufzeit bis September 2018.
Das Wirtschaftswachstum kehrt zurück, wenn auch zögerlich. Die 19 Nationen des Euroraums wiesen im zweiten Quartal eine Expansion der Wirtschaftsleistung um 0,4 Prozent auf, nach 0,5 Prozent in den ersten drei Monaten des Jahres. EZB-Daten zeigen, dass im zweiten Quartal die Anforderungen an Kreditnehmen gefallen sind und die Nachfrage nach Krediten zunahm. Das ist ein gutes Vorzeichen für die Investitionen, die im ersten Halbjahr um etwa ein Prozent zunahmen.
Der Anteil der Volkswirte, die mit einer Aufhellung des kurzfristigen Ausblicks rechnen, stieg von 28 Prozent im Vormonat auf jetzt 32 Prozent. Nur 5 Prozent rechnen mit einer Eintrübung.
Die Sorgen drehen sich um die Nachhaltigkeit der Erholung. China belastet die Schwellenländer und möglicherweise auch das Weltwirtschaftswachstum. „Die Lage der Binnenwirtschaft hat sich in vielen Volkswirtschaften des Euroraums verbessert, gerade in Spanien und Irland, aber der Gegenwind von außen, besonders aus China, Brasilien und einigen anderen Schwellenmärkten, hat sich verschärft“, urteilt Fabian Fritzsche von Collineo Asset Management in Dortmund.
„Ich denke allerdings, dass die positiven Auswirkungen des niedrigeren Rohölpreises die negativen Auswirkungen des niedrigeren Wachstums der Exporte in die Schwellenländer zumindest auf kurze Sicht mehr als wettmachen werden.“
Die EZB erwartet für die Eurozone in diesem Jahr ein Wachstum von 1,4 Prozent; in den beiden Folgejahren soll die Wachstumsrate auf 1,7 Prozent bzw. 1,8 Prozent steigen. Die Inflationsprognose senkten sie für 2017 auf 1,7 Prozent - ein Anzeichen dafür, dass eine Ausweitung der Stimulierung notwendig sein könnte, um das mittelfristige Ziel einer Teuerung von knapp unter 2 Prozent zu erreichen.
„Der EZB stehen alle Optionen zur Ausweitung des QE- Programms offen“, sagte Alan McQuaid, Chefvolkswirt bei Merrion Capital Group in Dublin. „Ich vermute, dass sie zunächst die Palette der Aktiva ausweiten, die sie ankaufen, dann das Monatsvolumen aufstocken und schließlich das Programm über den September kommenden Jahres hinaus ausweiten.“
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