Klaus Gurniak

Klaus Gurniak

Und sie funktionieren doch

Vermögensverwalter über technische Modelle

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Die technische Analyse erkläre zwar gut vergangene Entwicklungen. Ob sie die Zukunft richtig voraussagt, sei hingegen reine Glückssache. Das schrieb Finanzplaner Guido Kirner in seinem Gastbeitrag. "Stimmt nicht", kommentierte Vermögensverwalter Klaus Gurniak den Beitrag. Nun kommt er mit seiner Sicht der Dinge zu Wort.

Die Diskussion  darüber, ob die technische Analyse oder die Fundamentalanalyse zu den besten Ergebnissen führt gibt es wohl schon so lange, wie es Börsen gibt. Wer will, kann sich  zu beiden Ansätzen eine schier unendliche Zahl literarischer Erzeugnisse zu Gemüte führen.

Viele Marktteilnehmer glauben von Vorneherein nicht, dass technische Analyse funktionieren kann und beschäftigen sich folgerichtig erst gar nicht damit oder lediglich halbherzig. Schließlich soll das Ergebnis einer entsprechenden Untersuchung ja auch die vorgefasste Meinung unterstützen.

Nun war mein Problem Anfang der 90er Jahre (bei einer Volksbank) aber (dies), dass sämtliche fundamentalen Modelle weder den Crash 1987 noch den (Crash) 1990 rechtzeitig erkannt hatten, aber gerade nach 1990 viele Kunden keine Geduld mehr hatten, auf steigende Kurse zu warten.

Dieses Dilemma, dass sich Anleger überhaupt nicht an die „Regeln“ halten und nicht auf die wann auch immer kommende Erholung warten, ist kein Phänomen der Vergangenheit,  sondern heute noch so aktuell wie früher. Nicht umsonst sind aktive Mischfonds (Neudeutsch „vermögensverwaltend“) spätestens seit 2009 die Umsatzrenner,  und hier vor allem die Fonds, die 2008 die Verluste klein hielten oder sogar vermeiden konnten.

Wenn also nun Fundamentalanalyse diese Crashs nicht verhindern konnte, was führt dann zum gewünschten Ergebnis? Und idealerweise auch noch neben der Verlustvermeidung dazu, die Vergleichsindices zu schlagen?

Hier hilft ein Blick auf das Standardwerk des Statistik-Gurus James P. O’Shaugnessy, der in seinem Buch „Die besten Anlagestrategien aller Zeiten“ den S&P 500 Index über 45 Jahre (1951 bis 1996) detailliert nach fundamentalen und technischen Kennziffern überprüfte und zu der Erkenntnis gelangte, dass technische Modelle dem Menschen überlegen sind. Die höchste Outperformance über die verschiedensten Zeiträume innerhalb dieser 45 Jahre erzielte man z. B. weder mit einer Dividenden- oder KGV-Strategie, sondern einem technischen Modell, nämlich dem der Relativen Stärke.

Wer nun glaubt, dass sich aber die Märkte in  den letzten 18 Jahren grundlegend geändert haben, irrt. Seit 1998 arbeite ich mit einem stark modifizierten Relative-Stärke-Modell, das im reinen Aktienfonds-Depot nicht nur einen maximalen Drawdown von rund 18 Prozent (statt 60Prozent MSCI World)  erzielte, sondern gleichzeitig auch über die verschiedenen Betrachtungszeiträume mit Renditen zwischen 12 und 15 Prozent aufwartete. Wobei  letzteres  nicht überraschen dürfte. Denn wenn  statt eines Verlustes von 50Prozent nur 10Prozent erzielt werden, dann benötigt man halt nicht 100Prozent, sondern nur 12Prozent, um das Ausgangsniveau wieder zu erreichen. Dann kann man sich auch in Haussephasen die ein oder andere Underperformance innerhalb eines Jahres erlauben, auf Sicht aber wird man immer vorne liegen.

Nun stellt sich die Frage, warum ein derartiges Modell schon so lange funktioniert, obwohl sich doch angeblich die Märkte so drastisch verändert haben?

1.    Es ist wichtig, dass möglichst viele Marktteilnehmer fundamental orientiert unterwegs sind und ebenso wichtig, dass möglichst viele unterschiedliche Modelle genutzt werden, damit es nicht zu einem Marktkollaps kommt. Oder anders herum formuliert: Wenn alle nach dem gleichen  Schema arbeiten, würden alle gleichzeitig kaufen bzw. verkaufen wollen. Auf einem Wochenmarkt gibt es auch keinen Handel, wenn nur Käufer, sich aber keine Verkäufer auf dem Marktplatz eingefunden haben.

2.    Feste Regeln, die keinen Interpretationsspielraum lassen

3.    Extreme Disziplin, auch wirklich die Signale des Modells umzusetzen. Da muss man dann auch alles mitmachen, egal was Bauch oder Fundamentaldaten sagen. Es ist auch nicht jedermanns Sache, monatelang gegen den Mainstream/die Meinung zu handeln, so wie  im Jahre 2000 oder im zweiten Halbjahr  2007.

4.    Passende Parameter. Nicht jeder Parameter einer technischen Kennziffer führt auch zu einem dauerhaften Erfolg. Im Gegenteil, die meisten sind nur temporär nutzbar, was man aber leider erst immer nachträglich feststellt.

5.    Kombination von Indikatoren und Parametern. Durch intensive Tests konnte ich feststellen, dass ein dauerhaft nutzbares Modell sich nicht nur auf einen Indikator oder auch nur einen Parameter des Indikators stützt, sondern eine intelligente Kombination nötig ist. Weitere Renditevorteile sind durch die Berücksichtigung des saisonalen Faktors möglich. So werden die jeweiligen Parameter meines Modells  in den Monaten Juli bis Oktober geändert, um der dann statistisch wahrscheinlichen Crashgefahr besser zu begegnen, ohne mögliche Kursgewinne dabei zu verpassen.

6.    Akzeptanz von Fehlsignalen. Kein Modell ist perfekt. Fehlsignale sind normal, solange sie nicht Standard sind. Es macht wenig Sinn, ein langjährig erfolgreiches Modell sofort auf den Prüfstand zu stellen, wenn es einmal nicht funktioniert hat. Anderseits sollte man die Ursachen des Fehlsignals feststellen, um einen möglichen Fehler im System  zu korrigieren. Aber nur, wenn eine Rückrechnung keine Verschlimmbesserung ergibt.

7.    Umsetzung nur nach ausgiebigen Tests. Es macht keinen Sinn, ein Modell umzusetzen, dass nur in Haussephasen oder Baissephasen funktioniert hat/hätte. Die gängigen Simulationen berücksichtigen meist einen zu kurzen Zeitraum. Die Anwendung des von mir genutzten Modells erfolgte 1998 nach 4 Jahren Real-Money-Test und einer Rückrechnung über 18 Jahre, also insgesamt 22 Jahren Modellbetrachtung.

8.    Begrenzung der Volumina. Viele erfolgreiche Modelle sind nur mit einem begrenzten Volumen umsetzbar. Große –bekannte- Fonds werden deshalb meist eher nach fundamentalen Daten geführt oder verlieren mit einem steigenden Volumen die Fähigkeit zur Outperformance.

Nur, warum funktionieren bestimmte Indikatoren besser als andere, warum gerade „Relative Stärke“ beziehungsweise “ Momentum“?
Im Grunde ganz einfach. Weil sie das menschliche Verhalten in Zahlen packen. Schon als unsere Vorfahren aus den Höhlen krochen, kannten sie die Gefühle Angst und Gier. Gier nach Macht, Geld, Sex usw., Angst vor Verlusten, Tod, Spinnen usw.  sind tägliche Begleiter unseres Lebens. Das menschliche Verhalten, geprägt durch diese Gefühle und weniger durch unseren Intellekt (obwohl wir uns meist etwas anders vormachen), sorgt dafür, dass sich auch Börsenbewegungen immer  wiederholen. Sprüche wie „The trend is your friend“  oder „Die Hausse nährt die Hausse“ sind doch nur andere Ausdrucksweisen für „Relative Stärke“ oder „Momentum“.  Was einmal läuft, läuft nach oben und auch nach unten.  

Natürlich definiert jeder Mensch diese Gefühle unbewusst anders. Der eine hat Angst und Panik, wenn er generell Geld verliert, der andere erst ab 15 Prozent Verlust. Der eine ist mit 10 Prozent Gewinn zufrieden, der andere macht es nicht unter 30 Prozent. Die Börse sammelt letztlich das Verhalten dieser unterschiedlichen Charaktere und bildet einen Schnitt, der sich wiederrum an der Kursentwicklung und bestimmten daraus folgenden Indikatoren ablesen lassen kann – siehe auch „Behavioral Finance“.

Fazit: Es ist extrem wichtig, menschliches Verhalten zu analysieren. Das hilft dann auch bei der Einschätzung der aktuellen Finanz- und Schuldenkrise, aber das ist ein ganz anderes Thema.


Zum Autor: Klaus Gurniak ist beim Vermögensverwalter TAM als Porfolio-Manager tätig. Dort zeichnet er für zwei Fonds-Vermögensverwaltungen verantwortlich.

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