Als Hans Joachim Reinke 1991 bei Union Investment anfing, verwaltete das Haus gerade einmal 7 Milliarden Euro – Marktführer DWS kam damals auf 16 Milliarden. „Die Fondsindustrie war damals nicht hipp. Und die Union schon gar nicht“, räumt Reinke in einem Podcast mit dem BVI-Hauptgeschäftsführer Thomas Richter ein. Das Haus, zu dem er vor 35 Jahren als Vertriebsberater wechselte, charakterisiert er rückblickend salopp als „einen Verein, der sehr verschlafen war“.

Heute verwaltet Union Investment mehr als 500 Milliarden Euro, der Wertpapierarm der Volks- und Raiffeisenbanken ist die zweitgrößte Fondsgesellschaft Deutschlands. Die ganzen letzten 35 Jahre lang an Bord: Hans Joachim Reinke, der vom Vertriebsberater zum Geschäftsführer zum Vorstand aufstieg und seit 2010 Vorstandschef des Gesamtkonzerns Union Investment ist. 

Boom, Blasen, Krisen

Den ersten großen Fonds-Boom datiert Reinke auf die Einführung der Zinsabschlagsteuer 1993, als viele Anleger von Bankeinlagen in Investmentfonds umschichteten. Ebenso sei 2000 ein gutes Fondsjahr gewesen - bevor die platzende Blase der Internetaktien die Euphorie wieder zurückstutzte.

Dotcom-Crash, kurze Erholung, Finanzkrise. Besonders eingebrannt hat sich Reinke eine Aussage Angela Merkels aus dem Jahr 2008: „Einlagen sind sicher. Das gilt nicht für Fonds.“ Die Folgen der Finanzkrise waren für Union Investment dramatisch – in einem einzigen Quartal verlor das Haus 300 Milliarden Euro an verwaltetem Vermögen. Man habe sich bereits auf umfangreiche Fondsschließungen eingestellt. Letztlich sei es dann weniger dramatisch gekommen, erinnert sich Reinke heute.

Als weitere prägende Einschnitte nennt der Union-Investment-Chef die Pandemie 2020 und den Ukraine-Krieg ab 2022 – was bei Union Investment zu einem Paradigmenwechsel geführt habe: Seither fließen geopolitische Szenarien fest in die Unternehmensplanung ein, von einer neuen Pandemie bis zu einem möglichen chinesischen Angriff auf Taiwan. 

Riester, Sparpläne, Altersvorsorge

Sein schönstes Erlebnis sei der Start des Riester-Sparens Anfang der 2000er Jahre gewesen. Noch heute laufen bei Union Investment 1,8 Millionen Riester-Verträge als Sparpläne, dazu 5 Millionen normale Sparverträge. „Insgesamt kommt nur durch die Sparpläne ein jährliches Volumen von 10 Milliarden Euro Nettoabsatz. Das ist ein Geschäft, was Spaß macht“, sagt Reinke. Die gängige Kritik am Riester-Modell (zu teuer, Kosten fressen Erträge) teilt er nicht: Riester-Sparpläne hätten auch nach Kosten ordentliche Renditen erwirtschaftet. Reinke nennt sie sogar „die erfolgreichste geförderte Altersvorsorge Europas“.

Am Thema private Altersvorsorge hat Reinke auch selbst politisch aktiv mitgewirkt: Als Vorsitzender der Altersvorsorgekommission im CDU-Wirtschaftsrat hat er an den Plänen für ein staatlich gefördertes Altersvorsorgedepot, wie es im laufenden Jahr noch gesetzlich verabschiedet werden dürfte, mitgefeilt.

Ebenso habe er dafür gesorgt, dass die Fondsbranche in der Altersvorsorge-Debatte das Feld nicht den Versicherern überlassen möge. „Wir wollten untermauern, dass Altersvorsorge nicht eine Alleinveranstaltung der Versicherer ist“, so Reinke im Podcast. Mit dem geplanten Altersvorsorgedepot sei das gelungen, findet er. Das neue Standardprodukt, das Union Investment anbieten will, soll nach Reinkes Vorstellung stark aktienlastig, global ausgerichtet und ohne Pflichtgarantien sein.

Aktiv versus passiv

In der Debatte zwischen aktivem und passivem Management bezieht Reinke Position: „Ich bin fundamental aktiver Manager.“ Gerade in unsicheren Zeiten und bei Nachhaltigkeitsthemen könne aktives Management einen Mehrwert liefern. Die allgemein zu beobachtenden Nettoabflüsse aus aktiven Fonds könne Union Investment nicht beklagen, im Gegenteil: 2025 habe das Haus 23,3 Milliarden Euro Fonds-Neugeschäft verzeichnet, davon 12,6 Milliarden Euro im Privatkundengeschäft – ausschließlich aktiv, so Reinke.

Gegen ETFs habe man bei Union Investment grundsätzlich nichts einzuwenden; im Rahmen der eigenen Fonds-Vermögensverwaltung setze man sie auch selektiv ein. Eigene passive ETFs will das Haus aber nicht auflegen. Bei aktiven ETFs ist man über die Tochter Quoniam inzwischen mit dabei – allerdings bislang nur für institutionelle Investoren.

Anzeige
Defensive ETF-Konstruktionen gewinnen in turbulenten Märkten an Bedeutung
Wenn Märkte plötzlich drehen
Buffer ETFs: Mit reduziertem Risiko investiert bleiben
Wie sich mit speziellen ETFs Verluste begrenzen und Chancen nutzen lassen, erklären die Experten von BlackRock.
Jetzt lesen

Vertrieb: Die demografische Zeitbombe

Die größte Herausforderung, die die Fondsbranche in den kommenden Jahren zu schultern habe, sieht Reinke im Vertrieb. Er verweist auf die demografische Entwicklung, die auch die Fondsbranche hart treffe: Finanzberater sind eine überalterte Berufsgruppe, in absehbarer Zeit scheiden viele aus dem Markt aus. Gleichzeitig ist auch die bestehende Kundschaft überaltert: 55 Prozent der Kunden von Volks- und Raiffeisenbanken seien älter als 50, so Reinke.

Anzeige
Defensive ETF-Konstruktionen gewinnen in turbulenten Märkten an Bedeutung
Wenn Märkte plötzlich drehen
Buffer ETFs: Mit reduziertem Risiko investiert bleiben
Wie sich mit speziellen ETFs Verluste begrenzen und Chancen nutzen lassen, erklären die Experten von BlackRock.
Jetzt lesen

Was mit dem Kapital beim Erbfall passiert und ob sich die nachfolgenden Generationen Z und Alpha überhaupt noch von Finanzberatern ansprechen lassen wollen, sind für Reinke die drängenden Fragen der kommenden Jahre. Seine Antwort: ein hybrides Vertriebsmodell, kombiniert mit einer frühen Ansprache junger Zielgruppen. Und Fondssparpläne: „Das ratierliche Sparen ist der Schlüssel für uns, auch junge Menschen zu erreichen.“

Der Fondsbranche insgesamt bescheinigt Reinke sehr gute Zukunftsaussichten: Er erwartet er für die Branche ein jährliches Wachstum von fünf bis sechs Prozent – getrieben von der wachsenden Bedeutung privater Altersvorsorge und Vermögensbildung.

Unruhestand an der Nordsee

Zum 1. April 2026 übergibt Reinke den Vorstandsvorsitz von Union Investment an seinen Nachfolger André Haagmann und tritt in den Ruhestand. Was er dann vorhat? Er wolle zukünftig die Hälfte des Jahres in seiner zweiten Wahlheimat Sankt Peter-Ording verbringen, verrät Reinke. Doch der umtriebige Manager plant noch mehr: Aufsichtsratsmandate, Vorträge, weiterhin politisches Engagement. Dass Reinke wirklich zur Ruhe kommt, ist vorerst nicht abzusehen.