Normalerweise wirken sich politische Ereignisse nur relativ kurzfristig auf die Finanzmärkte aus. Das gilt zum Beispiel für Wahlen wie zuletzt in Frankreich und Großbritannien oder auch für Kriege wie in der Ukraine. In den kommenden Monaten könnte dies allerdings anders aussehen. Denn die anstehenden politischen Entscheidungen dürften direkte Auswirkungen auf die Realwirtschaft haben. Anleger sollten daher auf jeden Fall höhere Volatilitäten auf dem Radar haben.
Nach dem Rückzug von Präsident Joe Biden und der Nominierung von Kamala Harris zur Präsidentschafts-Kandidatin der Demokraten ist der Kampf um das Weiße Haus in den USA wieder völlig offen. In den entscheidenden Swing States wie Georgia, Pennsylvania, Wisconsin oder Arizona liefern sich Harris und Ex-Präsident Donald Trump ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Niemand kann sicher sein, was in den kommenden Monaten passieren wird. Unvorhersehbare taktische Ereignisse können das Ergebnis beeinflussen.
Es ist zu befürchten, dass Russland versuchen wird, in den Wahlkampf einzugreifen, um Trump zum Sieg zu verhelfen. Moskau könnte ein Ölembargo verhängen, Sabotageakte und Hackerangriffe durchführen oder über die sozialen Medien manipulieren. Trump hat angekündigt, den Krieg in der Ukraine so schnell wie möglich beenden zu wollen. Russlands Präsident Wladimir Putin dürfte daher versucht sein, die demokratische Regierung in Washington zu schwächen. Sollte ihm dies gelingen, würde dies zu erheblichen Unsicherheiten führen.
Auch der Krieg im Nahen Osten könnte destabilisierend wirken. Die Biden-Administration will unbedingt einen Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas sowie die Freilassung der israelischen Geiseln erreichen. Ob Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu daran wirklich interessiert ist, darf zumindest bezweifelt werden. Eine Beruhigung der Lage könnte seine fragile Regierungskoalition erschüttern.
Eine Eskalation des Gaza-Krieges könnte dagegen spürbare Auswirkungen auf den Ölpreis haben. Rund 30 Prozent der weltweiten Ölproduktion stammen aus dem Nahen Osten. Sollte der Preis für den Energierohstoff steigen und damit das Tanken an amerikanischen Tankstellen deutlich teurer werden, würde dies den Wahlkampf von Harris nachhaltig beeinträchtigen. Trump wirft der demokratischen Regierung vor, maßgeblich für die Inflation verantwortlich zu sein.
Trump steht für politische Kehrtwende
Sollte der Ex-Präsident das Weiße Haus zurückerobern, ist damit zu rechnen, dass die Republikaner auch die Mehrheit im Kongress übernehmen. Trump könnte dann gewissermaßen durchregieren und tiefgreifende Veränderungen für die Wirtschaft beschließen. Er will vor allem Waren aus China mit zum Teil drastischen Importzöllen belegen. Ein Handelskrieg mit dem Reich der Mitte wäre unter ihm nicht auszuschließen. Auch Europa könnte von höheren Importzöllen betroffen sein.
Außerdem will Trump die Einwanderung über die Grenze zu Mexiko massiv eindämmen. Er hat mehrfach angekündigt, dort eine Mauer zu bauen und Mexiko dafür zahlen zu lassen. Sollten diese Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden, dürften in den USA die Arbeitskräfte knapp werden. Hohe Importzölle und ein angespannterer Arbeitsmarkt könnten die Inflation wieder nach oben treiben.
Bislang signalisieren die Terminmärkte eine Wahrscheinlichkeit von insgesamt 90 Prozent, dass die amerikanische Notenbank Fed auf ihren beiden kommenden Sitzungen am 18. September und 7. November die Leitzinsen von derzeit 5,25 bis 5,5 Prozent mindestens auf 4,75 bis fünf oder vielleicht sogar auf 4,5 bis 4,75 Prozent senken wird. Sollte ein Wahlsieg Trumps die Gefahr wieder steigender Preise erhöhen, könnte es mit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik der Fed schnell vorbei sein.
Harris will Steuern erhöhen
Trump hatte in seiner ersten Amtszeit die Unternehmenssteuern befristet bis 2025 von 28 auf 21 Prozent gesenkt. Harris hat bereits angekündigt, zu dem höheren Satz von 28 Prozent zurückkehren zu wollen, um verschiedene Sozialprogramme zu finanzieren. Was das für die Unternehmensgewinne bedeuten würde, liegt auf der Hand.
Sowohl unter Trump als auch unter Harris ist ein weiterer Anstieg der Staatsverschuldung zu befürchten. Diese liegt bereits bei mehr als 120 Prozent des BIPs. Damit steuern die USA immer mehr auf italienische Verhältnisse zu. Gleichzeitig sinkt die Bereitschaft von Ländern wie China, amerikanische Staatsanleihen zu kaufen. Unabhängig vom Wahlausgang könnte dies für Unruhe an den Finanzmärkten sorgen.
Wenn die Unsicherheiten und die Volatilitäten ausgehend von der Wall Street an den internationalen Finanzmärkten tatsächlich wieder zunehmen sollten, dürften die Anleger wie so oft reflexartig in die vermeintlich sicheren Häfen flüchten. Dollar, Yen und US-Staatsanleihen sollten dann taktisch höher gewichtet werden.
Über den Autor:
Norbert Hagen ist Vorstandssprecher der ICM Investmentbank. Das Institut wurde 1999 als Buyout der Hypovereinsbank-Gruppe gegründet und verwaltet über 500 Millionen Euro an Kundengeldern.

