DAS INVESTMENT: Herr Huynh, das wirtschaftliche und geopolitische Umfeld bleibt angespannt. Welche übergeordneten Entwicklungen prägen aktuell die Märkte?
Tuan Huynh: Wir befinden uns in einem neuen, angebotsgetriebenen Makroregime. Große strukturelle Veränderungen – bei BlackRock sprechen wir von Megaforces – wie künstliche Intelligenz, geopolitische Fragmentierung und demografische Verschiebungen transformieren ganze Volkswirtschaften. Langfristige Konstanten wie stabile Inflation oder vorhersehbares Wachstum geraten dabei zunehmend ins Wanken. Diese neue Realität verlangt nach einer anderen Herangehensweise an strategische Allokation.
Welche konkreten Auswirkungen sehen Sie insbesondere für Europa?
Huynh: Europa steht am Schnittpunkt mehrerer Megaforces. Die Schockwellen aus Pandemie und Ukraine-Krieg ebben zwar ab, doch strukturelle Herausforderungen bleiben: alternde Bevölkerung, wachsender globaler Wettbewerb – insbesondere aus China und den USA – sowie die Notwendigkeit einer energiepolitischen Neuausrichtung. Diese Gemengelage hat in vielen Ländern zu einem Umdenken geführt. Wir beobachten etwa deutlich höhere Verteidigungs- und Infrastrukturinvestitionen, was auf eine aktivere Rolle des Staates hindeutet. Ein Beispiel: Deutschland hat Verteidigungsausgaben von über 1 Prozent des BIP de facto von der Schuldenbremse entkoppelt und ein 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturpaket verabschiedet. Das ist eine klare Trendwende.
Wo stehen europäische Aktien in diesem Umfeld?
Huynh: Wir sind bei europäischen Aktien insgesamt neutral positioniert. Der Bewertungsabschlag gegenüber den USA hat sich zuletzt verringert – was zum Teil die bessere Performance Europas in diesem Jahr erklärt. Aber wir sehen noch keine nachhaltige Trendwende bei den Unternehmensgewinnen, die eine dauerhafte Outperformance rechtfertigen würde. Daher bevorzugen wir aktuell weiterhin Aktien aus den USA und Japan. Innerhalb Europas gibt es aber durchaus attraktive Sektoren und Länder.
Welche Bereiche sind das konkret?
Huynh: Wir halten Finanzwerte – insbesondere Großbanken – für interessant. Gesunde Bilanzen, eine steilere Zinskurve und hohe Sparquoten in Europa unterstützen das Geschäftsmodell. Darüber hinaus bevorzugen wir Industrieunternehmen, die vom KI-Ausbau oder von Reshoring-Initiativen profitieren können. Versorger und Infrastrukturunternehmen dürften von der steigenden Energienachfrage und Dekarbonisierungstrends profitieren. Auch geografisch haben wir Präferenzen: Spanien überzeugt uns mit soliden Fundamentaldaten, attraktiven Bewertungen und einer positiven Entwicklung der Unternehmensgewinne. Zudem sind unsere bevorzugten Sektoren dort gut vertreten.
Wie schätzen Sie die Rolle europäischer Anleihen aktuell ein?
Huynh: Festzinsanlagen aus Europa bevorzugen wir generell gegenüber denen aus anderen Regionen. Die Bewertungen sind attraktiv, besonders im Unternehmensanleihebereich, wo europäische Emittenten mit solider Bonität und engen Spreads überzeugen. Auch die Staatsanleihen der Peripherieländer erscheinen uns aussichtsreich: Wachstum, Haushaltsdisziplin und mögliche Ratingsverbesserungen wirken hier unterstützend. In den USA und Japan erwarten wir dagegen steigende Renditen, was dortige Anleihen relativ unattraktiver macht.
Wie wirken sich das 500-Milliarden-Euro-Infrastrukturpaket und die neu ausgerichtete Verteidigungspolitik konkret auf die Attraktivität deutscher Assets aus – etwa im Anleihen- oder Aktienmarkt?
Huynh: Wir erwarten, dass das Wachstum durch die staatlichen Investitionen in Deutschland ab 2026 wieder anziehen dürfte. Das sollte sich auch in steigenden Unternehmensgewinnen widerspiegeln, vor allem im Small- & Mid-Cap-Bereich, da dieser am stärksten von einer wirtschaftlichen Wiederbelebung in Deutschland profitieren dürfte. Investoren haben diese Entwicklung bereits vorweggenommen, so legte zum Beispiel der DAX in diesem Jahr bereits um über 22 Prozent zu (Stand 18. Juli 2025) und lag damit deutlich besser als andere internationale Indizes. Die Renditen von deutschen Bundesanleihen sollten durch höhere Staatsverschuldung etwas unter Druck kommen. Wir denken aber, dass das Vertrauen der Investoren in die Schuldentragfähigkeit Deutschlands erhalten bleiben dürfte.
Breiter gefragt: Welche Rolle spielt Deutschland innerhalb Europas für Investoren aktuell – und wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Verfassung des Landes im Vergleich zu anderen Eurozone-Staaten?
Huynh: Deutschland spielt eine zentrale Rolle für Investoren innerhalb Europas – mit großem wirtschaftlichem Gewicht, exzellentem Mittelstand und stabilem politischem Rahmen – , ist aber derzeit mit strukturellen Herausforderungen konfrontiert, die sein wirtschaftliches Standing im Vergleich zu anderen Eurozonen-Staaten beeinflussen. Ohne entschlossene politische Maßnahmen zur Förderung von Investitionen, Innovation und Flexibilisierung des Arbeitsmarkts droht Deutschland weiter hinter dynamischere Eurozonen-Staaten zurückzufallen. Daher hat die deutsche Privatwirtschaft vor kurzem eine neue Initiative „Made for Germany“ ins Leben gerufen, mit dem Ziel, den Wirtschaftsstandort Deutschland wieder attraktiver zu gestalten.
Wie ist Ihre Prognose für die weitere Entwicklung der europäischen Wirtschaft?
Huynh: Die EZB hat den Leitzins gesenkt, die Inflation nähert sich der Zielmarke von 2 Prozent, und die Reallöhne steigen. All das dürfte den Konsum ankurbeln. Wir erwarten, dass Europas Wachstumsmotor 2026 wieder auf Touren kommt – gestützt durch fiskalische Impulse, eine robuste Arbeitsmarktlage und hohe Sparquoten. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die Produktivität zu steigern und die europäische Wettbewerbsfähigkeit durch strukturelle Reformen zu stärken. Die Draghi- und Letta-Berichte aus 2024 zur Zukunft des Binnenmarktes haben dafür eine Roadmap geliefert – nun liegt es an der EU-Kommission, daraus politische Realität zu machen.
- Den BlackRock BII Ausblick zur Jahresmitte 2025 finden Sie hier.

