Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Volkswirt Klaus Bauknecht
So erhöhen Politiker die Risikobereitschaft von Unternehmern
Klaus Bauknecht arbeitet als Volkswirt bei der IKB Deutsche Industriebank. Bildquelle: IKB Deutsche Industriebank
Um die aktuelle Konjunkturkrise abzufedern, greift die öffentliche Hand der Wirtschaft stark unter die Arme. Je länger der Staat jedoch Finanzspritzen gewährt, desto schleppender kommt die Erholung in Gang. Es braucht nicht nur Schutzmechanismen, sondern auch Anpassungsprozesse, ist IKB-Chefvolkswirt Klaus Bauknecht überzeugt.
In der aktuellen Krise ist eine schnelle V-förmige Erholung nicht zu erwarten, und damit sind reine Überbrückungsmaßnahmen des Staates derzeit wenig sinnvoll. Denn es ist kein einmaliger kurzfristiger Schock, der die aktuelle Rezession verursacht. Es sind die hohe Inflation sowie spürbare Zinsanstiege, die die Nachfrage über mehrere Quartale belasten werden. Zudem ist mit nachhaltig höheren Energiepreisen zu rechnen, was den Investitionsstandort Deutschland auch strukturell belasten wird. Die aktuelle Rezessionsdynamik mag somit eher der langen Abschwungphase kurz nach der Jahrtausendwende ähneln und nicht der zügigen V-förmigen Erholung während der letzten vier Krisen. Damals, 2001 bis 2003, stiegen die Unternehmensinsolvenzen spürbar an. Eine sich deutlich länger hinziehende Rezession deutet auf ein spürbar herausforderndes Umfeld hin als die letzten Krisen, in denen Deflationsdruck und damit sinkender Kostendruck im Vordergrund standen, was der Notenbank viel Handlungsspielraum für eine expansive Geldpolitik gab.
Kurzfristig kann die Fiskalpolitik noch helfen
Nur die Fiskalpolitik mag aktuell noch Raum für kurzfristige Stützungsmaßnahmen haben. Doch anders als in den letzten Krisen wird die effektive Unterstützung weniger stark ausfallen können. Denn je mehr der Staat versucht, die Folgen der Rezession zu lindern, desto mehr Druck entsteht für die Notenbanken, die Zinsen anzuheben. Schließlich ist die aktuelle Rezession notwendig, um den Inflationsdruck und vor allem Zweitrundeneffekte abzuschwächen. So mögen zwar aktuelle Prognosen lediglich einen überschaubaren BIP-Rückgang signalisieren – das systematische Ausfallrisiko für Unternehmen liegt allerdings um einiges höher, als der geringfügige BIP-Verlust auf den ersten Blick vermuten lässt. Denn eine reduzierte Resilienz auf der einen Seite und eine sich hinziehende Rezession, erhöhter Margendruck sowie steigende beziehungsweise relativ hohe Zinsen auf der anderen Seite werden dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen für Unternehmen herausfordernd sein werden.
Die aktuelle Rezession verläuft grundlegend anders, da
Druck auf die Profitabilität von Unternehmen für das Erreichen des Inflationsziels notwendig ist. Und je länger der Staat in einem sich hinziehenden herausfordernden Umfeld versucht gegenzusteuern, desto mehr wird die Erholungsdynamik darunter leiden. Denn notwendige Strukturanpassungen im Schatten anhaltend hoher Energiepreise werden behindert und belasten damit die Neuausrichtung und Wachstumsdynamiken. Aktuell geht es weniger darum, die Wirtschaft und ihre Strukturen aufrecht zu halten und zu schützen, sondern einen Anpassungsprozess zuzulassen, der so wenig Wertschöpfungszerstörung und -verlagerung mit sich bringt wie möglich. Hierbei könnten sich Rettungsmaßnahmen als klar kontraproduktiv erweisen. Sie wirken wie Antibiotika in der Medizin und sind überaus effektiv, einmalige Krisenherde zu adressieren. Ihre Wirksamkeit, die Resilienz von Unternehmen durch Anpassungen zu stärken, sind jedoch vor allem bei dauerhafter Anwendung zu bezweifeln. Auch Banken sollten sich darauf einstellen.
