Alle Augen sind auf die USA gerichtet. Nach den Wahlen legten US-Aktien kräftig zu – in der Erwartung, dass die ohnehin schon starke Wirtschaft unter Trump noch mehr boomen würde. Die Hoffnung auf Steuersenkungen, Deregulierung und Schutzzölle für die Industrie hat für Optimismus und ein enormes Momentum gesorgt. Nahezu alle Anleger scheinen mit weiteren Gewinnen zu rechnen.
Europas Börsen schlossen sich dem aber nicht an. Hier ist die Stimmung wesentlich verhaltener, vor allem wegen der schwachen Wirtschaft in Deutschland und des politischen Stillstands in Frankreich. Für Spanien, Griechenland und Teile Osteuropas ist man aber wesentlich zuversichtlicher.
Laut FactSet beträgt das KGV des S&P 500 auf Basis der 12-Monats-Gewinnerwartungen 22, gegenüber 13 beim MSCI Europe. Der S&P 500 ist 2023 um 26 Prozent und 2024 um weitere 30 Prozent gestiegen. Der Bewertungsvorsprung ist plausibel, da man in den USA 2025 mit 14 Prozent Gewinnwachstum rechnet. Weil die optimistischen Erwartungen aber schon in den Kursen berücksichtigt sind, sollten sich US-Investoren im neuen Jahr passend zum Gewinn- und Dividendenwachstum auf etwa 15 bis 16 Prozent Ertrag einstellen. Trotz der hohen Kursdynamik in den USA bleibt abzuwarten, was die Trump-Regierung wirklich tut und auf welche Sachzwänge sie reagieren muss. Die Lage bleibt unübersichtlich, zumal sich auch die Zehnjahresrenditen ändern könnten.
6 Entwicklungen, die für höhere Aktienerträge in Europa sorgen könnten
Unterdessen werden für Europa 2025 nur etwa 11 bis 12 Prozent Aktienertrag erwartet, davon etwa 8 Prozent Gewinnwachstum und 3 Prozent Dividendenrendite. Mehrere Entwicklungen könnten aber für höhere Erträge sorgen:
- Ein Ende des Ukrainekriegs könnte die Region stabilisieren und Energie billiger machen.
- Eine Konjunkturbelebung in China könnte den Gewinnen europäischer Unternehmen guttun – vor allem, wenn die Fiskalpolitik expansiver wird.
- Nach den Bundestagswahlen in Deutschland könnten Haushaltsreformen möglich werden. Vielleicht wird die Schuldenbremse gelockert.
- Steigende Reallöhne und mögliche Zinssenkungen der EZB könnten den bislang schwachen Konsum beleben.
- Niedrigere EZB-Leitzinsen wären auch gut für europäische Unternehmen, zumal variabel verzinsliche Kredite wesentlich häufiger sind als in den USA.
- Wegen ihrer attraktiven Bewertungen könnten europäische Unternehmen zu bevorzugten Übernahmezielen werden.
Für US-Investoren, die im Ausland investieren wollen, ist der starke Dollar ein wichtiger Faktor. Zwar hat er nach den Wahlen zugelegt, doch wird seine künftige Entwicklung ganz wesentlich von der Trump-Politik und der Reaktion der Fed abhängen. Weil der Dollar die wichtigste internationale Reservewährung ist und die Nachfrage nach amerikanischen Wertpapieren hoch bleibt, könnte er weiter aufwerten. Bei einem schwächeren Dollar würde hingegen das US-Handelsbilanzdefizit fallen, ganz im Sinne der neuen US-Regierung.
US-Industrie vor einem Aufschwung
Unlängst haben die Fed-Niederlassungen in Richmond, Dallas und Philadelphia die Konjunkturerwartungen für das Verarbeitende Gewerbe veröffentlicht. In allen drei Regionen sind sie deutlich gestiegen. Das spricht aus unserer Sicht für eine Erholung des Einkaufsmanagerindex (PMI) für das Verarbeitende Gewerbe. Stärkere PMIs sind meist gut für Aktien, vor allem für risikoreichere Titel, also Aktien mit höherem Beta beziehungsweise geringerer Qualität. Dafür gibt es schon jetzt erste Anzeichen; Small Caps legten zu, da man mit wieder höheren Unternehmensgewinnen rechnet.
Seit Corona ist aber auch hier vieles anders. Trotz der schon jetzt extrem engen Credit Spreads stiegen die Kurse weiter. Die Bewertungen legten das ganze Jahr 2024 über zu, da man keine Konjunkturrisiken mehr sah und die Wachstums- und Gewinnerwartungen für wichtiger hielt als die Inflation. All das fand statt, bevor sich die Industrie-PMIs kräftig erholten und die Risikobereitschaft zulegte.
Eine derart gute Marktstimmung und eine so große Einigkeit über den US-Konjunkturausblick mahnen meist zur Vorsicht. Wir fragen uns, ob in der derzeitigen Lage Risikobereitschaft und Kurse wirklich noch kräftig steigen können. Kaum jemand rechnet mit schlechten Nachrichten. Wenn die gemessen am Zielwert noch immer zu hohe Inflation aber wieder in den Blickpunkt rückt und die Zehnjahresrenditen steigen, verheißt das für den Aktienmarkt nichts Gutes. 3 bis 4 Prozent Inflation sind für US-Aktien sicher kein Problem, aber wie wird die Fed darauf reagieren?
Wir halten es nicht für sinnvoll, höhere Risiken einzugehen und das Beta anzuheben – in der Hoffnung, dass die Bewertungen, wie bei steigenden Industrie-PMIs üblich, weiter zulegen. Vielleicht bieten einzelne Small, Mid und Large Caps neue Chancen. Allerdings sollte man auf die Gewinnqualität achten und Unternehmen mit einem stabilen, hohen Gewinnausblick und vielversprechenden Gewinnrevisionen bevorzugen.