USA: Eine leichte Rezession wird wahrscheinlicher
Das US-Wirtschaftswachstum geht zurück und die Vereinigten Staaten rutschen voraussichtlich in eine leichte Rezession, getrieben von einer Reihe Faktoren. Zum einen bestätigen jüngste Daten, dass die sogenannten Covid-Ersparnisse erschöpft sind: Die Verbraucherausgaben wachsen nur noch langsam, und die Sparquote nimmt zu. Eine zusätzliche Last für die konjunkturelle Entwicklung stellen zudem die Rückzahlungen der Studienkredite mit Semesterbeginn ab September dar – die Höhe der Rückzahlung beläuft sich auf durchschnittlich 400 US-Dollar pro Monat und Empfänger. Vorbei ist auch die vorübergehende Belebung des Immobilienmarktes vom Beginn des Frühjahrs durch niedrigere Hypothekenzinsen und den Abbau der Lagerbestände bei den Baufirmen. Die Investitionsausgaben (CAPEX) sind rückläufig. Auch im Hinblick auf die Beschäftigungszahlen ist das Gesamtbild von einem Rückgang geprägt; das Angebot an Arbeitskräften erhöht sich. Zum Herbst hin könnte die Arbeitslosigkeit steigen.
Die Inflation geht unterdessen zurück: Die Lebensmittel- und Energiepreise sind niedriger, und auch die Kerninflation hat sich deutlich verlangsamt. Wir sind daher der Meinung, dass wir uns dem Höhepunkt des Zinspfads nähern. Die große Frage ist, ob die Federal Reserve (Fed) im Jahr 2024 aggressive Zinssenkungen vornimmt. Vor dem Zusammenbruch der Silicon Valley Bank im März ging der Markt für Ende 2024 von einem Leitzins von 4,25 Prozent aus. Unserer Einschätzung nach werden die US-Zinsen im nächsten Jahr jedoch niedriger sein, als der Markt derzeit erwartet – und sicherlich niedriger, als die Fed uns glauben machen will.
Großbritannien: Weitere Zinsschritte zu erwarten
Im Gegensatz zu den USA bleibt die Inflation im Vereinigten Königreich hartnäckig und übertrifft weiterhin die Erwartungen der Ökonomen. Ich musste meine eigene Prognose für das Jahresende anheben und rechne nun mit 4 statt 3 Prozent. Dies ist indes immer noch ein deutlicher Rückgang, und der Premierminister dürfte sein Ziel erreichen, die Inflation zu halbieren (die Teuerungsrate lag bei 10 Prozent als er das Ziel festlegte). Die Energiepreise sind bereits gesunken, und bis Oktober sollten die Beträge auf den Energierechnungen der Haushalte im Jahresvergleich voraussichtlich um etwa 20 Prozent zurückgehen – ein starker Kontrast zu den horrenden Steigerungen von über 200 Prozent zu Beginn dieses Jahres. Auch die Inflation bei den Lebensmittelpreisen dürfte nach dem Höchststand von fast 20 Prozent im März deutlich auf einen einstelligen Wert zurückfallen. Die Warenpreisinflation ist ebenfalls rückläufig, bedingt zu einem großen Teil durch die Entwicklung der Weltmarktpreise, aber auch durch die etwas verbesserte Kaufkraft des Pfund Sterling.
Die hartnäckige Inflation im Verbund mit dem starken Lohnwachstum im Vereinigten Königreich wird die Bank of England weiterhin unter Druck setzen, die Zinsen anzuheben. Das wachsende Vertrauen ermutigt indes die britischen Verbraucher, ihr Angespartes auszugeben – im Gegensatz zu den US-Verbrauchern hatte die Furcht vor horrenden Energierechnungen die Briten im vergangenen Winter zur Sparsamkeit bewogen. Diese Furcht löst sich jetzt auf. Mit der Zeit wird der Anstieg der Hypothekenzinsen die Verbraucherausgaben jedoch dämpfen, den Arbeitsmarkt schwächen und die Lohninflation bremsen – aber das erwarten wir erst in 2024. Bis dahin wird die Verbrauchernachfrage die britische Wirtschaft am Laufen halten.
Fazit: Fallender US-Dollar, Einstiegschancen bei Aktien
Was bedeuten die skizzierten Hintergründe für die Märkte? Sollten wir mit unserer Erwartung einer Rezession in den USA recht behalten, würden Risikoanlagen unter Druck geraten. Der US-Dollar steigt in einem solchen Umfeld häufig an. Wenn sich jedoch die Zinsdifferenzen zuungunsten der Vereinigten Staaten entwickeln – und damit rechnen wir – könnte der Greenback einen entgegengesetzten Pfad einschlagen und sich abschwächen. In jedem Fall ist davon auszugehen, dass Anleihen in wachsendem Maß gefragt bleiben. Die Rezession in den USA dürfte gleichwohl mild ausfallen, der Ausverkauf bei Aktien dürfte begrenzt bleiben – und eine Kaufgelegenheit bieten, die durch die Aussicht auf niedrigere Zinsen unterstützt wird.
