Der US-Aktienmarkt hat auch dieses Jahr eine beeindruckende Rallye hingelegt. Insbesondere die Bewertungen der Unternehmen, deren Geschäftsmodell mit KI in Verbindung gebracht wird, haben sich dieses Jahr noch weiter ausgeweitet. Dabei erfasste diese Bewegung nicht nur die Anbieter von Large Language Model (LLM), sondern auch die Zulieferer und Rechenzentren-Betreiber.
Doch ist dieses historisch hohe Bewertungsniveau gerechtfertigt, oder folgt nach der jüngsten Party bald der Kater? Zwei prominente Indikatoren, der Buffett-Indikator und das Shiller-Kurs-Gewinn-Verhältnis (Shiller-KGV), deuten darauf hin, dass der Markt aktuell sehr hoch bewertet ist. Damit ist ein erhöhtes Risiko für Rückschläge verbunden, falls die sportlichen Erwartungen an das Gewinnwachstum nicht erfüllt werden.
Der Buffett-Indikator
Der sogenannte Buffett-Indikator, benannt nach der Investmentlegende Warren Buffett, misst das Verhältnis der gesamten Marktkapitalisierung der US-Aktien zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA. Historisch betrachtet hat dieser Indikator oft ein Indiz für eine Überbewertung des Marktes geliefert.
Zur Jahresmitte lag die Kapitalisierung des US-Aktienmarktes laut Siblis Research bei 62.825 Billionen US-Dollar, das BIP der USA lag laut St. Louis Fed bei 30.486 Billionen US-Dollar. Damit betrug der Buffett-Indikator beeindruckende 206 Prozent. Dies bedeutet, dass die Marktkapitalisierung der US-Aktien mehr als doppelt so hoch ist wie das gesamte BIP der USA. Der Wert von 206 Prozent liegt außerdem mehr als zwei Standardabweichungen über dem historischen Durchschnitt. In der Vergangenheit deuteten solche Werte häufig auf eine Überbewertung hin.
Ein hoher Buffett-Indikator ist zwar kein Garant für einen sofortigen Marktrückgang, jedoch diente er häufig als Signal für potenzielle Risiken. In der Vergangenheit folgten auf solche überdurchschnittlichen Bewertungen oftmals Phasen, in denen die Rendite der folgenden zehn Jahre unterdurchschnittlich hoch ausfiel.
Der Buffett-Indikator kann auch als langfristiges Allokationssignal dienen – etwa um die Gewichtung von US-Aktien gegenüber europäischen oder asiatischen Märkten taktisch anzupassen. In Family Offices und Multi-Asset-Strategien fließt diese Kennzahl häufig in das makroökonomische Bewertungsraster ein.
Das Shiller-KGV
Das Shiller-KGV ist ein weiterer wertvoller Indikator für die Bewertung des Marktes. Im Gegensatz zum traditionellen KGV, das die Gewinne eines Unternehmens im aktuellen Jahr betrachtet, betrachtet das Shiller-KGV die (häufig inflationsbereinigten) Gewinne über einen Zeitraum von zehn Jahren.
Mit einem aktuellen Wert von 40,7x hat das Shiller-KGV einen sehr hohen Stand erreicht. Diese Kennzahl liegt mittlerweile auf dem Niveau, das zuletzt während der Dotcom-Blase im Jahr 2000 zu beobachten war. Obwohl das Shiller-KGV nicht so kurzfristig wie andere Bewertungskennzahlen auf den Markt reagiert, zeigt es, dass die derzeitige Bewertung des Marktes im historischen Vergleich außergewöhnlich hoch ist.
Das bedeutet, dass die Anleger aktuell bereit sind, weit in die Zukunft zu blicken und hohe Prämien für das zukünftige Wachstum zu zahlen. Auch hier stellt sich die Frage: Was passiert, wenn diese hohen Erwartungen nicht erfüllt werden? Für Portfolio-Manager ergibt sich daraus ein Bewertungsrisiko – insbesondere für Growth-orientierte Strategien.
Gewinnwachstum der Big-Tech Konzerne
Die jüngste Aufwertung der Aktienmärkte, insbesondere der großen Tech-Konzerne, basiert letztlich auf einer Multiple-Expansion und vor allem auf der Annahme, dass Unternehmen wie Apple, Microsoft, Nvidia und Alphabet in der Lage sind, die kommenden Jahre weiterhin ihre enorme Wachstumsrate der Gewinne zu halten. Ein wesentlicher Treiber dieser Erwartungen ist der technologische Fortschritt, insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI).
Die Begeisterung für KI und ihre potenziellen Anwendungen, sei es die Prozessautomatisierung, maschinelles Lernen oder auch Innovationen in der Medizinforschung, weckt dabei erste Erinnerungen an die Fantasien inmitten der Dotcom-Blase. Sollte das erwartete Gewinnwachstum durch KI und andere Technologien jedoch nicht in dem Umfang eintreten, oder beispielsweise andere Gewinner als gedacht aus der aktuellen Marktlage hervorgehen, birgt dies das Risiko einer deutlichen Korrektur. Besonders deutlich zeigt sich die Marktkonzentration: Die sieben größten US-Tech-Unternehmen stellen inzwischen über 30 Prozent der Marktkapitalisierung des S&P 500.
Die derzeit hohe Bewertung des US-Aktienmarktes birgt zweifellos ein erhöhtes Risiko. Bei einem Buffett-Indikator von 206 Prozent und einem Shiller-KGV von 40,7x haben Investoren allen Grund zur Sorge, der Markt könnte hoch bewertet sein. Das heißt selbstverständlich nicht, dass eine Korrektur unmittelbar bevorstehen muss; historisch war die Rendite im US-Aktienmarkt in den folgenden zehn Jahren jedoch unterdurchschnittlich hoch.
Letztendlich existieren die vielversprechenden Unternehmen im KI-Bereich fast ausschließlich in den USA, weshalb kaum ein Weg an US-Large Cap Equity vorbeiführt. Dennoch ist es nun unerlässlich, auch die reale Implementierung der KI-Technologie in der Wirtschaft zu verfolgen. Es muss sich erst zeigen, ob aus den beeindruckenden Fortschritten bei verschiedenen Leistungs-Benchmarks für LLM-Modelle auch reale Produktivitätsgewinne in der Wirtschaft resultieren. In der Zwischenzeit gewinnen Bewertungsdisziplin und aktives Risikomanagement wieder an Bedeutung, da passive Strategien bei Bewertungsumschwüngen besonders anfällig sind.
Über den Autor:
Georgios Passameras ist Leiter Portfoliomanagement bei der GAP Vermögensverwaltung.
