Die US-Konjunktur strauchelt nach dem Zinsanstieg. Jedoch nimmt der Druck ab. Hier skizziert Michael Heise vom Multi Family Office HQ Trust ein wahrscheinliches Szenario für die Ökonomie in Übersee.
Von der US-Wirtschaft hängt wieder einmal vieles ab. Angesichts der Schwäche der europäischen Wirtschaft und einer stockenden Erholung in China sind Impulse vom amerikanischen Konsum äußerst erwünscht. Die wirtschaftliche Entwicklung in den USA wird aber auch maßgeblich dafür sein, ob die Demokraten in den USA gute Erfolgschancen für eine Wiederwahl haben und ob die Kapitalmärkte wie im ersten Halbjahr 2023 weiterhin mit Zuversicht auf die kommende Zeit blicken werden.
Gleichzeitig ist die Prognose der US-Wirtschaft so komplex wie selten. Die zahlreichen Schocks der vergangenen Jahre, beginnend mit der Pandemie, gefolgt von der Ukraine- und der Energiekrise bis hin zur unerwarteten Inflationsbeschleunigung und dem Zinsschock haben vielfältige Auswirkungen und politische Reaktionen hervorgerufen, die sich gegenseitig überlagern. vKonjunkturindikatoren sind daher schwer zu interpretieren und einfache Regeln haben sich für die Prognosen als wenig zuverlässig erwiesen. So ist der vielfach prognostizierte wirtschaftliche Einbruch bislang ausgeblieben.
Experten erwarten Einbruch der US-Wirtschaft
Die Sorge vor einer Rezession richten sich nun auf das Jahr 2024. Der rasante Zinsanstieg der vergangenen Quartale werde einen starken Bremseffekt auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage haben. Eine sogenannte inverse Zinsstruktur, bei der eine straffe Geldpolitik die kurzfristigen Zinsen deutlich über die langfristigen Kapitalmarktrenditen hebt, habe in der Vergangenheit fast immer eine Rezession nach sich gezogen. Basierend auf diesem empirischen Befund kalkuliert etwa die Federal Reserve Bank von New York derzeit eine Rezessionswahrscheinlichkeiten von um die 70 Prozent in zwölf Monaten.
Richtig ist, dass der Zinsanstieg Kredite an Unternehmen und private Haushalte deutlich teurer und knapper gemacht hat. Die finanziellen Belastungen und die Risiken im Kreditgeschäft sind deutlich gestiegen. Bei bonitätsschwachen Krediten (Leveraged Loans) sind die Ausfallraten bereits gestiegen, wenngleich ausgehend von niedrigem Niveau. Gefährdet sind vor allem variabel verzinsliche Kredite, die für die Schuldner in kurzer Zeit sehr viel teurer geworden sind. Auch Kredite zur Finanzierung von Einzelhandels- oder Büroimmobilien, die bereits an Wert verloren haben, bringen Ausfallrisiken mit sich.
Ökonomischen Belastungen stehen stabilisierende Effekte gegenüber
Allerdings gibt es auch stabilisierende Effekte, die die US-Wirtschaft gegenüber dem Zinsanstieg und dem Inflationsschub einigermaßen widerstandsfähig gemacht haben, und die auch in den nächsten Quartalen wirksam sein werden, wobei manche schwächer, andere auch stärker werden dürften. Da ist zunächst der starke Arbeitsmarkt, der über steigende Beschäftigung und steigende Löhne zusätzliche Einkommen erzeugt und damit den Konsum stabilisiert hat.
Wie stark sich die Arbeitsmarktdynamik aufgrund der Zinssteigerungen und der straffen Geldpolitik abschwächen dürfte, ist eine der wichtigsten und schwierigsten Fragen für die amerikanische Notenbank. Zu rechnen ist wohl damit, dass die Zahl der offenen Stellen zurückgehen wird. Sie liegt aber zurzeit noch bei knapp 10 Millionen und um den Faktor 1,6 höher als die Zahl der Arbeitssuchenden. Kleinere und mittelgroße Unternehmen werden beim Aufbau von Beschäftigung etwas zurückhaltender, aber die Zahl der Firmengründungen in den USA steigt. Die Lohnsteigerungen werden daher für einige Quartale wohl höher bleiben, als es mit dem Stabilitätsziel der Fed kompatibel ist.
Weniger starke Impulse werden in den kommenden Monaten wohl von der staatlichen Aktivität ausgehen, die in den vergangenen Monaten über steigende Transferzahlungen der Sozialversicherungen und rückläufige Steuereinnahmen einen kräftigen Aufwärtsschub für die verfügbaren Einkommen gebracht hat. Große Bedeutung für die Konsumkonjunktur hat auch die Verfügbarkeit einer großen Sparreserve, die in den Jahren der Covid-Pandemie aufgebaut wurde. Ein Großteil diese Überschussersparnis ist zwar bereits mobilisiert worden, aber nach überschlägiger Schätzung dürften zumindest für die wohlhabenderen privaten Haushalte in den USA in der Summe noch rund 500 Milliarden US-Dollar verfügbar sein.