Daniel Morris, BNP Paribas AM

„It’s the economy, stupid“ – „Es geht um die Wirtschaft, Dummkopf!“ Mit diesem Zitat, das ein Wahlkampfstratege des späteren Präsidenten Bill Clinton im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahl 1992 prägte, überschreibt BNP Paribas Asset Management seinen Aktienmarktausblick für das vierte Quartal. Darin konzentrieren sich die Experten auf die Faktoren, die ihrer Meinung nach die Performance der Aktienmärkte in den kommenden Monaten am stärksten beeinflussen werden.

Ein Akteur, der das Börsengeschehen in den USA weiterhin prägen dürfte, ist die US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Im September haben die Währungshüter erstmals seit vier Jahren den Leitzins gesenkt – und das gleich um 50 Basispunkte. „Viele Marktteilnehmer versuchen, vorherzusagen, was die Fed wann tun wird“, sagt Daniel Morris, Chef-Marktstratege bei BNP Paribas Asset Management. Natürlich sei der weitere geldpolitische Pfad nicht zu vernachlässigen, vor allem, wenn man ein kurzfristiges festverzinsliches Portfolio verwaltet. „Aber ich denke, für die meisten Anleger ist er eher von untergeordneter Bedeutung. Wirklich wichtig ist die Wirtschaft.“

Kommt eine Rezession – und wenn ja, wann?

Morris hat die letzten fünf Konjunkturzyklen in den USA seit den 1980er-Jahren analysiert. „Wir haben bewertet, wie sich verschiedene Aktien- und Anleihemarktsegmente jeweils entwickelt haben.“ Ergebnis: Es kommt nicht darauf an, dass die Fed die Zinsen senkt, sondern ob die Wirtschaft wächst oder in eine Rezession rutscht.

„Tatsächlich geriet die US-Wirtschaft in vier dieser fünf Kürzungszyklen in eine Rezession“, so Morris. Selbst das sei aber nicht die ganze Antwort, es kam auch auf den Zeitpunkt des Abschwungs an: „In zwei der Zyklen geriet die US-Wirtschaft innerhalb von zwei oder drei Monaten in eine Rezession. In diesen Fällen zeigte sich erwartungsgemäß eine deutliche Outperformance von festverzinslichen Wertpapieren gegenüber Aktien. In den anderen drei Fällen jedoch, in denen es einmal tatsächlich zu einer sanften Landung kam – was wir für diesen Zyklus erwarten – schnitten Aktien größtenteils besser ab als festverzinsliche Wertpapiere, Unternehmensanleihen besser als Staatspapiere und Risikoanlagen insgesamt besser als defensive Werte.“

Investoren sollten sich daher auf die US-Konjunkturindikatoren konzentrieren – also auf die Einkaufsmanagerindizes und die Zahl der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft. „Das wird der wichtigste Faktor für die Unternehmensgewinne sein“, so Morris.

US-Kongress spielt wichtige Rolle

Ein weiteres potenziell marktbestimmendes Ereignis ist die anstehende US-Präsidentschaftswahl. Aus Sicht der Märkte sei zwar wichtig, wer künftig die Geschicke der Vereinigten Staaten lenkt, sagt Morris. „Noch wichtiger aber ist, was im US-Kongress passiert: Wird er von einer einzigen Partei kontrolliert oder ist er geteilt?“ Wenn die Partei, die den Präsidenten stellt, die Mehrheit im Kongress hat, verfügt der Präsident über deutlich größere Möglichkeiten zu konjunktur- und marktbeeinflussenden Maßnahmen. „Denken Sie an Obamacare oder Trumps Steuersenkungen.“ Im Falle eines geteilten Kongresses könnte es hingegen zum Stillstand kommen.

Insgesamt rechnet Morris für die USA mit einer sanften Landung, also einem in diesem und im nächsten Jahr positiven US-Wachstum – auch wenn es sich etwas verlangsamt. „Das sollte immer noch ein positives Umfeld für Aktien sein, selbst wenn es je nach Wahlsieger zwangsläufig einige Unterschiede auf Sektorebene geben wird.“

 

Rally in China technisch getrieben

Am chinesischen Aktienmarkt kam es Anfang Oktober zu einer spektakulären Rally. Der MSCI China Index stieg um 30 Prozent. „Interessanter waren jedoch die Entwicklungen an den anderen Aktienmärkten“, gibt der Marktstratege zu bedenken. „Vergessen wir nicht, dass China die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ist. Vor der Pandemie konzentrierten wir uns viel mehr auf China als auf die USA.“

Man sollte nun meinen, dass ein derartig rasanter Anstieg am chinesischen Aktienmarkt darauf hindeutet, dass in der chinesischen Wirtschaft etwas Großes mit weltweiten Auswirkungen passiert. „Wenn man sich jedoch die Aktienmärkte der Länder ansieht, die relativ stark von China abhängig sind – wie Europa und Japan –, dann hat sich in den Tagen nach der ersten Ankündigung der Stimulierungsmaßnahmen nicht so viel getan: Die chinesischen Aktien stiegen um etwa 15 Prozent, europäische Aktien um fast 4 Prozent und die japanischen Papiere noch etwas stärker. Ein ordentlicher Schub also – aber vielleicht nicht ganz so groß, wie man erwarten könnte.“ Interessant sei darüber hinaus gewesen, dass selbst diese relativ geringen Zugewinne in der Folgezeit wieder abgegeben wurden. „Während chinesische Aktien weiter stiegen, ging es an anderen Märkten abwärts.“

China hat noch Hausaufgaben

Morris liest daraus verschiedene Botschaften. „Ich denke, die überdurchschnittliche Rendite für chinesische Aktien im Vergleich zu anderen Märkten deutet darauf hin, dass sie sich zumindest teilweise aus Positionierungen ergab.“ Damit meint er zum Beispiel Hedge-Fonds, die Short-Positionen in chinesischen Aktien hatten. Als es zu einer Rally kam, sahen sie sich einem so genannten Short Squeeze gegenüber: Sie mussten Aktien kaufen, um ihre Positionen abzusichern. Diese Käufe wiederum treiben die Märkte noch weiter nach oben. „Die Rally bei chinesischen Aktien war vermutlich eher technisch bedingt als von einer massiven Veränderung der fundamentalen Aussichten getrieben“, so sein Fazit

„Zwar hat sich die Lage in China sicherlich verbessert“, meint Morris, „aber wahrscheinlich nicht in diesem Ausmaß, das der Markt derzeit signalisiert.“ Und mittelfristig? „Das Land steht immer noch vor Herausforderungen. Der Immobiliensektor ist nach wie vor angeschlagen. Das Vertrauen ist gering. Wir erwarten, dass Peking noch weitere Maßnahmen ergreifen muss, bevor diese Probleme vollständig gelöst sind.“