Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Kapitalmarktstratege Tilmann Galler
Warum der US-Dollar vor einem Richtungswechsel steht
Anfang 2025 erreichte der reale effektive Wechselkurs des US-Dollars den höchsten Stand seit 1986, was ihn zu einer der teuersten Währungen weltweit machte. Diese Dominanz war eng mit dem „Exzeptionalismus“ der USA verknüpft: ein überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum, eine starke Entwicklung am Aktienmarkt und attraktive reale Renditen. Hinzu kam das tiefe Vertrauen in die robusten institutionellen Rahmenbedingungen der USA, die Anleger von US-Vermögenswerten und dem Dollar schützten.
Doch einige dieser tragenden Säulen des Dollars beginnen nun zu wanken. Das könnte zu einer schrittweisen Abwertung des Dollars führen, wobei auch unregelmäßigere Schwankungen nicht ausgeschlossen sind.
Die Triebfedern der Dollar-Stärke: Ein Blick zurück
Um die zukünftige Entwicklung des Dollars zu verstehen, ist es wichtig, seine bisherige Stärke zu analysieren. Mehrere Faktoren haben sich in einem positiven Dollar-Zyklus gegenseitig verstärkt:
- Wirtschaftswachstum: Die US-Wirtschaft übertraf seit der Finanzkrise in der Regel andere große Volkswirtschaften wie die Eurozone und Japan. Die Schiefergasrevolution trug zur Energieunabhängigkeit der USA bei und machte die Wirtschaft weniger anfällig für Energieschocks.
- Tech-Boom: US-Technologieunternehmen, angetrieben durch Innovationen wie künstliche Intelligenz, trugen maßgeblich zur Outperformance der US-Aktienmärkte bei.
- Höhere Zinsen: Die relativ stärkere US-Konjunktur erlaubte der Federal Reserve, höhere Zinsen aufrechtzuerhalten als in anderen G7-Ländern.
- Institutionelles Vertrauen: Das Vertrauen in den Dollar als sicheren Hafen wurde durch stabile Institutionen, politische Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und eine unabhängige Zentralbank gestärkt. Dies zog globales Kapital an.
- Fiskalpolitik: Eine expansive US-Fiskalpolitik, mit einem deutlichen Anstieg der Staatsverschuldung im Vergleich zur Eurozone, trug ebenfalls maßgeblich zum Wirtschaftswachstum bei.
- Globale Nachfrage: Die Rolle der US-Nachfrage im Welthandel zwang andere Länder, insbesondere Schwellenländer, Dollarreserven zu halten, was den US-Dollar zur globalen Reservewährung machte.
Dieses Zusammenspiel führte dazu, dass Kapital in die USA strömte, inländisches Wachstum ankurbelte und die US-Ausgaben für Importe finanzierte.
Wohin bewegt sich der US-Dollar jetzt?
Die Bewertungen von Dollar-Anlagen sind mittlerweile hoch, und der positive Dollar-Zyklus stößt an seine Grenzen. Auch politische Ziele, wie die Rückverlagerung der Produktion in die USA durch Zölle, spielen eine Rolle bei der erwarteten Dollar-Schwächung.
Kurzfristig führt eine Drosselung der Importe zwangsläufig zu einem Rückgang des Konsums in den USA. Dies könnte das US-Wirtschaftswachstum bremsen, die US-Zinsen sinken lassen und die Attraktivität von US-Anlagen mindern – alles Faktoren, die zu einem schwächeren Dollar führen würden.
Länder, die stark von der US-Nachfrage abhängig waren (wie China und Deutschland), könnten gezwungen sein, ihr eigenes Wachstum anzukurbeln. Dies würde bedeuten, dass sie mehr Kapital im eigenen Land einsetzen, anstatt es in die USA zu transferieren. Auch Japan, ein großer Inhaber von US-Staatsanleihen, könnte durch die Erholung seiner Wirtschaft und steigende lokale Anleiherenditen Kapital wieder ins eigene Land ziehen.
Währungsengagement auf den Prüfstand
Unser Basisszenario ist, dass moderate US-Zölle einen neuen Handels-, Kapital- und Dollarzyklus auslösen werden. Wir erwarten eine relativ geordnete Anpassung, die zu einem weiteren allmählichen Rückgang des Dollars führt. Es gibt jedoch auch Szenarien, die zu ungeordneteren Entwicklungen führen könnten, wenngleich wir diese für weniger wahrscheinlich halten.
Dazu gehört eine sehr strikte Durchsetzung von Zöllen, die eine drastischere Wachstumsverlangsamung, insbesondere in den USA, bewirken könnte. Auch der Versuch der US-Regierung, Steuersenkungen durch erhöhte Kreditaufnahme in einer Welt zu finanzieren, die weniger bereit ist, Kredite zu vergeben, könnte Anleiherenditen steigen lassen, während der Dollar fällt.
Zudem könnte ein Erschüttern der institutionellen Infrastruktur, die das Vertrauen in den US-Dollar stützt, zu Bedenken gegenüber dem Dollar führen. Eine Bedrohung der Unabhängigkeit der Federal Reserve ist hier besonders hervorzuheben, aber auch die zunehmende Etablierung von Kryptowährungen als Alternativwährungen sowie der Vorschlag, ausländische Halter von US-Staatsanleihen dazu zu bewegen, im Gegenzug für Handels- oder Verteidigungsabkommen langfristige US-Schuldtitel zu erwerben, könnten dem Dollar zusetzen.
Angesichts des neuen Kurses des US-Dollars sollten Anleger ihr Währungsengagement sorgfältig prüfen, insbesondere da der US-Dollar-Anteil in vielen globalen Benchmarks in den letzten Jahren erheblich zugenommen hat. Eine Reduzierung des Dollar-Engagements durch Währungs-Overlays oder währungsgesicherte Strategien könnte helfen, dieses Risiko zu steuern.
