Die wirtschaftliche Entwicklung war in Europa zuletzt schwieriger als in den USA. Es besteht nun aber die Chance, dass sich die Wirtschaft in Europa wieder stärker belebt. Vor allem das Verbrauchervertrauen befindet sich wieder auf dem Weg nach oben: Die Kaufkraftkrise auf dem Kontinent ist vorbei, das Reallohnwachstum liegt bei über 2 Prozent. Das wird die Kaufkraft der heimischen Haushalte stärken, meint Tilmann Galler.
Für die Europäische Zentralbank ergibt sich im Hinblick auf weitere Zinssenkungen deutlich mehr Spielraum als für die Fed, da die Inflation in Europa lange nicht so hartnäckig wie in den USA ist. Die EZB dürfte in diesem Jahr noch bis zu zwei weitere Zinssenkungen vornehmen. Für die Fed wird sich in den nächsten Monaten jedoch auch ein Fenster für moderate Zinssenkungen öffnen.
Rückläufige Inflation öffnet das Fenster für Zinssenkungen
In den USA hat vor allem das robuste und stabile Wirtschaftswachstum dazu beigetragen, dass die Inflation weiterhin auf etwas erhöhtem Niveau bleibt. Im Juni betrug die Inflationsrate mit 3,0 Prozent einige Prozentpunkte mehr als im Euroraum mit 2,5 Prozent. Vor allem die Inflation in den Bereichen Dienstleistungen und Wohnraum erwies sich in den USA weiterhin als besonders hartnäckig.
Da der Wohnraum rund ein Drittel des US-Warenkorbs ausmacht, hatte gerade die erhöhte Wohnrauminflation stärkere Auswirkungen auf die Gesamtinflation in den USA. Hier ist allerdings allmählich eine Abschwächung zu beobachten: Der Trend bei den Mietpreisen geht nach unten. Im Mai lag der Mietpreisauftrieb nur noch bei 0,5 Prozent. Die Inflation in den USA dürfte sich daher insgesamt entspannen, was der Fed die Möglichkeit gibt, vorsichtig die Zinsen zu senken. Gleichwohl sollte man nicht allzu viele Zinssenkungen in den nächsten Monaten erwarten.
Dass es aus Sicht der Fed in die richtige Richtung geht, zeigt auch der Arbeitsmarkt. Dort ist eine gewisse Abkühlung spürbar. Der Bedarf an Fachkräften war zuletzt sehr hoch, was wiederum zu einem hohen Lohnimpuls geführt hat. Inzwischen gehen jedoch die Kündigungsraten von Arbeitnehmern nach unten, es wechseln also weniger Menschen aufgrund eines besseren Jobs. Dadurch dürfte sich das Lohnwachstum wieder stärker normalisieren. Dass sich der Arbeitsmarkt beruhigt, ist eine gute Nachricht für die Fed.
In Europa ist die Inflation deutlich besser im Griff, beispielsweise ist die Teuerungsrate bei Dienstleistungen deutlich niedriger als in den USA oder in Großbritannien. Dadurch ist der Spielraum der EZB für Zinssenkungen deutlich größer als in den USA oder in Großbritannien. Sowohl in den USA als auch in Großbritannien sind vor allem die umfassenden Konjunkturpakete, die in der Zeit der Covid-Pandemie geschnürt wurden, wesentliche Inflationstreiber.
In Europa sind die Konjunkturhilfen hingegen weniger umfassend ausgefallen. Dadurch hinkt auch die wirtschaftliche Entwicklung in Europa den USA hinterher. Nun besteht aber die Chance, dass sich die Wirtschaft in Europa wieder stärker belebt. In Europa bestehen insbesondere auch noch mehr Überschussersparnisse als in den USA. Die Wachstumslücke zwischen den USA und Europa dürfte daher kleiner werden. Allerdings ist nicht davon auszugehen, dass Europa die USA beim Wachstum einholt.
Chance auf einen Wechsel bei der Marktführerschaft bei Aktien
Im Hinblick auf Investments gibt es in den USA durchaus noch Potenzial. Denn kaum ein Markt hat es so gut geschafft, das Wirtschaftswachstum auch in Gewinne umzumünzen, und kaum ein Land hat die Marge so ausgeweitet wie die USA. Nach wie vor gibt es in Übersee durchaus überdurchschnittliche Gewinnerwartungen. Mit Blick auf die Bewertungen sind US-Aktien jedoch schon länger nicht mehr günstig. Dies liegt primär an den US-Wachstumstiteln, die die Bewertung des Gesamtmarkts nach oben getrieben haben.
Chancen bietet vor allem das Value-Segment, das historisch gesehen nicht teuer ist. Die Bewertungsspreizung zwischen Value und Growth in den USA ist enorm: Aktuell beträgt die Differenz zwischen Value und Growth 14 Punkte, historisch lag es im Durchschnitt bei 6,5. In der Spitze lag die Differenz 2021 bei 17.
Man kann daher davon ausgehen, dass die Chancen auf einen Wechsel der Marktführerschaft bei Aktien steigen – anstatt der Mega-Growth-Caps bieten nun vor allem Large-Value-Caps noch einige Opportunitäten. Auch europäische Aktien sind aussichtsreich, da sie einen relativ hohen Discount gegenüber US-Aktien aufweisen. In Europa sind zudem auch Small Caps eine Option.
Auf der Anleihenseite gibt es noch Chancen bei Unternehmensanleihen, da die Unternehmensgewinne überwiegend stabil sind und somit wenig Ausfallrisiken bergen. Auch Staatsanleihen der Emerging Markets könnten künftig attraktiver werden, wenn die USA ihre Zinsen senken und dadurch die Zinslast der Schwellenländer reduziert werden könnte.
Dadurch, dass Aktien und Anleihen nicht mehr in dem Maße negativ korreliert sind wie in vergangenen Jahrzehnten, sind auch Alternative Investments in Bereichen wie Infrastruktur, Rohstoffe, Transport und Immobilien eine gute Anlageoption.
Die Wahlen in den USA könnten im Herbst noch einige Bewegung in die Kapitalmärkte bringen, etwa wenn der nächste US-Präsident, ganz gleich ob Demokrat oder Republikaner, das 2025 auslaufende massive Steuersenkungsprogramm fortsetzt. Dadurch würde das Defizit des US-Haushalts noch weiter vergrößert – was in der Folge für negative Stimmung an Aktien- und Anleihenmärkten sorgen könnte.