Diese Zahlen sprechen für sich: Der S&P 500 ist seit Anfang 2010 um rund 390 Prozent gestiegen. Der Nikkei hat es in diesem Zeitraum immerhin auf ein Plus von fast 265 Prozent geschafft, während der Euro Stoxx 50 in den zurückliegenden vierzehneinhalb Jahren gerade einmal etwas mehr als 60 Prozent zugelegt hat. Damit verglichen schneidet der Dax mit einem Zugewinn von circa 210 Prozent sogar noch recht gut ab, er hinkt dem S&P 500 aber deutlich hinterher.

Sicher spielen gerade Aktienrückkaufprogramme als patente Maßnahme der Kursstützung in den USA eine bedeutende Rolle. Dass aber für die Outperformance vor allem die amerikanischen Technologiekonzerne im Wesentlichen verantwortlich sind, zeigt ein Blick auf den Nasdaq 100. Trotz der jüngsten Korrektur hat sich der amerikanische Technologieindex seit Anfang 2010 mehr als verzehnfacht. Die USA spielen nicht nur bei der Cloud und Generativer Künstlicher Intelligenz in der ersten Liga, sondern auch bei der Genetechnik oder GLP-1. Neben Tech-Werten nehmen an den amerikanischen Aktienmärkten auch Aktien aus den Bereichen Kommunikation und Healthcare eine gewichtige Rolle ein. Insgesamt arbeiten US-Firmen einfach profitabler als die Konkurrenz aus anderen Industriestaaten oder Schwellenländern.

Für Spitzenstellung der USA vor allem bei Tech-Werten gibt es im Wesentlichen vier Gründe: Die amerikanischen Universitäten zählen zu den besten der Welt, die USA ziehen aus dem Ausland die schlausten Köpfe an, der Technologiesektor investiert enorme Mengen Geld in Forschung und Entwicklung. Und schließlich steht in den Vereinigten Staaten umfangreich Risikokapital zur Verfügung. 

Top-Unis

Während das Schulsystem der USA oft und zu Recht kritisiert wird, befinden sich rund ein Viertel der 100 weltweit besten Universitäten in den Vereinigten Staaten. Von hier stammen auch die meisten Nobelpreisträger. Aus den Vereinigten Staaten haben bislang 413 Forscher und Wissenschaftler einen Nobelpreis erhalten. Allein seit dem Jahr 2000 gingen 70 dieser Auszeichnungen in den Bereichen Chemie, Medizin und Physik in die USA.

Das Silicon Valley liegt in unmittelbarer Nähe zu den Universitäten Standford und Berkeley. Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) und Harvard zählen ebenfalls zu den Top-Adressen. In China vergaben die Unis im Jahr 2020 circa 43.000 Doktor-Titel. Die USA rangierten mit 42.000 Promotionen auf dem weltweit zweiten Platz nur knapp dahinter, obwohl in der Volksrepublik circa 1,4 Milliarden Menschen leben, in den Vereinigten Staaten aber nur rund 333 Millionen.

Hohe Anziehungskraft für ausländische Talente

Für viele Menschen sind der amerikanische Traum und der Reichtum des Silicon Valleys unwiderstehlich. In die USA immigrieren weiterhin zahlreiche gut gebildete und ehrgeizige Menschen. Der in Taiwan geborene Jensen Huang (Nvidia), der aus Indien stammende Sundar Pichai (Alphabet), der in Moskau zur Welt gekommene Sergei Brin (ebenfalls Alphabet) oder der ursprüngliche Südafrikaner Elon Musk (Tesla) spielen zusammen mit Bill Gates (Microsoft) oder Tim Cook (Apple) in der amerikanischen ersten Liga der Top-Manager.

Ausländische Studenten tragen in den USA dazu bei, die unersättliche Nachfrage nach technischen Talenten zu decken. Die Vereinigten Staaten beherbergen 15 Prozent aller internationalen Studenten weltweit. Sie erwerben dort rund 35 Prozent aller Abschlüsse in Wissenschaft und Technik. Zahlreiche der ausländischen Uni-Absolventen bleiben in den USA.

Das Land zieht aber auch umfangreich bereits ausgebildete Talente aus dem Ausland an. Deren Zahl ist während der Präsidentschaft von Joe Biden noch einmal spürbar gestiegen. Ex-Präsident Donald Trump könnte diesen Vorteil der USA allerdings bei einer möglichen Wiederwahl verspielen.

Hohe Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F&E)

Die USA haben allein im Jahr 2022 insgesamt 885,6 Milliarden Dollar in F&E investiert. Das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt der Schweiz. Vor allem die Privatwirtschaft hat seit Ende der 1980er-Jahre ihr Engagement hochgefahren. Mittlerweile stammen rund drei Viertel der F&E-Ausgaben von den Unternehmen, der Staat steuert nur noch 18 Prozent bei. Allerdings gibt es in den Vereinigten Staaten auch steuerliche Anreize für F&E für die Privatwirtschaft.

 

Anzeige
Hochhausbau in Mumbai
Aufschwung nach Schwächephase
Schwellenländer – lange abgeschrieben, jetzt im Comeback-Modus
In den vergangenen 15 Jahren galten Schwellenländer oft als enttäuschend – ein Bild, das nach Ansicht der Carmignac-Analysten zunehmend nicht mehr der heutigen Realität entspricht.
Jetzt lesen

Allein die sogenannten Magnificent Seven haben in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres 50 Milliarden Dollar für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Das Geld fließt schwerpunktmäßig in die Bereiche Software, Bio- und Nanotechnologie sowie Künstliche Intelligenz.

Umfangreich Beteiligungskapital

Schließlich gibt es in den Vereinigten Staaten reichlich Risikokapital und private Beteiligungsgesellschaften, die bereit sind, viel Geld auf neue Unternehmen und innovative Technologien zu setzen. Laut der Research-Plattform Pitchbook stehen dafür derzeit in Nordamerika satte 255 Milliarden Dollar zur Verfügung. Die Menge ist in den zurückliegenden zwölf Jahren massiv gestiegen. Allerdings macht Asien in diesem Punkt zunehmend Konkurrenz.

Unterm Strich profitiert der amerikanische Technologiesektor von hervorragenden Rahmenbedingen. Diese sind allerdings nicht in Stein gemeißelt. Die größten Gefahren gehen wohl von einer eingeschränkten Einwanderungspolitik unter Trump aus sowie von einem Überholen asiatischer Länder bei Venture Capital. Während diese insgesamt auch in der jüngsten Vergangenheit Jahr für Jahr mehr Risikokapital zur Verfügung gestellt haben, sind die Mittel in den USA seit 2022 leicht rückläufig.

Damit drohen die Vereinigten Staaten hier ihre Spitzenposition zu verlieren. Noch sind sie aber bei Tech-Titeln die Nummer eins.

 

@ ICM Investmentbank

Über den Autor:

Norbert Hagen ist Vorstandssprecher der ICM Investmentbank. Das Institut wurde 1999 als Buyout der Hypovereinsbank-Gruppe gegründet und verwaltet über 500 Millionen Euro an Kundengeldern.