Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Chefvolkswirt Johannes Mayr
Wieso Trumps Bekämpfung des Leistungsdefizits zu kurz gedacht ist
Während sich Deutschland nach dem Tech-getrieben Wachstum der USA sehnt, blickt man auf der anderen Seite des Atlantiks neidisch auf die exportorientierte deutsche Industrie, trotz deren Strukturkrise. Doch warum? In den letzten Dekaden gab es kaum einen Wirtschaftsraum, der so stark gewachsen ist wie die USA. Getrieben wurde dieser Aufstieg vor allem von starken Technologiewerten. Was die allgemeinen ökonomischen Kennzahlen aber nicht zeigen: Dieses Wohlstandswachstum verteilte sich sehr ungleichmäßig in der amerikanischen Gesellschaft.
Die amerikanische Industrie und der amerikanische Mittelstand gehörten in den vergangenen Jahrzehnten zu den Verlierern. Viel Produktion wanderte etwa nach Mexiko, wo die Löhne niedriger sind, oder ging aufgrund des internationalen Preiswettbewerbs gänzlich verloren.
Viele Beschäftigte in diesen Sektoren sehnen sich nach jener Zeit zurück, in der die amerikanische Industrie stark war, Gehälter hoch und Immobilien billig. Die Zeit vor der Globalisierung. Diese Zeit ist auch mit dem Trump’ischen Schlachtruf gemeint, wenn es heißt „Make America great again.“ Die Ursache für den Abstieg der heimischen Industrie hatte Trump dankenswerterweise schnell ausgemacht: Die unfaire Behandlung durch das Ausland und das dadurch entstehende Leistungsbilanzdefizit.
Das Leistungsbilanzdefizit: Problem oder Symptom?
Ein Leistungsbilanzdefizit entsteht, wenn ein Land mehr Güter und Dienstleistungen importiert als exportiert. Die USA haben seit Jahrzehnten ein solches Defizit, insbesondere im Handel mit China und der EU. Trump und viele seiner Anhänger sehen darin ein klares Zeichen dafür, dass die USA wirtschaftlich ausgenutzt werden – eine Ansicht, die sich jedoch nicht mit den Erkenntnissen moderner Wirtschaftswissenschaft deckt. Stattdessen ist die internationale Arbeitsteilung ein zentraler Vorteil der Globalisierung.
Länder spezialisieren sich auf jene Industrien, in denen sie besonders effizient sind, was insgesamt den Wohlstand steigert. Gleichzeitig sind die USA ein Magnet für Kapital aus dem Ausland, da ihr Finanz- und Technologiesektor besonders stark ist. Das Leistungsbilanzdefizit spiegelt also auch das Vertrauen der Welt in die US-Wirtschaft wider, ablesbar in einem ebenso großen Überschuss in der Kapitalbilanz.
Auch profitieren die Amerikaner von den günstigen Importen aus dem Ausland. Elektronik, Kleidung, Autos und viele andere Konsumgüter sind aufgrund der starken Währung und der internationalen Produktion preiswerter und erhöhen so Kaufkraft und Lebensstandard der Haushalte. Und der Staatshaushalt profitiert massiv von der starken Dollarnachfrage, die es den USA ermöglicht, sich relativ günstig zu verschulden.
Das Leistungsbilanzdefizit ist also wahrlich nicht nur der finstere Bote des amerikanischen Niedergangs, für den es viele in der Trump-Administration halten.
Industrie um jeden Preis
Die Ursachen für das amerikanische Leistungsbilanzdefizit sind also vielfältig: Zum einen konsumieren die USA mehr, als sie produzieren, was die Leistungsbilanz belastet. Zum anderen führt der Status des US-Dollars als Weltreservewährung zu einer konstant hohen Nachfrage nach US-Anlagen und einem Kapitalimport, was den Außenwert des Dollars erhöht, und die Exportwirtschaft belastet. Trump plant an allen Faktoren zu schrauben.
Durch höhere Importzölle sollen ausländische Waren verteuert und die heimische Produktion gestärkt werden. Gleichzeitig soll die Nachfrage aus dem Ausland durch Druck auf die Handelspartner und eine gezielte Abwertung des Dollars erhöht werden. Und der Abbau öffentlicher Ausgaben soll die Inlandsnachfrage dämpfen und so das Leistungsbilanzdefizit zusätzlich verringern. Der steigende Preisdruck soll durch Maßnahmen zur Energieförderung und dem Abbau von Regulierung und Steuern verringert werden,
Der Mar-a-Lago Accord
Ein zentrales Element dieser Strategie könnte ein neues internationales Währungsabkommen sein, ein sogenannte Mar-a-Lago Accord. Dieser würde an das historische Plaza Accord von 1985 erinnern und eine koordinierte und kontrollierte Schwächung des Dollars anstreben. Mögliche Maßnahmen umfassen Vereinbarungen mit ausländischen Notenbanken zur Aufwertung anderer Währungen gegenüber dem US-Dollar und eine stärkere Lockerung der Geldpolitik in den USA. Um eine Kapitalflucht ausländischer Anleger zu verhindern, könnte Druck auf internationale Gläubiger erzeugt werden, der Umwandlung von US-Staatsanleihen in langlaufende Papiere zu zustimmen, um so eine Art Schuldenstundung zu erreichen.
Auch ein US-Staatsfonds könnte dabei eine größere Rolle spielen, der etwa gezielt Fremdwährungen aufkauft, um den Dollar zu schwächen und gleichzeitig im Inland investiert, um etwaige Kapitallücken durch die Abkehr ausländischer Geldgeber zu kompensieren.
Die Auswirkungen einer solchen Politik wären weitreichend. Abhängig vom Timing der einzelnen Maßnahmen könnte es kurzfristig zu einer erneuten Dollaraufwertung kommen, bevor eine nachhaltigere Abwertung einsetzt. Die US-Industrie würde wohl profitieren, doch die Verbraucher müssten mit steigenden Preisen rechnen. Eine verstärkte Abschottung durch Zölle könnte zudem zu Handelskonflikten und Gegenzöllen anderer Länder führen.
Für Europa könnte eine Dollarabwertung besonders problematisch sein, da europäische Exporte dadurch teurer würden. Gleichzeitig müssten sich europäische Investoren stärker gegen Währungsrisiken absichern. Falls Europa jedoch seinen Konsum steigert, könnte dies den Handelskonflikt mit den USA entschärfen.
Auch geopolitisch birgt die Strategie erhebliche Risiken. China und Japan, die größten Gläubiger der USA, könnten sich gegen eine künstliche Dollarabwertung wehren, um ihre Reserven zu schützen. Zudem könnten sich Länder verstärkt in Freihandelszonen zusammenschließen, um protektionistischen US-Maßnahmen entgegenzuwirken. Die massiven Eingriffe in den Freihandel ähneln hier einer Operation am offenen Herzen mit der man versucht einen gebrochenen Arm zu therapieren –die Erfolgsaussichten sind fragwürdig und stehen in keinem Verhältnis zum Risiko.
Hohes Risiko, fragwürdige Erfolgsaussichten
Letztlich bleibt das Konzept des Mar-a-Lago Accord ein riskantes Experiment. Der Erfolg der Maßnahme wird stark davon abhängen ob andere Länder bereit sind mitzuspielen – was angesichts der globalen Interessenlage fraglich ist. Für Investoren und europäische Unternehmen bedeutet dies eine Phase hoher Unsicherheit, in der eine diversifizierte Strategie ratsam erscheint.
Langfristiger wirtschaftlicher Erfolg beruht auf Innovationskraft, Investitionen in Zukunftstechnologien und offenen Märkten. Eine künstliche Abwertung des Dollars mag kurzfristig Exportbranchen helfen, birgt jedoch erhebliche Risiken für Inflation, Kapitalmärkte und die globale Stabilität. Ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum kann nicht durch protektionistische Maßnahmen erreicht werden, sondern erfordert kluge Strategien, die auf langfristige Wettbewerbsfähigkeit abzielen. In einer vernetzten Weltwirtschaft ist Zusammenarbeit wichtiger als Abschottung – eine Erkenntnis, die langfristig mehr Erfolg verspricht als jede kurzfristige Währungsmanipulation.