Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Investmentchef Daniel Kerbach
Trump 2.0: Chancen und Risiken für die deutsche Wirtschaft
Die Präsidentschaftswahl 2024 in den USA ist dieses Mal besonders spannend. Beide Kandidaten, Donald Trump und Kamala Harris, liegen nach aktuellen Umfragen Kopf an Kopf, was auf einen äußerst knappen Wahlausgang hindeutet. Die Finanzmärkte sind auf beide Szenarien vorbereitet. Sollte Kamala Harris das Rennen machen, wird erwartet, dass sie weitgehend die Politik der Biden-Administration fortsetzt.
Eine zweite Amtszeit von Donald Trump wäre hingegen mit deutlich größeren Unsicherheiten verbunden. Die US-Wirtschaft und die Kapitalmärkte würden bei einem Trump-Sieg in ein Spannungsfeld zwischen positiven Impulsen durch Deregulierung und Steuersenkungen und potenziell negativen Effekten durch protektionistische Maßnahmen geraten.
An der Wall Street ist Trump erst einmal willkommen. Seine Agenda verspricht Investoren steuerliche Entlastungen und niedrige Zinsen. Trump, der dafür berüchtigt ist, überall mitmischen zu wollen, ist zuzutrauen, dass er nach dem Amtsende von US-Notenbankchef Jerome Powell im Mai 2026 alles daran setzen wird, einen Kandidaten für den Fed-Vorsitz zu installieren, der seine kapitalfreundliche Zinspolitik fortsetzt. Ein Wahlsieg Trumps könnte also, wie schon 2016, erst einmal zu einer temporären Euphorie an den Märkten führen.
Trump bleibt unberechenbar
Mit Blick auf die USA könnte das Paket aus Steuersenkungen, Zöllen und Protektionismus die heimische Industrie kurzfristig stärken. Langfristig droht jedoch eine Verschärfung der Handelskonflikte mit negativen Folgen für das globale Wirtschaftswachstum. Was den weltweiten Impact der Trumpschen Wirtschaftspolitik betrifft, sind die Auswirkungen deshalb deutlich schwerer einzuschätzen.
Einerseits ist Trump, anders als 2016, kein Unbekannter mehr. Die Märkte wissen grundsätzlich, wofür er steht. Da Trump sich jedoch explizit außerhalb des politischen Establishments positioniert, bleibt er unberechenbar. In der deutschen Wirtschaft erinnert man sich noch mit Schrecken an die ersten Monate seiner Präsidentschaft im Jahr 2017. Der große Handelsüberschuss war plötzlich in Gefahr, weil Trump mit Zöllen und protektionistischen Maßnahmen gegen deutsche Exporte, vor allem Autos, drohte. Kritik von allen Seiten gab es damals vor allem für seine „America First“-Politik, die als Gefahr für den freien Welthandel und die Beziehung zu den USA angesehen wurde.
Tatsächlich ist die Situation jetzt eine andere. Deutschland war 2016 das wirtschaftlich führende Land in Europa mit hohem Wachstum und starker Wettbewerbsfähigkeit. Davon ist heute nicht mehr viel übrig. Bürokratie und Regularien, Steuern und teure Energie sowie fehlende Investitionen in die Infrastruktur belasten die deutschen Unternehmen stark. Vor diesem Hintergrund ist unter einer erneuten Präsidentschaft von Donald Trump alles möglich. Es kann noch viel schlimmer kommen. Oder aber das Blatt wendet sich für Deutschland ökonomisch zum Guten.
Droht der Rückfall in den Protektionismus?
Einerseits birgt ein Wahlsieg Trumps für die deutsche Wirtschaft erhebliche Risiken. Eine erneute Einführung protektionistischer Maßnahmen, wie höhere Zölle auf deutsche Industrieausfuhren, würde die exportorientierte deutsche Wirtschaft stark belasten. Zudem könnte Trumps unilaterale Handelspolitik internationale Abkommen untergraben und die Handelsbeziehungen, von denen Deutschland abhängig ist, weiter schwächen. Seine oft unvorhersehbare Außenpolitik könnte zu Volatilität auf den Finanzmärkten führen und dadurch Investitionen und Konsum beeinträchtigen.
Vor allem aber ist damit zu rechnen, dass Trump von Deutschland verlangen wird, seine Verteidigungsausgaben deutlich zu erhöhen, was den Haushalt stark belasten würde. Schließlich könnte ein umweltpolitischer Kurswechsel in den USA den Wettbewerbsvorteil deutscher Unternehmen mindern, die an strengeren Umweltstandards festhalten müssen.
Ein Hoffnungsschimmer bleibt
Trump hat sich auf China als ärgsten Rivalen eingeschossen. Im Schatten dieses Konfliktes besteht die Möglichkeit, dass belastende Handelsabkommen für Deutschland überarbeitet oder zurückgenommen werden. Sollte Trump erneut hohe Zölle auf chinesische Waren erheben, könnten deutsche Unternehmen davon profitieren, indem sie als alternative Handelspartner in die Bresche springen.
Insbesondere die Automobil- und Maschinenbauindustrie könnte durch Substitutionsexporte Marktanteile gewinnen. Sollte der Euro weiterhin schwach bleiben, würde dies der deutschen Exportwirtschaft einen zusätzlichen Währungsvorteil bringen, was sich positiv auf den Handel auswirken dürfte. Und nicht zuletzt würden die von Trump in Aussicht gestellten Steuersenkungen auch die Gewinne der US-Dependancen der deutschen Großkonzerne erhöhen.
Überraschungen sind möglich – in jede Richtung
Ob eine zweite Amtszeit Donald Trumps zu einer Rezession in Deutschland führt oder der Wirtschaft Auftrieb gibt, hängt stark von Trumps Fokus auf den Welthandel ab. Während protektionistische Maßnahmen Deutschlands exportorientierte Wirtschaft stark belasten könnten, gibt es auch Szenarien, in denen sich die deutsche Wirtschaft erholt, zum Beispiel durch eine Verschiebung von US-Sanktionen auf China.
Blickt man auf das „Big Picture“ erscheint es nicht plausibel, dass Trump daran gelegen sein kann, der ohnehin angeschlagenen deutschen Wirtschaft weiteren Schaden zuzufügen. Ihm und seinen Beratern dürfte nicht entgangen sein, dass Deutschland derzeit mit erheblichen wirtschaftlichen Herausforderungen kämpft. Stattdessen wäre es in seinem Interesse, Deutschland und Europa zu ermutigen, gemeinsam mit den USA den Druck auf China zu erhöhen und möglicherweise Zollschranken zu errichten. Dies könnte zwar der deutschen Exportwirtschaft schaden, passt jedoch zu Trumps Strategie, den globalen Handel zugunsten der USA neu auszurichten.
