Märkte bewegen Aktien, Zinsen, Politik. Und Menschen. Deshalb präsentieren wir dir hier die bedeutendsten Analysen und Thesen von Top-Ökonomen - gebündelt und übersichtlich. Führende Volkswirte und Unternehmensstrategen gehen den wichtigen wirtschaftlichen Entwicklungen clever und zuweilen kontrovers auf den Grund.
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Volkswirt Andreas Busch
Deshalb gerät der US-Konjunkturmotor ins Stottern
In den vergangenen Wochen haben die US-Konjunkturdaten mehrheitlich enttäuscht. Ein prominentes Beispiel liefert der private Konsum, bei dem sich das Wachstum – das im zweiten Halbjahr 2023 noch bei annualisiert 3,6 Prozent gelegen hatte – in den ersten fünf Monaten auf magere +0,8 Prozent abgekühlt hat.
Auch am Arbeitsmarkt sind inzwischen mehr Bremsspuren zu erkennen. Unter anderem ist die Arbeitslosenquote mit 4,1 Prozent auf den höchsten Stand seit zweieinhalb Jahren geklettert (siehe Abbildung 1).
Stellensaldo auf dem niedrigsten Stand seit dreieinhalb Jahren
Die jüngste Aufwärtsbewegung der Arbeitslosenquote ist zwar mit Vorsicht zu betrachten, weil die Statistik die illegale Zuwanderung wahrscheinlich nicht ausreichend erfasst und daher die Arbeitslosigkeit etwas überzeichnet.
An der grundlegenden Einschätzung, dass sich die Beschäftigungssituation verschlechtert, ändert diese Relativierung indes nichts. Denn auch beim Stellensaldo, der aufgrund einer anderen Datenquelle die Zuwanderung besser berücksichtigt, wird der übergeordnete Abwärtstrend immer klarer sichtbar. Mit 177.000 im Durchschnitt der vergangenen drei Monate ist er auf den niedrigsten Stand seit dreieinhalb Jahren abgerutscht.
Zudem lassen die einschlägigen Unternehmensumfragen eine merkliche Eintrübung der Lage erkennen. Der Erhebung des Mittelstandsverbands NFIB zufolge haben die Firmen zum Beispiel ihre Einstellungspläne in den vergangenen Quartalen deutlich zurechtgestutzt (siehe Abbildung 2).
Sparüberhang der US-Bürger ist aufgebraucht
Als Zwischenfazit ist damit festzustellen, dass die US-Wirtschaft zuletzt eindeutig an Fahrt verloren hat. Die entscheidende Frage lautet nun: Handelt es sich dabei bloß um ein kurzes Luftholen oder ist das der Auftakt zu einer länger andauernden Schwächephase? Wir halten Letzteres für wahrscheinlicher.
Unsere weit vorausschauenden Frühindikatoren zeigen für die Industrie zwar eine Fortsetzung der schwachbrüstigen Erholung an, die primär durch eine Wiederaufstockung der Vorratsbestände angetrieben wird. Im Gegenzug deutet indes vieles auf eine Abschwächung beim Servicesektor hin, auf den rund drei Viertel der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung entfallen.
Der Grund dafür ist zum einen der nachlassende Rückenwind aus Pandemiezeiten. Der Sparüberhang der US-Bürger, der in der Spitze mit über 2.000 Milliarden US-Dollar rund 9 Prozent des BIP entsprach, ist inzwischen aufgebraucht. Eine wichtige Quelle zur Finanzierung der Konsumausgaben ist mithin versiegt.
Damit aber nicht genug: Als Reaktion auf die überzogene staatliche Alimentierung durch die Corona-Hilfen hatten die Verbraucher immer weniger gespart. Lag die Sparquote vor der Pandemie bei rund 7 Prozent, waren es zuletzt nur noch knapp 4 Prozent. Eine derart niedrige Spartätigkeit ist aber nicht nachhaltig. Vielmehr dürfte sie nach dem Aufbrauchen der Pandemierücklagen wieder anziehen, was im Gegenzug einen schwächeren Konsum zur Folge hat.
Privater Verbrauch wird durch massiv gestiegen Zinsen belastet
Belastet werden dürfte der private Verbrauch – und damit auch der Dienstleistungssektor – zum anderen durch die massiv gestiegenen Zinsen. Vor allem bei Hypothekenkrediten steht das dicke Ende erst bevor. Viele Hausbesitzer profitieren wegen der langen Zinsbindung immer noch von den extrem tiefen Zinsen aus der Pandemiezeit. Mit jeder neu abgeschlossenen Hypothek, zum Beispiel wegen eines Umzugs, geht dieser Vorteil jedoch verloren und die Finanzierungskosten klettern in die Höhe.
Gebündelt werden die verschiedenen Einflussfaktoren auf Konsum und Dienstleister in unserem weit vorauslaufenden US Leading Service Indicator. Er deutet darauf hin, dass der wichtigste Sektor der US-Wirtschaft in den kommenden Quartalen zunehmend unter Druck geraten wird (siehe Abbildung 3). Eine Vorabschätzung zum Wert des Indikators für das zweite Quartal 2025 lässt noch kein Licht am Ende des Tunnels erkennen.
Alles in allem sehen wir unseren bereits seit Längerem vertretenen skeptischen Konjunkturausblick bestätigt. Wir rechnen weiterhin mit einer deutlicheren Wachstumsabkühlung als der Konsensus und die US-Notenbank. Letztere sieht zum Ende des Jahres das BIP-Wachstum bei 2,1 Prozent – wir halten mit 1,4 Prozent ein deutlich geringeres Plus für realistisch (jeweils im Vorjahresvergleich).
Außerdem besteht nach wie vor das Risiko einer noch ausgeprägteren Wachstumsverlangsamung, sollte aus der Abschwächung am Arbeitsmarkt eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale erwachsen.
