Value Investing „Die Marktvolatilität ist unser Freund“

Tiffany Flagship Store in der Fifth Avenue in New York; das bekannteste Geschäft der Stadt: Anlegern kann der Luxussektor exquisite Renditen bieten. | © Getty Images

Tiffany Flagship Store in der Fifth Avenue in New York; das bekannteste Geschäft der Stadt: Anlegern kann der Luxussektor exquisite Renditen bieten. Foto: Getty Images

Jan Vormoor, Senior Investment Spezialist beim Amundi-Partner First Eagle Investment Management

Herr Vormoor, an den Börsen kam es jüngst zu einem weitreichenden Sell-Off: Wie haben Sie kurzfristig reagiert?

Jan Vormoor: Wir freuen uns, dass die Märkte mal wieder runtergehen. Wir hatten in den vergangenen Jahren einen relativ teuren Markt. Als Value-Investoren versuchen wir stets mit einer Sicherheitsmarge von mindestens 30 Prozent zu investieren. Im Marktumfeld der vergangenen Jahre hat uns dieser Ansatz vor Herausforderungen gestellt. Zuletzt haben wir deshalb ziemlich viel Cash gehalten. Wir würden natürlich lieber voll investiert sein – aber dann nur zum richtigen Preis. Wir nutzen allerdings die jetzigen Opportunitäten, um ein bisschen einkaufen zu gehen. Wir sehen den aktuellen Sell-Off daher mit Gelassenheit. Die Marktvolatilität bildet für uns kein Risiko, sondern ist unser Freund. Wer nur kurzfristig investieren will, dürfte das allerdings anders sehen. Wir hingegen sind langfristige Investoren. Permanenter Kapitalverlust ist unser Feind, nicht kurzfristige Preisschwankungen am Markt.

Eine großzügig ausgelegte Sicherheitsmarge und ein langer Anlagehorizont gewährleisten beim First Eagle Amundi International Fund und First Eagle Amundi Income Builder Fund, die Sie mit Ihrem Team betreuen, langfristigen Erfolg. Welche weiteren Faktoren beeinflussen Ihre Renditen?

Vormoor: Unsere Langfristorientierung, die Sicherheitsmarge, aber auch eine breite Diversifizierung sowie ein robustes Exposure zu goldbezogenen Werten dienen dazu, das Risiko permanenten Kapitalverlust so gering wie möglich zu halten. Das langfristige Outperformancepotenzial unserer Fonds hängen nicht zuletzt in hohem Maße davon ab, was wir nicht im Portfolio haben. So hielten wir Ende der 1980er Jahre keine japanischen Aktien. Ende der 1990er hatten wir keine Technologiewerte.

Wir besaßen so gut wie keine Bankaktien in den Jahren 2007 und 2008. Das ist unserer Sicherheitsmarge geschuldet. Sie hält uns von Titeln ab, die entweder zu teuer sind oder die wir nicht verstehen. Lassen Sie mich das mit einem persönlichen Beispiel aus der Welt der Bankaktien verdeutlichen: Ich begann meine Karriere bei einer französischen Großbank. 2007 bekam ich als Bonus erstmals Aktien der Bank. Damals waren diese noch rund 120 Euro je Aktie wert, heute notiert die Aktie bei 34 Euro... Das ist permanenter Kapitalverlust! Banken machten 2007 fast 25 Prozent des MSCI World aus. Wer damals zu stark und mit großen Summen exponiert war, hat sich eine blutige Nase geholt: Der Traum von Wachstum kann für Anleger teuer werden.

Schmerzen sollten beim Investieren nach Möglichkeit ausbleiben. Aber wie genau sieht Ihr strategisches Vorgehen aus?

Vormoor: Mein Vater sagte immer, Geduld ist die Mutter aller Tugenden. So sehen wir das auch bei First Eagle. Bei einigen unsere Investments warten wir jahrelang bis wir günstig einsteigen können. Denn auch wenn die Aussichten fürs Unternehmen sehr gut sind, für uns ist der Preis immer die ausschlaggebende Variable für ein Investment. Und wenn wir eingestiegen sind, bleiben wir im Durchschnitt zehn Jahre lang investiert. In unserem International Fund sind fast 10 Prozent der heutigen Aktienpositionen Unternehmen, die schon seit der Auflage des Fonds in 1996 im Portfolio sind. Nehmen wir einmal ein historisches Beispiel. Ende der 1990er Jahre waren in der New-Economy-Blase IT-Werte bei der Masse der Anleger extrem beliebt.

Auf Cisco Systems zum Beispiel liefen hohe Wetten. Damals waren auch wir der Meinung, dass der Telekommunikationsanbieter ein gutes Unternehmen ist, das vom großen Internetwachstum profitieren würde – aber kaufen wollten wir es trotzdem nicht. Die Aktie war einfach zu teuer, sie ging bis auf 80 US-Dollar hoch. Zehn Jahre später, 2008 und 2009, fiel Cisco Systems auf unter 15 US-Dollar – obwohl das Unternehmen sogar die optimistischsten Vorhersagen der Analysten geschlagen hatte und unheimlich stark gewachsen war. Genau hier sind wir dann extrem günstig eingestiegen. Vor ein paar Jahren haben wir dann bei einem Kurs von 30 US-Dollar die Aktie wieder verkauft. Zwar ist die Aktie seitdem noch weiter gestiegen, aber günstig ist sie nicht mehr. Wir können zwar die Zukunft nicht vorhersehen, aber mit Geduld, Disziplin und Bescheidenheit kann man trotzdem langfristig ein erfolgreicher Investor sein.

Für Privatanleger aber auch manchen institutionellen Investoren dürfte es nicht leicht sein, den richtigen Einstiegszeitpunkt zu finden. Woher sollen Anleger wissen, ob eine Aktie schon günstig oder immer noch zu teuer ist?

Vormoor: Das ist das Komplizierte. Es bedarf hier mehrerer Faktoren. Um eine Sicherheitsmarge definieren zu können, muss man erst einmal den intrinsischen Wert eines Unternehmens realistisch ausrechnen können, was viel Zeit benötigt. Bei vielen Mitbewerbern ist das Motto „Zeit ist Geld“ die zentrale Geschäftsgrundlage. Die Analysten bei diesen großen Fondsgesellschaften haben deshalb oft nur zwei oder drei Tage, um sich ein Unternehmen näher anzusehen. Wir haben dafür großzügige drei bis vier Monate Zeit – und damit einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. First Eagle Investment Management wurde von einer deutschen Familie gegründet, die seit 150 Jahren ihr eigenes Geld in das Unternehmen investiert. Wir arbeiten deshalb in einem Umfeld, in dem wir uns die nötige Zeit nehmen können: Unsere Analysten sind gehalten jeweils nur zwei oder drei Ideen pro Jahr zu entwickeln, bevor wir investieren – diese Strategien müssen dann allerdings auch sitzen. Dem ewigen Wettrennen der Finanzindustrie gegen kurzfristige Benchmarks und Morningstar-Sterne können wir uns damit entziehen. Unsere Fondsmanager werden von der Geschäftsleitung nicht mit dem Todesurteil konfrontiert, wenn sie einmal einige Jahre lang nicht den Markt schlagen.