DAS INVESTMENT: Herr Komoss, mit Ihrem Fonds, dem Vates Aktien USA, setzen Sie auf das Konzept der kollektiven Intelligenz. Was steckt dahinter?
Maik Komoss: Der Begriff wird gerade inflationär gebraucht, vor allem im Zusammenhang mit Social-Trading-Plattformen. Was dort passiert, ist aus meiner Sicht kein bisschen kollektive Intelligenz – das ist Herdentrieb. Solange Nvidia oder Rheinmetall laufen, zieht das immer mehr Privatanleger-Gelder an. Die Entscheidungen sind alles andere als unabhängig. Kollektive Intelligenz setzt aber genau das voraus: hohe Kompetenz, die unabhängig voneinander zum Tragen kommt.
Welcher Art von Intelligenz folgen Sie mit Ihrem Fonds stattdessen?
Komoss: Wir folgen institutionellen Investoren in den USA – vor allem Hedgefonds und Family Offices. In den USA gibt es über 4.000 Asset Manager, die quartalsweise ihre Positionen über die sogenannten 13F-Daten offenlegen müssen. Aus diesem Pool identifizieren wir 60 Manager, die wir als besonders leistungsstark einstufen. Die meisten davon kennt in Deutschland niemand – und das ist kein Zufall.
Warum ist Unbekanntheit ein Qualitätsmerkmal?
Komoss: Weil ein Manager, der 500 Millionen oder eine Milliarde verwaltet, noch ganz andere Flexibilitäten hat als einer mit 30 oder 40 Milliarden. Wir versuchen, starke Manager frühzeitig zu entdecken – ab etwa fünf Jahren nachweisbarem Track Record, aber noch bevor sie zu groß werden. Das ist der Sweet Spot. Die bekannten Namen, die regelmäßig bei CNBC auftreten, haben wir in der Regel nicht im Pool.
Und Warren Buffett?
Komoss: Buffett ist der erfolgreichste Investor aller Zeiten – wenn man die 60er-, 70er- und 80er-Jahre betrachtet. Was er damals geleistet hat, ist wirklich unglaublich. Ich sage das nicht leichtfertig, denn ich habe mit dem Lesen seiner Biografien angefangen und kenne seine frühen Jahre sehr gut.
Aber: Berkshire Hathaway mit einem Portfolio von 300 bis 400 Milliarden US-Dollar – da ist es schlicht unmöglich, in der Breite eines Portfolios noch echtes Aktien-Alpha zu erzielen. Das haben wir auch ausgewertet. In den vergangenen 20 Jahren lag das Berkshire-Aktienportfolio knapp hinter dem S&P 500.
Knapp hinterher – das klingt noch nicht dramatisch.
Komoss: Das wird dramatisch, wenn man sich die Methodik genauer anschaut. Wir wenden eine sogenannte Ausreißer-Eliminierung an: Wir klammern das beste Investment eines Managers heraus und schauen, wie das Portfolio ohne diesen einen Ausreißer dagestanden hätte. Bei Buffett ist das die Apple-Aktie. Rechnet man die raus und skaliert die übrigen Positionen proportional hoch – also man stellt sich eine Welt vor, in der Apple nie im Portfolio war –, dann liegt das Berkshire-Portfolio der letzten 20 Jahre nicht mehr nur knapp hinter dem S&P 500, sondern auch deutlich hinter einem einfachen Large-Cap-Value-Index. Und in den vergangenen zehn Jahren ist dieser Abstand sogar immer größer geworden.
Ist diese Ausreißer-Analyse Ihr einziges Auswahlkriterium?
Komoss: Nein, das ist nur eines von mehreren quantitativen Verfahren. Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Frage nach der richtigen Benchmark. Das klingt banal, ist aber entscheidend. Viele aktive Fonds werden heute standardmäßig am MSCI World oder S&P 500 gemessen – unabhängig davon, was der Manager wirklich macht. Wir analysieren über Korrelationsanalysen, welcher Index wirklich zur Strategie eines Managers passt. Manchmal erstellen wir auch eigene Benchmarks, wenn es keine passende gibt.
Und dann gibt es noch die Zerlegung in Sektor- und idiosynkratischen Effekt: Wie viel Performance kommt daher, dass ein Manager zufällig im richtigen Sektor war – und wie viel daher, dass er innerhalb dieses Sektors wirklich gute Einzeltitel gepickt hat?
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Komoss: Hudson Way Capital Management. Der Fonds hat in den letzten zehn Jahren den S&P 500 deutlich geschlagen – und das, ohne je einen der großen Technologietitel im Portfolio gehabt zu haben. Das ist Wahnsinn.
Wenn wir das auseinandernehmen, sehen wir: Negativer Sektoreffekt, weil die Sektoren, in denen er investiert war, sich schlechter entwickelt haben als der Markt. Aber das idiosynkratische Alpha ist umso beeindruckender, weil er aus diesen in Anführungszeichen schlechten Sektoren so gute Einzelaktien herausgepickt hat. Zum Beispiel Transdigm aus der Flugzeugwartung – ein bisschen vergleichbar mit MTU hier in Deutschland. Oder Interactive Brokers und KKR aus dem Finanzsektor. Das ist echter Stock-Picking-Mehrwert, den wir in einem Portfolio haben wollen.
Wie ist Ihr Fonds derzeit sektoral aufgestellt?
Komoss: Sehr breit – wir bilden in der Regel alle Sektoren ab. Das ergibt sich automatisch aus unserem Screening, nicht aus einer bewussten Entscheidung. Zuletzt hatten wir im Vergleich zum S&P 500 weniger Technologietitel – rund 8 Prozentpunkte Untergewichtung – und dafür deutlich mehr im Healthcare-Sektor, mit einer Übergewichtung von rund 13 Prozentpunkten. Viele Kunden sind überrascht, wenn sie hören, dass wir weniger Tech haben. Die erwarten das Gegenteil.
- Sektor: Aktienfonds All Cap USA
- Auflegung: 12.10.2022
- Ertragsverwendung: ausschüttend
- Fondsgesellschaft: IFM Independent Fund Management
- ISIN: LI1206088414
- Maximal Drawdown seit Auflage: 24,48%
- Performance YTD: -0,90%
- Performance 3 Jahre: 74,48%
- Performance 5 Jahre: -
- Sharpe Ratio 5 Jahre: -
- Sum. lfd. Kosten: 2,81%
- Volatilität 5 Jahre: -
- Volumen in Mio. EUR: 369
Wie dynamisch passen Sie das Portfolio an?
Komoss: Die 13F-Daten kommen einmal im Quartal, aber wir haben zusätzlich privat abonnierte Datenbanken mit Positionierungsdaten, die deutlich hochfrequenter sind. Das Portfolio ist wirklich nicht statisch – es verändert sich laufend. Ich bin eigentlich jede Woche dran. Und aus einem theoretischen Universum von über 900 Aktien, die unsere 60 Manager insgesamt halten, wählen wir 40 bis 60 Positionen über ein Konsens-Screening aus: Mehrere Manager müssen investiert sein, sie müssen im Aggregat zukaufen statt verkaufen, und die Aktie muss bei ihnen hoch gewichtet sein. Daraus ergeben sich auch die Gewichtungen im Fonds.
Das klingt nach einem sehr regelgebundenen System. Greifen Sie da wirklich nie diskretionär ein?
Komoss: Nein – und das ist eine bewusste Entscheidung. Ich erinnere mich an den Deep-Seek-Schock Anfang 2025, als einige unserer KI-nahen Positionen über Nacht 20 Prozent verloren. Natürlich stellt man sich dann die Frage: Muss man jetzt handeln? Im Nachhinein war es richtig, nicht zu reagieren. Aber das ist nicht der eigentliche Punkt. Die Stärke eines regelgebundenen Ansatzes liegt darin, dass man sich gar nicht erst die Möglichkeit gibt, aus Emotionen heraus zu handeln. Kein Panikschnellschuss – weil das System ihn schlicht nicht vorsieht.
Hat diese Disziplin Sie je etwas gekostet?
Komoss: Im Gegenteil. Zwei unserer besten Einzeltitel der vergangenen Jahre waren Teva Pharmaceutical und General Electric – Aktien, die ich diskretionär nie angefasst hätte. Teva steckte jahrelang in einer tiefen Generika-Krise, die Aktie hatte niemanden mehr interessiert. Aber gut informierte Hedgefonds mit tiefgehenden Research-Teams sind mit hohen Positionen eingestiegen – das haben wir in den 13F-Daten gesehen – und es wurde ein echter Turnaround.
General Electric ist noch extremer: Die Aktie ist 20 Jahre lang gefallen. Dann kam der Spin-Off, die Aufteilung in GE Aerospace und GE Vernova, und wir haben die Aktie 2023 gekauft. Anschließend war sie bis heute einer unserer absoluten Top-Performer. Welcher Anleger hätte General Electric 2023 in den Top-Positionen seines Portfolios gehabt?
Wie passt das Konzept in ein typisches Anlegerportfolio?
Komoss: Sehr komplementär – gerade für Anleger, die bereits viel MSCI World und S&P-ETF halten. Wer zehn verschiedene ETFs mit US-Aktien besitzt, hat in der Realität ein Portfolio, das sich kaum von einem einzelnen ETF unterscheidet, weil die Top-Ten-Positionen überall gleich sind. Wer dagegen einen Fonds sucht, der wirklich anders zusammengesetzt ist und kein statisches Abbild des Marktes darstellt, findet in unserem Ansatz eine echte Diversifikation. Das haben unsere Kunden offenbar so gesehen: 2025 waren wir unter den elf zuflussreichsten Fonds in Deutschland, in 2024 auf Platz acht.
Viele Anleger machen sich Sorgen wegen hoher Bewertungen. Sehen Sie das auch so?
Komoss: Marktbewertungen spielen in unserem Auswahlprozess keine Rolle – das wäre ein diskretionärer Eingriff, den unser System nicht kennt. Was ich sagen kann: Wir sind ein reiner Long-Only-Ansatz, wir werden mit dem Markt fallen, wenn er fällt. Davon sind wir nicht gefeit. Aber unser Ziel ist eine signifikante Mehrrendite gegenüber allen relevanten US-Indizes – vom Large-Cap S&P 500 bis zum Small-Cap Russell 2000 – über einen Zeitraum von fünf Jahren. Und davon bin ich überzeugt, dass wir das in jedem Marktumfeld schaffen. Übrigens: Mein Kollege und ich haben den Großteil unserer Altersvorsorge in diesen Fonds investiert. Das ist vielleicht das ehrlichste Zeichen für unsere Überzeugung.
Maik Komoss ist Managing Partner bei Vates Invest und Portfoliomanager des Vates Aktien USA. Der Fonds fokussiert sich auf die besten Stockpicker und deren „Lieblingsaktien“. Das Augenmerk liegt dabei auf Einzelaktien mit einem High-Conviction-Ansatz, um ein größtmögliches Alpha zu erzielen. Komoss ist Diplom-Kaufmann und Certified Financial Technician. Er verfügt über jahrzehntelange Kapitalmarkterfahrung mit Schwerpunkt Portfoliomanagement. Zuvor war er bei BN & Partners Capital und der Sparkasse Marburg-Biedenkopf tätig.