Vermasselnde Briten So bewerten Anlage- und Wirtschaftsprofis das Brexit-Desaster
Bei einer Einigung, Verzögerung oder – und vor allem – einer Annullierung des Brexits würde das Pfund wahrscheinlich ansteigen, und auch britische Staatsanleihen dürften kurzfristig positiv reagieren. Der Londoner Aktienmarkt dürfte ebenfalls profitieren, da mehr politische Sicherheit das britische Wachstum unterstützen dürfte. Europäische Aktien könnten ebenfalls gewinnen, da eine große politische Krise der EU vermieden wurde – auch wenn diese weiterhin vor Herausforderungen steht, wie etwa eine Verlangsamung der Konjunkturdynamik oder die Gefahr weiterer Handelskonflikte mit den USA.
Das unmittelbarste Risiko stellt nun das Misstrauensvotum gegen die May-Regierung dar. Sollte May verlieren, werden Neuwahlen ausgerufen und es müsste binnen zwei Wochen eine neue Regierung gebildet werden. Die Labour-Opposition rechnet sich in diesem Fall durchaus Siegeschancen aus. Die Aussicht auf einen Labour-Sieg könnte zu erheblichem Druck auf die britischen Anleihen- und Devisenmärkte führen.
Bis es zum Brexit mehr Klarheit gibt, dürften Aktien ebenfalls unter Druck bleiben, da die Gefahr einer größeren Unsicherheit die Investitionsbereitschaft dämpft und das Vertrauen der Unternehmen und Verbraucher beschädigt. Es gilt aber auch zu bedenken: Brexit ist nicht das einzige Thema für Großbritannien. Die Verbesserung der Öl- und Rohstoffpreise in diesem Jahr dürfte ebenfalls ein starker Treiber für den britischen Aktienmarkt sein.
Kurzfristig dürfte die Volatilität sicherlich anhalten, was die Anleger dazu veranlassen könnte, ihr Risikoengagement weiterhin gering zu halten. Dies könnte die Erholung seit der Jahreswende ersticken. Da das Endergebnis des Brexits immer noch so unvorhersehbar ist, müssen Investoren sorgfältig abwägen, welche Risiken sie an den britischen Anleihen- und Devisenmärkten eingehen wollen.
Friedrich Heinemann, Leiter des ZEW-Forschungsbereichs Unternehmensbesteuerung und Öffentliche Finanzwirtschaft
Das Brexit-Drama lehrt, welchen ökonomischen Schaden ein emotional aufgeladenes Abstimmungsverhalten anrichten kann. Britische Wählerinnen und Wähler, die Brüssel im Juni 2016 aus einem Bauchgefühl heraus einen Denkzettel geben wollten, werden nun einen spürbaren Wohlstandsverlust erleiden. Spätestens nach der gestrigen Abstimmung im britischen Unterhaus muss Brüssel sich jetzt konsequent auf den ungeregelten Brexit vorbereiten und den Schaden für die verbleibenden 27 Staaten der Europäischen Union begrenzen. Hier sind drei kurzfristige Aufgaben bislang zu wenig beachtet.
