Vermasselnde Briten So bewerten Anlage- und Wirtschaftsprofis das Brexit-Desaster
Wir gehen nicht davon aus, dass es zu diesem letztgenannten Szenario kommen wird. Es wäre nun sinnvoll, wenn die britische Regierung/das britische Parlament mit der EU einen Aufschub der Frist vereinbaren würde, vielleicht um ein weiteres Jahr. Wenn dies nicht gelingt, hätte die britische Regierung immer noch die Möglichkeit, die Auslösung von Artikel des 50 EU-Vertrags, der den Austritt eines Mitgliedsstaats aus der Europäischen Union regelt, zu widerrufen. Ein EU-Gerichtsbeschluss hat vor kurzem diese Option bestätigt. Wir sind der Meinung, dass Option mit der verheerenden Abstimmungsniederlage der britischen Regierung gestern wahrscheinlicher geworden ist.
Was die Märkte anbelangt, erwarten wir in den kommenden eine erhebliche Verunsicherung. Schwäche prognostizieren wir insbesondere für den Pfund-Wechselkurs und für britische Aktien, vor allem aus Branchen, die in erster Linie vom heimischen Markt abhängen. Zudem gehen wir davon aus, dass die Renditen britischer Staatsanleihen zurückgehen.
Dabei ist zu beachten, dass Anleger in Großbritannien bisher nicht untergewichtet sind, was darauf hinweist, dass sie keine große Schwäche bei britischen Aktien erwartet haben. Deshalb haben britische Aktien Luft, bei schlechten Nachrichten deutlich nachzugeben. Die Märkte sollten sich unserer Ansicht nach stabilisieren, wenn sich eine gangbare Lösung manifestiert hat oder wenn es klar wird, dass der Stillstand einen Aufschub der Verhandlungen und der Austrittsfrist herbeiführen wird.
Stephanie Kelly, politische Volkswirtin bei Aberdeen Standard Investments
Es war von vorneherein nicht die Nacht für Klarheit beim Brexit. Aber die Höhe von Theresa Mays Niederlage und der Ruf nach einem Misstrauensvotum werden für die Märkte kurzfristig von Bedeutung sein. Einerseits lenkt das Misstrauensvotum die Märkte in Richtung einer Chance für die weichere Brexit-Position der Labour Party, die das Pfund Sterling unterstützen würde. Andererseits werden sich die Investoren aber auch über die umstritteneren politischen Ziele von Labour wie eine Verstaatlichung Sorgen machen.
Wahlen neigen dazu, Ausverkäufe an den Märkten zu verursachen, weil sie von Natur aus ungewisse Ereignisse sind. Aber die Situation im Vereinigten Königreich ist komplexer als eine normale Abstimmung. Ich würde erwarten, dass das Pfund volatil bleibt, bis das Ergebnis des Misstrauensvotums bekannt ist. Mit der nordirischen Democratic Unionist Party (DUP), die sagt, dass sie die Konservativen unterstützen wird, ist das Misstrauensvotum zum Scheitern verurteilt, solange es keine große Rebellion innerhalb der konservativen Partei gibt.
Wenn May das Misstrauensvotum übersteht, dann werden wir im Wesentlichen an der gleichen Stelle stehen, als ob die Abstimmung vor vier Wochen stattgefunden hätte, aber mit einem engeren Zeitrahmen bis zum Auslaufen von Artikel 50. Die Märkte werden in den kommenden Tagen unruhig sein, aber es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass sich nichts Grundlegendes geändert hat. Das Klügste, was Investoren kurzfristig tun können, ist: nichts.
