Roboter-Zugschaffner in Japan: Technologietitel gehören zu den Lieblingen von Aktienanlegern | © imago images / Kyodo News Foto: imago images / Kyodo News

Vermögensverwalter Marco Herrmann

Matchplan für die zweite Halbzeit

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Seit der Finanzkrise 2008/2009 haben die in der Presse immer gerne zitierten Crash-Propheten vor bitteren Zeiten an den Börsen gewarnt. Dass aber nun ausgerechnet ein winziger Virus die globale Weltwirtschaft und damit auch die Finanzmärkte in die Knie zwingen würde, wer hätte das gedacht? Der heraufbeschworene Systemcrash aufgrund der hohen Schulden blieb bislang jedoch aus.

Aufgrund der geschnürten Konjunkturpakete und weiteren Unterstützungsmaßnahmen kletterten sogar die Staatsschulden noch schneller als während der globalen Finanzkrise. Gleichzeitig feierten die Börsen ein fulminantes Comeback. Das Minus an den Aktienmärkten zum Ende des ersten Halbjahres ist nach all dem, was passiert ist, vergleichsweise erträglich. Der MSCI Welt liegt im Vergleich zum Jahresanfang nur knapp fünf Prozent im roten Bereich.
Für die ewigen Bären bleibt nur die Freude über den gestiegenen Goldpreis übrig.

Probleme, wohin man nur schaut

Während in Europa die Covid-19-Infektionen auf dem Rückweg sind, sieht es in den USA und in vielen Schwellenländern eher noch düster aus. Die von den Finanzakteuren erhoffte V-förmige Erholung der Wirtschaft gerät damit in Gefahr, wenn nicht die Regierungen und Bürger in den betroffenen Ländern doch bald mehr Vernunft an den Tag legen. In den USA gab es zuletzt rund 55.000 neue Infektionen in nur 24 Stunden - ein trauriger Rekord.

Weitere Unsicherheit bringt die US-Präsidentschaftswahl mit sich. Donald Trump möchte um jeden Preis wiedergewählt werden. Zum einen ist das gut, denn es bedeutet weitere Unterstützung für Konjunktur und Finanzmärkte, denn Jobs und Wohlstandsgewinne über höhere Bewertungen in den Pensionsfonds erhöhen seine Chancen.

Zum anderen ist Trump in seiner Verzweiflung alles zuzutrauen. Die Bandbreite reicht von Verschärfung des globalen Handelskonflikts, über den Versuch einer Wahlverschiebung wegen Fälschungsgefahren bei hoher Briefwahlbeteiligung bis hin zur bewährten Ablenkungsstrategie, den Start eines Krieges. Der Iran positioniert sich bereits selbst durch seine Handlungen als mögliches Opfer. Und selbst nach der Wahl kann man nicht sicher sein, dass Trump eine etwaige Niederlage anerkennen würde.

Aber auch in Europa geht es politisch hoch her. Auf Angela Merkel, die seit dem 1. Juli die Ratspräsidentschaft der EU übernommen hat, kommt mit den immer noch offenen Brexit-Gesprächen und vor allem mit Verhandlungen über gemeinsame Schulden viel Arbeit zu.

Strategie für die nächsten sechs Monate

Vor dem Hintergrund der vielen Probleme spricht doch vieles auf den ersten Blick für eine sehr vorsichtige Depotaufstellung. Das würde bedeuten, in Cash zu bleiben beziehungsweise in Staatsanleihen mit negativen Renditen zu investieren. Das macht aber für einen mittelfristigen Anleger keinen Sinn. Auch wenn zwischenzeitlich immer wieder lokale Lockdowns notwendig werden, gehen wir von einer kontinuierlichen Erholung der Weltwirtschaft aus.

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