Straßenkunst-Gemälde im australischen Melbourne: Auch in der Corona-Krise ist der oft heraufbeschworene umfassende Wirtschaftskatastrophe ausgeblieben, erinnert Vermögensverwalter Markus Richert. | © imago images / AAP Foto: imago images / AAP

Vermögensverwalter Markus Richert

Die Apokalypse ist vorerst abgesagt

„Nur schlechte Nachrichten, sind gute Nachrichten“ heißt ein Leitsatz, nach dem sich Journalisten und Sachbuchautoren oft richten. Scheinbar verhält es sich mit guten Nachrichten wie mit schlechten Liedern: Niemand will sie hören. Ein Grund dafür ist, dass viele Menschen dazu neigen, auf negative Meldungen stärker zu reagieren als auf positive. Diesen Effekt haben Forscher mittlerweile kulturübergreifend bei mehr als 1.000 Menschen aus 17 Ländern untersucht und bestätigt. Gerade negative Nachrichten zur Börse und zu Aktien scheinen die deutschen Leser dann ganz besonders zu  mögen. Denn nach wie vor setzen viele immer noch Aktien mit Spekulation gleich. Das Finanzwissen der Deutschen ist katastrophal. Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Studien, die das bewiesen haben. So bezeichneten die Autoren einer Studie der ING-Diba vor kurzem die Bundesbürger als „finanzielle Analphabeten“. Daher wundert es nicht, dass Bücher gerne gelesen werden, die genau diese Angst und Unwissenheit bedienen.

Leider ist diese Aktien-Ignoranz langfristig fatal. Nur Gutverdiener investieren, wenn überhaupt, in Deutschland in Aktien. Die Masse der Bevölkerung vergibt damit die Chance, ein größeres Vermögen aufzubauen. Obwohl das letzte Jahrzehnt an den Börsen sehr gut verlief, stieg der Anteil der Aktienbesitzer in den vergangenen Jahren nur minimal. Aktuell besitzen nur knapp 16 Prozent der Bürger in Deutschland Aktien oder Aktienfonds. Wenn die Entwicklung so weiter geht, dauert es noch weitere 1.046 Jahre, bis alle Deutschen Aktien besitzen. Im Jahr 3066 wird es endlich so weit sein – unter der Voraussetzung, dass keine weiteren Finanzkrisen dazwischenkommen. Das jedenfalls legen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes nahe, die „Welt am Sonntag“ ausgewertet hat.

Problematische Aktien-Ignoranz

Es wäre eigentlich die Aufgabe der Politik, diesem Zustand entgegenzuwirken. Doch leider macht die Politik genau das Gegenteil. Statt gerade Leute mit weniger Geld anzuregen, stärker auf dem Kapitalmarkt mit Aktien und Anleihen für das Alter vorzusorgen, installiert sie immer mehr Hürden. Vor allem die Finanztransaktionssteuer steht in der Kritik. Diese war nach Ausbruch der Finanzkrise eigentlich dafür gedacht, hochriskante Spekulationen einzudämmen. Nun steht sie nur noch allgemein im Gesetzentwurf. Sie soll in erster Linie auf Aktien und Aktienfonds erhoben werden. Als wäre die Beteiligung an Unternehmen ein großes Übel. Vor allem mit der Aussicht auf weitere Jahre mit Niedrigzinsen sollte man das Aktiensparen leichter machen statt schwerer. Es ist kontraproduktiv, Aktionäre in die Nähe von Spekulanten zu rücken, die mit der ursprünglich geplanten Finanztransaktionssteuer getroffen werden sollten.

Denn Aktien ermöglichen der breiten Bevölkerung, sich am Produktivkapital, also an Unternehmen, auf einfache, kostengünstige Art und Weise zu beteiligen. So wie diese Unternehmen wachsen, wächst auch das Vermögen der Anleger. Leider fokussieren sich jedoch gerade Privatanleger vor allem auf das Negative einer Aktienanlage. Das langfristig Positive wird ignoriert. Kurzfristige Verluste werden überproportional stark wahrgenommen. Die langfristigen Gewinne geraten dabei aber aus dem Blick. Deshalb sind viele Anleger übervorsichtig. Gefördert wird so ein Verhalten durch einzelne Skandale. Der weinende Rentner, der den Verlust seiner gesamten privaten Altersvorsorge durch eine Anlage in Wirecard-Aktien beklagt, ist tragisch. Die Tatsache aber, dass er scheinbar seine gesamte Altersvorsorge in nur einen einzelnen Aktienwert investiert hat, wird dabei nicht hinterfragt. Er ist, losgelöst vom traurigen Einzelschicksal, das eigentliche Problem.

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