Vermögensverwalter Thomas Wukonigg Zwischenrally oder Start eines neuen Aufschwungs?

Thomas Wukonigg verantwortet bei der Wamsler & Co. Vermögensverwaltung unter anderem das Portfoliomanagement.  | © Wamsler & Co.

Thomas Wukonigg verantwortet bei der Wamsler & Co. Vermögensverwaltung unter anderem das Portfoliomanagement. Foto: Wamsler & Co.

Der deutsche Aktienindex Dax ist seit Jahresanfang bereits um rund zehn Prozent gestiegen. Das amerikanische Pendant, der Dow Jones, hat in diesem Zeitraum ähnlich stark zugelegt. Möglicherweise sind die Kursgewinne zu hoch und in zu kurzer Zeit angefallen. Denn die fundamentalen Daten sprechen nicht unbedingt für steigende Kurse.

So ist in Deutschland der wichtige Ifo-Index bereits das sechse Mal in Folge gefallen. Zu denken gibt vor allem, dass seit September 2018 die Erwartungen der rund 7.000 befragten Unternehmens-Manager stärker zurückgegangen sind als das Geschäftsklima und die aktuelle Lagebeurteilung. Optimismus sieht anders aus. Gleichzeitig haben die Ergebnisse vieler Unternehmen im vierten Quartal enttäuscht, so dass die Gewinnschätzungen weiter reduziert werden müssen. Erst jetzt kommen die Herabstufungen der Unternehmensanalysten, nachdem sie zuvor durch monatelange Abstinenz aufgefallen sind. Trotzdem steigen die Aktienkurse.

Einmal-Effekte

Doch diese auf den ersten Blick paradox anmutende Entwicklung lässt sich erklären. Bei der nachlassenden konjunkturellen Dynamik könnte es sich um ein zwischenzeitliches Phänomen handeln und nicht um eine Trendwende oder sogar nachhaltige Rezession. Das gilt vor allem für die deutsche Wirtschaft.

Denn hier gab es im vergangenen Jahr eine Reihe von Einmal-Effekten, die sich im laufenden Jahr sicherlich so nicht wiederholen werden. Zu nennen ist erst einmal der neue Abgasstandard WLTP, den die Auto-Hersteller offenbar unterschätzt haben. Dadurch kam es bei zahlreichen Fahrzeugtypen zu Lieferengpässen. Doch mittlerweile haben immer mehr Modelle das Testverfahren erfolgreich durchlaufen.

Dazu kam noch der Dürre-Sommer. Die Chemiekonzerne bekamen durch das Niedrigwasser vor allem im Rhein Probleme mit dem Abtransport ihrer Waren. Und der Konsum litt unter der hitzebedingt mangelnden Kaufbereitschaft der Verbraucher. Hier sind durchaus Nachhol-Effekte zu erwarten.

Politische Belastungsfaktoren lösen sich auf

Dazu kommt, dass es bei Themen wie dem Handelsstreit zwischen den USA und China sowie dem Brexit wahrscheinlich doch einen positiven Ausgang geben wird. US-Präsident Donald Trump hat schon einmal die angedrohten zusätzlichen Strafzölle um zwei Monate verschoben. Angesichts der Signale einer wirtschaftlichen Abschwächung in den USA scheint Trump mehr an einem einvernehmlichen Handelsabkommen mit der Volksrepublik interessiert sein, als dies noch vor sechs Monaten noch der Fall war. Beim Brexit ist ebenfalls ein positives Szenario zumindest wahrscheinlicher als ein negatives, auch wenn dieses nicht ausgeschlossen werden kann. In rund drei Monaten sollten wir mehr wissen.

Trotzdem könnte es in den kommenden Monaten an den Aktienmärkten noch einmal turbulent werden. Die Rally ist seit Jahresanfang einfach zu weit gelaufen. Auslöser für eine erneute Korrektur könnte zum Beispiel die Beendigung des Handelsstreits zwischen Washington und Peking sein – ganz nach dem Motto: Sell on good news. Gleichzeitig dürfte der Konflikt zwischen den USA und der EU schon bald wieder hochkochen. Mehr als die Hälfte der 1,3 Millionen europäischen Autos, die in den USA jedes Jahr verkauft werden, sind von Strafzöllen bedroht, weil sie nicht vor Ort gebaut werden.

Der Streit betrifft aber nicht nur die Autoindustrie, sondern auch zahlreiche andere Bereiche. Trump will unbedingt die EU zum verstärkten Kauf von US-Agrargütern verpflichten, um damit seiner angestammten Wählerschaft unter die Arme zu greifen. Die USA befinden sich so langsam schon wieder im Wahlkampf-Modus. Bei der derzeit nicht gegebenen Einheit unter den Europäern könnte sich dieser Disput leider länger hinziehen.

Korrekturen sind Kaufgelegenheiten

Erneute Kurseinbrüche sind also durchaus möglich. Dabei haben die Volatilitäten spürbar zugenommen und werden wohl weiter hoch bleiben. Tagesverluste von zehn bis 28 Prozent bei Einzelwerten wie Fresenius, Kraft oder Beiersdorf wären vor Jahren noch undenkbar gewesen. Anleger könnten erneute Korrekturen gut zum Aufbau neuer Positionen nutzen. Denn die Bewertungen zahlreicher Einzeltitel liegen schon jetzt weit unter ihrem langjährigen Durchschnitt und preisen eine Rezession ein, die aber erst einmal nicht in Sicht ist.

Vielmehr ist das Potenzial zahlreicher Unternehmen auf Sicht der kommenden zehn Jahre erheblich. Um dieses zu nutzen sollten Anleger einen Stockpicking-Ansatz verfolgen und nicht den breiten Markt kaufen, denn dort finden zum Teil schwerwiegende Disruptionen statt, unter denen verschiedene Unternehmen noch massiv leiden werden.

Schön wäre es, wenn es noch einmal zu einem richtigen „sell out“ mit Kapitulations-Stimmung käme. Schon jetzt ist das Sentiment an den Aktienmärkten ausgesprochen negativ. Nach der gängigen Theorie lässt sich das als Zeichen für eine bevorstehende Trendumkehr interpretieren.