Börse in New York: In der Corona-Krise sind die Aktienkurse stark gesunken.  | © imago images / Levine-Roberts Foto: imago images / Levine-Roberts

Vermögensverwalter über Aktienkurse

Treiber sind vor allem psychologische Faktoren

Bei der aktuellen Betrachtung der Finanzmärkte kristallisieren sich sechs Punkte heraus.

1. Bei der Frage, ob mit einem U, V, L, W oder Hockey-Stick & Co. zu rechnen ist, war ursprünglich der Verlauf der künftigen Wirtschaftsleistung gemeint. In den zurückliegenden Wochen wurde diese Form der Kurvendiskussion mehr und mehr auf die Entwicklung der Aktienindizes übertragen. Schelmisch könnte man sagen: Wenn die Wirtschaft schon keine nachhaltigen Erholungssignale liefert, nehmen wir uns doch einfach den Nasdaq 100 Index und deklarieren ihn als vollendete V-Formation. Und so verlagert sich klammheimlich das global-ökonomische Trauerspiel in eine optische Erfolgstory.

2. Noch vor nicht allzu langer Zeit waren sich verschiedene medienpräsente milliardenschwere Fondsmanager und Hedgefonds-Gurus darüber einig, dass die langfristigen Renditen der weltweit bedeutendsten zehnjährigen US-Staatsanleihen innerhalb der nächsten Jahre schnell in den Bereich von 4 bis 5  Prozent steigen würden. Nur wenige möchten heute noch an dieses grandiose Fehlurteil erinnert werden. Denn eines scheint auch ihnen heute sonnenklar: Für steigende Renditen ist der weltweite Schuldenberg viel zu groß geworden. Dank des weiterhin starken deflationären Drucks dürfte sich daran auch - bis zum wieder einmal reinigenden globalen Schuldenkollaps - auch nichts mehr ändern.

3. Beim Blick auf den weltweiten Aktienmarkt lässt sich eine ähnliche - und leider nicht marktwirtschaftlich erfreuliche - Aussage treffen. Aufgrund der desolaten Verfassung der Weltwirtschaft am Ende einer jahrelangen Liquiditätsorgie mit dem krönenden Höherpunkt der Covid-19-Pandemie und weiteren Billionen ungedeckten Geldes können Aktien, derzeit, kaum noch fallen. Für sinkende Kurse ist derzeit einfach zu viel Rettungsliquidität im Markt und ein Ende der Geldschöpfung aus dem Nichts ist nicht in Sicht.

Der krönende Höhepunkt kann sich derzeit nur aus einer - unwahrscheinlichen - politischen Unfähigkeit der Notenbanken zum Geldrucken oder aus einem - wahrscheinlicheren - grassierenden Vertrauensverlust in die Kaufkraft der Papier-Währungen herleiten. Und das ist keine Frage des Ob, sondern lediglich des Wann. Spekulanten gegen die scheinbare Allmacht der Notenbanken seien aber gewarnt - die fragile Stabilität der Börsensituation könnte länger andauern, als sie liquide sind.

4. Verfechter der These, dass wir uns in der Frühphase des nächsten Wirtschafts-Aufschwungs befinden, haben in Diskussionen mit erfahrenen Investoren weiterhin einen schweren Stand. Und dies gleich aus mehreren Gründen:

    • Der Rentenmarkt „kauft“ die partielle Börsenerholung nicht. Die Renditeentwicklung hat sich weitgehend von der jüngsten Aktienmarktentwicklung abgekoppelt. Vorwegnahme von Prosperität und steigenden Wachstumsraten durch steigende Langfristrenditen - Fehlanzeige.
    • Der sogenannte Buffett-Indikator (Börsenkapitalisierung im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung) zeigt weiterhin eine historisch einmalig hohe Verzerrung der Bewertung von Vermögenspeisen an. Das unsinnige Argument, dass die niedrigen Zinsen genau diese astronomischen Bewertungsniveaus rechtfertigen, ist einfach nicht totzukriegen. Dass bei einem künstlich geschaffenen Zinssatz von Null jeder eventuelle künftige Gewinn undiskontiert in die heutige Bewertungsrechnung einfließt, stört selbst alte Hasen immer weniger. Fast scheint es, dass rationale Begründungen für eine völlig irrationale Situation als Feigenblatt für Anlagen wider die eigenen Grundüberzeugungen gesucht werden. 2000 und 2008 lassen grüßen.
    • Das Heer von Arbeitslosen - in völlig anderen Dimensionen verglichen mit der letzten Schuldenkrise - dürfe gravierende Auswirkungen auf die Konsumlaune und -fähigkeit haben. Aktuell werden durch staatliche Zuschüsse und in Rekordtempo bereitgestellte Hilfskredite lodernde Feuer unter Kontrolle gehalten. Setzten allerdings nicht in sehr absehbarer Zeit eine deutliche Beruhigung, Stabilisierung und Erholung ein, droht ein Entgleiten der Situation.

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