Wirecard-Logo: Finanzminister Olaf Scholz fordert aufgrund des Skandals um den Zahlungsdienstleister mehr staatliche Kontrollen. | © imago images / Sven Simon Foto: imago images / Sven Simon

Vermögensverwalter erklärt

Das würde Benjamin Graham über den Wirecard-Skandal sagen

Zu einer der größten Errungenschaften der deutschen Finanzindustrie kann man die Erfindung des Gründers von Wirecard zählen, Geld unsichtbar zu machen. Aber auch das wundersame Verschwinden von Millionen von Containern, wie es dem Unternehmen PR Container gelungen ist, steht der Geldvernichtung durch Wirecard in nichts nach.

Vorbilder für Luftbuchungen gab es jedoch schon vor rund 20 Jahren, als es der deutschen Gesellschaft Comroad gelang, Umsätze aus dem Nichts zu erzeugen. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass zum vermeintlichen Schutz des Anlegers ein enormer Apparat von Gesetzeswerken und Behörden geschaffen wurde, der seine Krönung mit der Verabschiedung von Mifid II fand.

Der deutsche Finanzminister Olaf Scholz nimmt daher den Fall Wirecard auch zum Anlass, um noch mehr Regulierung und Kontrollen zu fordern. Ein kritischer Beobachter könnte sich jedoch fragen, ob die Kosten der Regulierung überhaupt in einem vertretbaren Maß zu dem Nutzen stehen, denn offenbar ist der Staat unfähig zu einer schlagkräftigen Kontrolle.

Was Wirecard nicht gelang, wohl aber der Menschheit, ist die Unsichtbarkeit des Zinses. Auf dem Weg zur Unsichtbarkeit befinden sich inzwischen auch schon die amerikanischen Zinsen. Diese Entdeckung kommt gerade rechtzeitig, denn solange der Zins unsichtbar ist, können auch die Schulden beliebig erhöht werden.

Denn noch gilt die mathematische Gleichung, dass X mal Null Null ist. Auch der deutsche Finanzminister hat dies erkannt und lässt jetzt eine fast unkontrollierte Ausweitung der Schulden zu, die im krassen Gegensatz zu, der vorher nach außen suggerierten Enthaltsamkeit steht.

Was die Regulierungswut der Politiker betrifft, wäre es sicherlich auch hilfreich, wenn die Aufsicht und Prüfung nicht nur eine formelle Prüfung vornähmen, sondern mit modernen Methoden versuchte, Unregelmäßigkeiten aufzudecken. Bereits im Jahr 2001 wurde zum Beispiel das Benfordsche Gesetz genutzt, um den Bilanzbetrug bei Enron aufzudecken.

Die Unsinnigkeit formaler Prinzipien in der Finanzindustrie wird in einem besonders krassen Fall auch daran ersichtlich, dass eine große deutsche Fondsgesellschaft bei einigen Fonds zeitweilig mehr als 10 Prozent in Wirecard investiert hatte. Auch einige deutsche Sparkassen standen dem Investment in Wirecard wohlwollend gegenüber. Die Fondsgesellschaft ist offenbar in die Falle des Mr. Market getappt.

Mr. Market ist eine Allegorie, die 1949 von Benjamin Graham in seinem Buch „The Intelligent Investor“ eingeführt wurde. Sein Freund und Schüler Warren Buffett erklärt hierzu, dass man sich Mr. Market so vorstellen müsste, dass Mr. Market an jedem Tag die Preise für viele Aktien nennt, zu denen man von ihm Aktien kaufen oder an ihn verkaufen kann.

Buffett führt weiter aus, dass „sad to say, the poor fellow has incurable emotional problems. At times he feels euphoric and can see only the favorable factors affecting the business…. At other times he is depresssed and can see nothing but trouble ahead for both the business and the world“. Weiter stellt Buffett folgende Behauptungen auf: „Transactions are strictly at your option“ und „You are free to ignore him“. Buffett erwähnt jedoch nicht, dass Mr. Market verschlagen und manchmal übel gelaunt ist.

Es muss wohl an einem solchen Tag gewesen sein, als das Fondsmanagement sich entschloss, gleich einen größeren Betrag in Wirecard zu investieren. Sie hätten sich dabei an den Grundsatz halten sollen: „You are free to ignore him“.

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