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Passanten in Tokio vor Börsenkurs-Anzeigen: Uwe Günther vergleicht unterschiedliche Anlegertypen. | © Getty Images

Vermögensverwalter Uwe Günther

Glaubenssätze auf dem Prüfstand

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Da sind zum einen die „KGV-Zinsargument-Jünger“. Diese beurteilen die Preiswürdigkeit von Aktien vorrangig an historischen Bewertungsmaßstäben. Sie stellen das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen und kommen zu dem Schluss, dass wichtige Aktienindizes verglichen mit früheren Bewertungen durchaus attraktiv seien oder zumindest nicht überbewertet.

Zudem sei die Konkurrenz des Anleihenmarktes – Stichwort Null- und Minuszins – aktuell nicht existent. Tatsächlich rentieren nicht nur Bundesanleihen, sondern auch massenweise Corporate Bonds mittlerweile im roten Bereich. Dies rechtfertige wegen eines angeblichen Anlagenotstands in der Zukunft eine deutliche höhere Bewertung der Aktienmärkte. Sie argumentieren also mit einem zinsbedingten Ausweitungspotenzial der KGVs.

Risiken ausgepreist

Klaffende Pensionslücken, unterlassene Goodwill-Abschreibungen, nach unten verzerrte Refinanzierungskonditionen und Extremkosmetik durch Aktienrückkaufprogramme spielen als Warnungen kaum eine Rolle, da „ja alles bekannt und in den Kursen enthalten“ sei. Die Signalwirkung der langfristigen Renditen für das zu erwartende abflauende reale Wirtschaftswachstum hat für sie allenfalls akademischen Wert.

Besonders grotesk an dieser Argumentationskette ist, dass die KGV-Zinsargument-Jünger die Zinsmärkte als vollwertiges Argument für dauerhaft höhere Aktienkurse akzeptieren, obwohl natürlich auch sie wissen, dass diese von den Notenbanken massiv manipuliert werden. Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen.

Die als manipuliert erkannten Zinsmärkte als Vergleich zu den Aktienmärkten heranzuziehen, ist nicht der einzige fragliche Punkt der KGV-Argumentation. Auch die Berechnung der KGVs selbst steht auf tönernen Füßen. Denn zukünftige Unternehmensgewinne werden mit einem (zu Recht) als manipuliert erkannten Niedrigzinssatz diskontiert. Dies führt dazu, dass die erst noch in der fernen und damit unsicheren Zukunft zu erzielenden Profite bereits heute mit einem hohen aktuellen Wert in die KGV-Berechnungen eingehen.

Des Weiteren findet sich eine stabile Gruppe von „notorischen Zukunftsoptimisten“. Diese sprechen, oft nicht ganz unberechtigt, von einer Wahrnehmungsverzerrung von Investoren und deren Beratern. Man sehe vor lauter Negativmeldungen und Horrorbotschaften in den Medien kaum noch das gigantische Potenzial der Hunderte Millionen junger Konsumenten in der Welt, die nach Wohlstand, Arbeit und Teilhabe strebten. Tatsächlich sprechen immer mehr Investoren derzeit von der schmerzlichsten Rally an den Aktienmärkten seit langer Zeit. Die Kurse steigen, obwohl die Stimmung eher pessimistisch ist.

Umfeld viel besser als wahrgenommen?

Nach Ansicht der Zukunftsoptimisten ist die Welt viel besser als sie uns vorkomme und überhaupt lebten wir in der eigentlich friedlichsten Epoche der Neuzeit. Dass Gewalt sehr viele Facetten hat, und Krieg beziehungsweise kriegerische Konflikte nur ein Bruchteil der Gewalt sind, bleibt oft außen vor. Diese Daueroptimisten gehen davon aus, dass die globalen Chancen nicht adäquat berücksichtigt sind, und die Welt, wenn die Menschen sich das endlich bewusst machen würden, vor einer goldenen Zukunft stehe.

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