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Medizinisches Personal macht sich auf den Weg nach Wuhan: Ausgelöst von SARS gingen im Jahr 2003 die Einzelhandelsumsätze in der Volksrepublik um mehr als 15 Prozent zurück. | © imago images / Xinhua Foto: imago images / Xinhua

Vermutlich drastischere Auswirkungen als SARS

Die wirtschaftlichen Kosten des Coronavirus

Sam Perry, Senior Investment Manager

Der Ausbruch des Coronavirus könnte die globale Wirtschaft hart treffen und eine Gefahr für Konsum und Tourismus darstellen. Auch das Geschäftsklima könnte sich verdüstern. Ein Blick in die Geschichte verrät, welche Entwicklungen möglich sind.

Die meisten wirtschaftlichen Analysen der Auswirkungen von Pandemien wie SARS im Jahr 2003 werden von Epidemiologen durchgeführt, deren Fokus in der Regel auf dem Kosten-Nutzen-Verhältnis von Impfungen liegt. Nur wenige analysieren die breiteren wirtschaftlichen Auswirkungen. Eine Studie der Weltbank aus dem Jahr 2006 liefert hier wertvolle Erkenntnisse: Das Modell der Weltbank geht von einer grippeähnlichen Epidemie ähnlich wie derjenigen im Jahr 1918 aus, bei der 50 Millionen Menschen starben und ein Fünftel der Weltbevölkerung angesteckt wurde. Die zugrunde liegenden Annahmen sind recht konservativ: Es wird von einer Todesfallrate von 2,5 Prozent und einem Rückgang der Wirtschaftsleistung im Tourismus- und Dienstleistungssektor (Restaurants, Flugreisen und andere nicht lebensnotwendige Konsumausgaben) um 20 Prozent ausgegangen.

Patrick Zweifel, Chief Economist

Die epidemiologischen Annahmen entsprechen mehr oder weniger den aktuellen Schätzungen für das Coronavirus (2019-nCoV). Dem Weltbank-Modell zufolge würde die globale Wirtschaftsleistung um 3 Prozent zurückgehen, wenn sich 2019-nCoV genauso flächendeckend ausbreitet wie die Epidemie von 1918. Unterschiede zwischen Regionen ändern dabei nichts am Gesamtbild. Zum Vergleich: Im Zusammenhang mit der Subprime-Krise in den USA sank das globale BIP 2009 um 0,1 Prozent, wobei die Industrieländer einen Rückgang von 3,4 Prozent verzeichneten und die Schwellenländer einen Zuwachs von 2,9 Prozent.

Der SARS-Ausbruch im Jahr 2003 ist ein weiterer Anhaltspunkt, wenngleich in diesem Fall die Auswirkungen weitgehend auf China und dessen Nachbarländer beschränkt blieben. Auf das Gesamtjahr gesehen gingen Flugreisen zwischen Hong Kong und China um 75 Prozent zurück und die Einzelhandelsumsätze in der Volksrepublik brachen um 15 Prozent ein.

Befragungen privater Haushalte in China kurz nach der SARS-Epidemie zeigten, dass ausgelöst durch das Virus im zweiten Quartal 2003 das verfügbare Einkommen um mehr als 20 Prozent zurückging (aufgrund von Krankheit, Arbeitsausfall, höheren Ausgaben für Vorsorge und Gesundheit).

Die Wirtschaft erholte sich in den darauffolgenden Quartalen jedoch schnell, sodass das Wachstum Chinas im Gesamtjahr 2003 nur um etwa 1 Prozentpunkt nachgab. Eine solche Erholung wäre bei einer ausgewachsenen Grippeepidemie, die etwa ein Jahr andauert, eher unwahrscheinlich.

Selbst wenn sich die epidemiologischen Annahmen als zu pessimistisch herausstellen, erscheint es wahrscheinlich, dass 2019-nCoV drastischere wirtschaftliche Auswirkungen haben wird als SARS. Das neuartige Coronavirus ist, Glück im Unglück, zum Zeitpunkt des chinesischen Neujahrsfest ausgebrochen. Die Einzelhandelsumsätze im Zusammenhang mit dem Neujahrsfest sind zwar stark gesunken und Flugreisen um 29 Prozent gegenüber dem letztjährigen ersten Tag des chinesischen Mondjahres zurückgegangen. Die meisten Kinos sind geschlossen und die Ticketerlöse sind um 99 Prozent eingebrochen. Doch die Produktionstätigkeit an den Feiertagen hat ohnehin weitgehend geruht, sodass die wirtschaftlichen Auswirkungen zunächst noch überschaubar bleiben.

2019-nCoV wird drastischere wirtschaftliche Auswirkungen haben als SARS

Die chinesischen Behörden haben dieses Mal offensichtlich schneller reagiert als 2003 – 15 Städte in der Provinz Hubei stehen unter Quarantäne und die Neujahrsferien wurden verlängert. Dennoch besteht das Risiko, dass ein großer Teil der chinesischen Arbeiterschaft nach Ferienende zunächst nicht an ihren Arbeitsplatz zurückkehren kann.

China ist für die globale Wirtschaft heute viel wichtiger als 2003. Damals leistete das Land einen Beitrag von 4,4 Prozent zum globalen BIP. Heute sind es 15,4 Prozent. Hinzu kommt: China ist fest in die globalen Lieferketten integriert, vor allem im Technologiesektor.

Und dann gibt es noch die chinesischen Konsumenten. Der Anteil der chinesischen Konsumausgaben am heimischen und weltweiten Wachstum ist heute größer denn je. Das bedeutet, dass sich ein Rückgang der Ausgaben der privaten Haushalte heute viel einschneidender auswirken dürfte.

Zum Glück verfügt China über Hilfsmittel, um die wirtschaftlichen Auswirkungen abzufedern. Unseren Berechnungen zufolge hat die chinesische Zentralbank genug Spielraum für geldpolitische Impulse, weil sie in den vergangenen beiden Jahren überdurchschnittlich restriktiv war. Die Senkung der Mindestreserveanforderungen für chinesische Banken um 200 Basispunkte zum Beispiel entspräche einer Liquiditätsspritze von 460 Milliarden US-Dollar beziehungsweise 3 Prozent des chinesischen BIP. Es gibt darüber hinaus ausreichend Spielraum für fiskalpolitische Impulse – so hat China 2003 die Gewerbe- und die Körperschaftsteuer gesenkt.

Der neuerliche Einsatz von Geld- und Fiskalpolitik, wie von der Regierung bereits angekündigt, wäre eine große Erleichterung für Kapitalanleger. Wir dürfen nicht vergessen, dass der MSCI Global Index im Monat nach Ausbruch der SARS-Epidemie um bis zu 4 Prozent nachgab, sich danach aber wieder sehr stark erholte – die asiatischen Aktienmärkte ließen sich gegenüber den anderen Märkten damit jedoch sechs Monate Zeit.

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