Pensionäre auf Parkbank: Ob die zukünftigen Rentner ihren Ruhestand auch so genießen können hängt vom Sparverhalten ab (Foto: Fotolia/Accent)

Pensionäre auf Parkbank: Ob die zukünftigen Rentner ihren Ruhestand auch so genießen können hängt vom Sparverhalten ab (Foto: Fotolia/Accent)

Versicherungen: Die Prozent-Hürde

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Die Angst geht um. Deutsche Sparer fürchten um ihr Geld. Genauer: Um ihr Erspartes für die Altersvorsorge. Befragt nach den möglichen Auswirkungen der Euro-Krise, fürchten fast 70 Prozent, dass ihr Geld nicht mehr sicher ist. Oder dass ihr Altersvorsorge-Polster gar nicht erst in dem Maße wächst, wie sie sich das vorgestellt haben (siehe Grafik).



Die Deutschen sind zwar bekannt dafür, sich übertrieben viele Sorgen zu machen. Unglücklicherweise könnten sie dieses Mal aber recht haben – gerade, was die Rendite von Altersvorsorgeprodukten angeht. Da die Europäische Zentralbank nämlich die Zinsen in Euroland künstlich niedrig hält – derzeit liegt der Leitzins bei 0,5 Prozent –, geht es auch mit der Wertentwicklung der Produkte bergab. Der Grund ist ein ungünstiges Zusammenspiel aus gesetzlich geforderter Kapitalanlage und hohen Garantien, die die Versicherer aus früheren Zeiten schultern müssen.

Viele Hochverzinser im Bestand

Per Gesetz müssen Lebensversicherer die Kundengelder zum Großteil in festverzinsliche Papiere investieren, weil diese als sicher gelten. Da entsteht das erste Problem, wenn die Rendite dieser Papiere sehr niedrig ist. Eine zehnjährige Bundesanleihe wirft derzeit nur 1,96 Prozent ab. Gleichzeitig müssen die Versicherer Versprechen erfüllen, die sie ihren Kunden zu besseren Zeiten gemacht haben. Der Garantiezins, den die Gesellschaften in ihren Büchern stehen haben, liegt im Schnitt bei 3,15 Prozent. Manche Anbieter haben einen hohen Anteil entsprechend hoch verzinster Verträge im Bestand (siehe Tabelle). Sie stehen vor dem Problem, diesen Zins überhaupt erst mal zu erwirtschaften. Das schaffen sie derzeit. Die Nettorendite liegt aktuell bei 4,6 Prozent. Aber wie lange das noch gutgeht, ist die Frage. Außerdem werden die Versicherer von der Aufsichtsbehörde Bafin gezwungen, eine Reserve für die Hochzins-Verträge im Bestand anzulegen. Das macht dieses Jahr mehr als 5 Milliarden Euro aus.



Die klassische Lebensversicherung mit langen, starren Garantien ist für die Anbieter derzeit also eher ein Klotz am Bein. Und den versuchen sie loszuwerden beziehungsweise seine Last zu mildern (Strategien, wie die Versicherer das machen, zeigt die folgende Tabelle).



„Wir beobachten am Markt unterschiedliche Ansätze“, sagt Michael Franke, Chef des Analysehauses Franke und Bornberg. „Einige Unternehmen haben sich deutlich für die Beibehaltung der klassischen Produktvarianten ausgesprochen. Andere verabschieden sich nicht vollständig aus diesem Bereich, wollen aber offensichtlich den Anteil der Produkte mit umfassenden Garantien deutlich senken.“

Marktführer Allianz tut beides. Er hält einerseits am klassischen Produkt fest, hat aber auch ein neues, abgespecktes Produkt gestartet. Bei dem Tarif „Perspektive“ gibt es keine jährliche Mindestverzinsung mehr, der Garantiezins ist abgeschafft. Kunden bekommen dafür eine Garantie auf ihre eingezahlten Beiträge und eine bestimmte Mindestrente zum Rentenbeginn. Weil diese Garantie schwächer ist, hat die Allianz bei der Kapitalanlage – das Kundengeld liegt im Deckungsstock des Versicherers – mehr Freiheit. Und das wiederum soll sich in einer höheren jährlichen Überschussbeteiligung ausdrücken.



Rund 5 Prozent mehr Kapital

Laut „nachhaltiger Berechnungen“ wird sie pro Jahr um 0,3 Prozentpunkte höher liegen als bisher. „Bei einem 30-jährigen Vertrag besteht die Chance auf rund 5 Prozent mehr Kapital“, sagt Allianz-Sprecher Udo Rössler. Zu Rentenbeginn wird die Rente nach dann gültigen Zinsen und Sterbetafeln kalkuliert. Möglicherweise hat der Kunde Glück, und das Rentenniveau ist dann wieder höher – seine Rente steigt. Unter das anfangs garantierte Niveau kann sie jedenfalls nicht sinken.

Die Ergo bietet bei ihrer „Rente Garantie“ auch nur noch den Beitragserhalt plus die Sicherheit eines garantierten Rentenfaktors und einer garantierten lebenslangen Mindestrente an. Diese Garantie hat die Ergo rückversichert. Garantierte Rückkaufswerte gibt es nicht: Kündigt der Kunde, erhält er den Zeitwert der Garantie, also den Rückversicherungstopf. Das Kundengeld legt die Ergo zum Teil in ihr Sicherungsvermögen, ein anderer Teil wandert in Aktien und Anleihen. Dabei defi niert die Volatilität, wie hoch der Aktienanteil ist. Tendenziell ist das Produkt aber konservativ ausgerichtet.

Die Ergo rechnet vor, dass ein 37-jähriger Sparer, der 30 Jahre lang 100 Euro im Monat in das Produkt investiert,  garantiert 36.000 Euro Kapitalguthaben bekommt. Das entspräche 127 Euro Rente im Monat. Selbst wenn sich der Markt unterdurchschnittlich entwickelt, soll die Rente pro Monat auf 159 Euro steigen. Boomen die Märkte, können es laut Berechnung sogar 500 Euro Rente werden. Aber das ist eher unwahrscheinlich.

Standard Life ist einen anderen Weg gegangen. Der Versicherer konzentriert sich auf Fondspolicen mit Sicherungskonzepten und Garantien. Aber eben flexibleren Garantien. Beim neuen Konzept „Freelax Private“ orientiert sich die garantierte Verzinsung am Eonia, also dem Interbankenzinssatz in Europa. Der entsprechende Swap mit einer zehnjährigen Laufzeit liegt derzeit bei etwa 1,8 Prozent. Jeder Beitrag, abzüglich einer fixen Gebühr, wird mit dem Eonia verzinst – abhängig von der Laufzeit. Legt der Kunde einen Beitrag für zehn Jahre an, zählt auch der Eonia-Swap mit Laufzeit von zehn Jahren.

Mindestens die Beiträge gibt es

Ein negativer Zins ist nicht möglich. Mindestens die eingezahlten Beiträge gibt es am Ende zurück. Das Kapital fließt in ein von Standard Life Investments gemanagtes Portfolio, das weltweit über alle wichtigen Anlageklassen gestreut ist. Die Volatilität soll zwischen 13 und 17 Prozent liegen. Erzielte Gewinne schreibt Standard Life den Kunden gut, sie stehen am Laufzeitende zur Verfügung. Im Gegenzug wird die mögliche Performance nach oben auf monatlich rund 5 Prozent begrenzt.

Die Zurich bietet ab dem zweiten Halbjahr das neue Produkt „Vorsorgeflex“ an. Das Vermögen wird dabei auf zwei Töpfe verteilt, die Liquiditätsreserve und die Basis-Anlage. Der erste Topf besteht aus dem Rentenfonds DWS Euro Reserve (WKN: 971122). Im zweiten Topf können Kunden aus verschiedenen Fonds ein Portfolio zusammenstellen. Oder sie geben diese Entscheidung über gemanagte Portfolios an Experten der Deutschen Bank und Zurich ab. Jeden Monat kann der Sparer zwischen den Töpfen umschichten.

Und wie kommen die Produkte von Allianz, Ergo & Co. an? „Die Vorteile liegen darin, dass Sparer mit diesen Produkten etwas stärker in Aktien anlegen können“, sagt Mark Ortmann vom Institut für Transparenz in der Altersvorsorge. „Das ist sinnvoll, bieten doch Aktien grundsätzlich einen Inflationsschutz und im Normalfall auf lange Sicht höhere Renditen.“ Die neuen Produkte würden helfen, Kunden für das Thema Aktienanlage zu sensibilisieren, findet der Experte. Aber: „Bei diesen Produkten bekommen Kunden nicht wie üblich einen garantierten Wert ausgezahlt, wenn sie kündigen. Hier ist der Berater gefragt. Er muss den Kunden genau befragen, wie wichtig ihm das ist.“

Reiner Will, Geschäftsführer des Analysehauses Assekurata, begrüßt die neuen Produkte ebenfalls: „Sie erhöhen die Breite der Produktauswahl“, sagt er. Nur: „Die Auswahlentscheidung für die Verbraucher wird dadurch nicht leichter. Die Abwägung des Kosten-Nutzen-Effekts von geringerer Garantie und womöglich höherer Rendite ist nicht trivial und bringt einen hohen Erklärungs- und Beratungsbedarf mit sich. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Sparer davon nicht abschrecken lassen.“

Verbraucherschützer indes stänkern gegen die neuen Produkte. „Egal ob mit oder ohne Garantieverzinsung, wir raten vom Abschluss einer Kapitallebensversicherung oder privaten Rentenversicherung zum Ansparen der Altersvorsorge grundsätzlich ab“, sagt Tobias Weissflog, Ex-Chef des Bunds der Versicherten. Die Rendite sei oft zu niedrig, die Kosten seien definitiv zu hoch. Seine Alternative: „Legt man das Geld unters Kopfkissen, ist es auf jeden Fall morgens noch da – garantiert.“ Ja. Genau. Wir sagen jetzt mal nichts weiter dazu.

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