Verzerrte Trends

Anlagestrategien mit Computermodellen sind oft schlecht fundiert

Modelle, bei denen Käufe und Verkäufe von Wertpapieren auf historischen Markttrends beruhen, sind nach Einschätzung der 126 Jahre alten American Mathematical Society im Allgemeinen nicht wissenschaftlich gestützt, da es beim Rückvergleich Schwachstellen gibt.

“Wir unterstellen nicht, dass diese technischen Analysten, quantitativen Forscher oder Fondsmanager ’Quacksalber’ sind”, erklären David H. Bailey, Forschungsstipendiat der University of California, Davis, und seine drei Mitautoren in einer Abhandlung für die März-Ausgabe der verbandseigenen Zeitschrift “Notices”. “Die Manager von Hedgefonds wissen oft nicht, dass die meisten Tests mit Rückvergleichen, die ihnen Wissenschaftler und Analysten vorlegen, nutzlos sein dürften.”

Strategien, die Computermodelle zur Vorhersage von künftigen Marktbewegungen benutzen, basierten oft auf selektiven historischen Daten, heißt es in dem Papier mit dem Titel “Pseudo-Mathematik und Finanz-Scharlatanerie: Die Auswirkungen der Rückvergleichs-Überanpassung auf Leistungsproben außerhalb des Datenbestands”. Das Ergebnis führe zur einer “Ausbreitung von Investmentprodukten, die in irreführender Weise als mathematisch einwandfrei vermarktet werden”, so die Forscher.

Mit Rückvergleichen - dem so genannten “Backtesting” - wird eine Handelsstrategie anhand historischer Entwicklungen evaluiert. Damit soll herausgefunden werden, wie gut sich das Modell für künftige Ereignisse eignet.

Bei der Erprobung von Investmentmodellen kann ein Wissenschaftler oder Finanzmanager die Datenreihe präzisieren und bestimmte Daten herauslassen. Dieser Prozess der Korrektur eines Modells an einem vorgegebenen Datensatz wird als Überanpassung oder “Overfitting” bezeichnet. Dabei ist das Ziel, die Erfüllung der Strategie zu maximieren.

“Wir haben die starke Vermutung, dass solche Überanpassungen bei Rückvergleichs-Tests zum Großteil dafür verantwortlich sind, warum so viele algorithmische oder systemische Hedgefonds nicht den hohen Erwartungen entsprechen, die von ihren Managern geweckt werden”, schreiben die Autoren.

Die Gewinne durch computerbasierte Investmentstrategien sind in den letzten Jahren der Entwicklung der US-Aktien hinterhergehinkt. Nach Aussage der Vermögensverwalter haben die Interventionen der Zentralbanken an den globalen Märkten die Preistrends, denen die Modelle normalerweise folgen, verzerrt.

Managed-Futures-Fonds haben Daten von Bloomberg zufolge in den fünf Jahren bis zum 31. März pro Jahr ein Prozent verloren, während quantitative Fonds im Durchschnitt 7,5 Prozent jährlich zugelegt haben, zeigen von Hedge Fund Research in Chicago zusammengestellte Zahlen. Der Aktienindex Standard & Poor’s 500 hat in dem Zeitraum hingegen einen jährlichen Durchschnittsertrag von 21 Prozent geliefert.

Den Forschern zufolge ist die Lage in der medizinischen Forschung ähnlich. Dort würden Medikamente an tausenden Patienten getestet, doch nur die besten Resultate würden veröffentlicht.

“Solch ein Verhalten ist unwissenschaftlich - geschweige denn gefährlich und teuer”, erklären die Autoren der Abhandlung. Es ist eines der ersten Papiere der American Mathematical Society in Providence, Rhode Island, zum Thema Finanzmathematik.

In der Abhandlung wird kritisiert, dass damit ein Eindruck von Wissenschaftlichkeit vermittelt werde. Populäre Wendungen wie Fibonacci-Zahlen, Elliott-Wellen und Stochastic-Oszillator “erinnern an präzise mathematische Konzepte”, auch wenn sie in einer “wissenschaftlich anfechtbaren” Art und Weise eingesetzt würden, erklären die Autoren.

Mit ihrer Studie wollen die Autoren die Unzulänglichkeiten von historischen Simulationen ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken, was ihrer Einschätzung nach längst überfällig ist.

“Bereits im 18. Jahrhundert haben Physiker den Unsinn der Astrologen enttarnt”, schrieben sie. “Doch die Mathematiker im 21. Jahrhundert hüllen sich enttäuschender Weise weiter in Schweigen, wenn es um jene in der Investment-Gemeinschaft geht, die - wissentlich oder nicht - mathematische Techniken wie Wahrscheinlichkeitsrechnung, Statistiken sowie stochastische Differenzial- und Integralrechnung missbrauchen. Unser Schweigen ist Zustimmung, es macht uns zu Komplizen bei diesen Missbräuchen.”

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