Mehr als 21 Millionen Rentner gibt es aktuell in Deutschland, Tendenz steigend. Denn nach und nach gehen die extrem geburtenstarken Jahrgänge der Nach-Nachkriegsgeneration in den Ruhestand, die Babyboomer.
Die Phase nach dem aktiven Arbeitsleben ist ein Lebensabschnitt, in den viele Menschen unvorbereitet hineinstolperten, beobachtet Peter Lennartz. Auf die anfängliche Euphorie folge oft eine innere Leere, viele Menschen fühlten sich unzufrieden.
Der ehemalige Wirtschaftsprüfer, formal selbst im Ruhestand, hat sich als Coach auf diesem Gebiet selbstständig gemacht. Er findet: Es lohnt sich, sich auf den Ruhestand vorzubereiten.
DAS INVESTMENT: Herr Lennartz, Ihr Unternehmen heißt „Ziemlich bester Ruhestand“, was an den Filmtitel „Ziemlich beste Freunde“ erinnert. Das ist vermutlich gewollt?
Peter Lennartz: Bei der Namensfindung fiel uns in der Tat dieser wunderbare französische Film ein. Darin geht es um die Überwindung von Grenzen und Vorurteilen, um Lebensfreude und Humor, um Freundschaften, gerade unter sehr schwierigen Bedingungen. Vieles davon möchten wir ebenfalls vermitteln: dass Menschen selbstbewusst, mit positiver Energie, und Leichtigkeit in den neuen Lebensabschnitt gehen. Dass sie diese Zeit sinnvoll gestalten und wirklich genießen können.
Mit Ihrem Angebot füllen Sie nach eigener Aussage eine Lücke, die sonst wenig beachtet wird. Was bieten Sie an?
Lennartz: Wir stehen unseren Klienten bei den entscheidenden Fragen rund um den Eintritt in den Ruhestand zur Seite. Auf Basis ihrer Interessen, Leidenschaften und Bedürfnisse entwerfen wir gemeinsam einen Plan, um persönliche Vorstellungen umzusetzen. Unser Coaching soll helfen, mit frischen Perspektiven, Ideen und Strategien in diesen wichtigen Lebensabschnitt zu starten.
An wen richten Sie sich?
Lennartz: An Privatpersonen und Unternehmen. Bei Privatleuten an diejenigen, die in ferner oder in naher Zukunft in den Ruhestand gehen oder bereits im Ruhestand sind. Bei Unternehmen möchten wir helfen, die Unternehmen selbst und ihre zukünftige Ruheständler auf den Übergang strukturiert vorzubereiten. Im Rahmen der betrieblichen Weiterbildung erarbeiten wir gemeinsam einen Plan für die verbleibende Zeit im Unternehmen bis zum Renteneintritt. Wenn gewünscht, auch mit Überlegungen für eine Weiterbeschäftigung im Ruhestand.
Viele Menschen schmieden große Pläne für die Zeit nach ihrem aktiven Berufsleben. Besteht da überhaupt ein Bedarf, sich jenseits des Finanziellen oder Steuerlichen hinaus Hilfe zu holen?
Lennartz: Ja. Viele unterschätzen, dass sie nicht nur den Arbeitsalltag hinter sich lassen. Große Pläne allein reichen nicht aus, um dauerhaft glücklich zu sein. Studien zeigen, dass viele Ruheständler nach der anfänglichen Phase der Erholung – nach Reisen und allerlei Aktivitäten – in ein emotionales Tief fallen: Strukturen brechen weg, soziale Kontakte werden weniger, und das Gefühl, gebraucht zu werden, schwindet. Langeweile, übermäßiger Medienkonsum und die Flut negativer Nachrichten können zusätzlich belasten. Nicht jeder findet aus eigener Kraft heraus, was ihn langfristig erfüllt. Dazu kommt: Wir werden alle älter, der Ruhestand kann heute 20 bis 30 Jahre umfassen. Mit professioneller Begleitung gelingt es leichter, ihn aktiv zu gestalten, Stolpersteine zu erkennen und persönliche Ziele mit Freude in die Tat umzusetzen.
Sie richten Ihr Angebot an Firmen und Privatpersonen. Wie sieht Ihr Coaching aus?
Lennartz: Wir richten uns zuallererst an den individuellen Bedürfnissen und den Zielen unserer Klienten aus und verzichten bewusst auf starre Programme oder standardisierte Pakete. Bei Privatpersonen umfasst unser beliebtester Ansatz zwei bis drei Sitzungen: Das könnte zunächst eine ehrliche Standortbestimmung sein. Dann die gemeinsame Reflektion von Themen wie persönliche Stärken, Werte, Motivationen und mögliche Lebensaufgaben. Aus den ersten Vorstellungen über die zukünftige Rolle entwickeln wir im Brainstorming konkrete Umsetzungsstrategien für die ersten Jahre des Ruhestands. Genauso unterstützen wir allerdings auch dabei, bestehende Ideen und Pläne zu sortieren, zu spiegeln, kritisch zu hinterfragen und zu priorisieren. Abhängig vom Ziel des Coachings. Wer tiefer eintauchen möchte, kann Deep-Dive-Sessions buchen, zu Themen wie Arbeiten im Ruhestand, Gesundheit und Longevity oder den positiven Umgang mit dem Älterwerden.
Und für Unternehmen?
Lennartz: Für Unternehmen bieten wir individuell zugeschnittene Workshops an, zum Beispiel zu Zielen und Erwartungen für die Zeit bis zum Renteneintritt von Arbeitnehmern. Wie sollte der Übergang geplant werden? Es kann auch um den Stellenwert von Arbeit im Leben und im Ruhestand gehen – oder um Gesundheit, Fitness und Ernährung.
Schildern Sie mal bitte Beispiele, wo Sie meinen, etwas Wichtiges bewirkt zu haben.
Lennartz: Ein Klient schilderte mir in unserem ersten Gespräch, dass er kein Ziel habe, nur das Gefühl, dass etwas fehlt. In seinem Garten, zwischen Pflanzen und summenden Bienen konnte er die Gedanken schweifen lassen. Gemeinsam begaben wir uns auf eine Reise in seine Vergangenheit – zu Werten, die ihn leiten, Jugenderlebnissen und Erfolgen, die er längst vergessen hatte, und nach Talenten. Stück für Stück kamen verborgene Schätze ans Licht – positive, kreative Seiten, die er selbst kaum noch wahrgenommen hatte. Besonders wichtig war ihm eine Aufgabe, die ihn fordert, ihm Freude bereitet und für die er Wertschätzung erfährt. „Ich hätte nie gedacht, dass so viel in mir steckt und dass noch so viel Schönes vor mir liegt“, sagte er am Ende zu mir.
Ein anderer Klient war selbstständig tätig und stand sechs Monate vor seinem Ruhestand. Er hatte eine umfangreiche Bucket List: Fernreisen mit Abenteuercharakter, Malen mit Unterricht, Lesen, Theater, Konzerte, ein Aufsichtsratsmandat, freiberuflich arbeiten, Freundschaften pflegen, Joggen, Fitness, gesunde Ernährung, eine Sprache und Klavier spielen lernen. Vielleicht auch ein Buch oder einen Podcast starten. In mehreren Schritten brachten wir Ordnung in dieses Wirrwarr, erarbeiteten Prioritäten und einen ausgewogenen Plan, der inspiriert, aber nicht überfordert. Der Coachee war darüber sehr erleichtert.
Über den Interviewten:
Peter Lennartz ist zertifizierter Coach und Trainer. Er kennt den Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand aus eigener Erfahrung: Lennartz war vormals Wirtschaftsprüfer, bevor er aus dem aktiven Arbeitsleben ausschied. Das Unternehmen „Ziemlich bester Ruhestand“ betreibt er seit 2023, zusammen mit Co-Chef Thomas Warnke. Nebenher hält Lennartz Vorträge, tritt als Podcast-Host von „Ziemlich bester Ruhestand“ auf und arbeitet an einem Buchprojekt zum Thema.



