Völlig legal Gewinne von Banken schon vorher einsehen? Diese Website macht’s möglich

Die Quelle hierfür ist die US-Regierung. Sie veröffentlicht Momentaufnahmen zur finanziellen Situation der Banken über eine nur schwer zu findende Webseite. Bezeichnet werden die Berichte als Call-Reports.

Manchmal veröffentlichen die Banken nur wenige Tage später ähnliche Daten bei der Vorlage ihrer Bilanzzahlen. Diese werden von Investoren, Analysten und den Medien ganz genau verfolgt. Hin und wieder, wenn diese Call-Reports vor den offiziellen Bilanzzahlen herauskommen, ergibt sich für clevere Anleger die Möglichkeit, nützliche Informationen über eine Bank vor allen anderen Investoren zu sammeln.

Ein Großteil dieser marktbewegenden Informationen betrifft Daten zu kleineren und mittelgroßen Banken. Größere Konzerne wie beispielsweise Citigroup und JPMorgan bringen ihre Bilanzzahlen lange vor den Call-Reports heraus. Dennoch: die frühzeitige Veröffentlichung offenbart einen Widerspruch in einem Finanzberichtssystem, in dem alle Investoren eigentlich gleichzeitig Zugang zu Daten haben sollen.

„Dies ist eine sehr ungewöhnliche Art und Weise für die Veröffentlichung von Bilanzzahlen“, findet auch Jeffrey Burks, Professor an der University of Notre Dame, der an einer Studie über die Praxis mitgearbeitet hat. „Wir haben es hier mit einer Aufsichtsbehörde zu tun, die das still und heimlich auf ihrer Webseite ohne Vorwarnung veröffentlicht.“

In einem Beispiel, das Burks und seine Professoren-Kollegen Brad Badertscher und Peter Easton in ihrer Studie erwähnen, geht es um BOK Financial Investoren, die einen Call-Report des Unternehmens im Jahr 2012 bemerkt haben, wären in der Lage gewesen, aus diesem einen Gewinn in der Bankensparte von 60,4 Millionen Dollar im vierten Quartal und damit schwache Bilanzzahlen abzuleiten. Analysten hatten dem Papier zufolge eigentlich mit einem Überschuss von 75,2 Millionen Dollar für das Unternehmen als Ganzes gerechnet.

Der Aktienkurs von BOK Financial sank minimal zwischen dem 30. Januar 2012, als der Call-Report herauskam, und dem 1. Februar, als die offiziellen Quartalszahlen veröffentlicht wurden. Das Handelsvolumen entsprach dem Durchschnitt. Doch dann, als der Quartalsbericht herauskam, beschleunigte sich der Kursrückgang der Aktie. Der Titel verlor innerhalb eines Tages 4,3 Prozent an Wert. Ein kluger Investor, der von dem Call- Report wusste, hätte die Aktie leerverkaufen und einen Gewinn machen können.

Sprecher der drei Aufsichtsbehörden, die für die Call- Reports verantwortlich sind - Federal Reserve, Federal Deposit Insurance und Office of the Comptroller of the Currency - lehnten einen Kommentar ab.

Zugang zu einem Call-Report vor der Veröffentlichung der eigentlichen Quartalszahlen zu haben, könnte von Vorteil sein, auch wenn es sich dabei um rohe Daten ohne jede Erklärung der Bank handelt, meint Matt Olney. Als Managing Director beim Investment-Manager Stephens beobachtet er die Aktien von BOK und anderen Banken.

Ähnlich sieht das auch Art Wilmarth, ein Jura-Professor an der George Washington University. Hedgefonds, die sich auf kleinere Banken spezialisieren, würden seiner Meinung nach „hochgradig sachdienliche“ Informationen in den Call-Reports finden. Es sei davon auszugehen, dass dies für die meisten Gelegenheits-Investoren nicht gelte. Andere Investoren könnten „im Dunklen zurückgelassen werden“.

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