DAS INVESTMENT: Die Fifa vergibt die Fußball-WM 2034 an Saudi-Arabien, die Weltklimakonferenz verläuft enttäuschend und Donald Trump zieht wieder ins Weiße Haus ein. Das Thema Nachhaltigkeit scheint heute kaum noch eine Rolle zu spielen. Sind auch die Aussichten für nachhaltige Geldanlagen eingetrübt?
Volker Bohn: Es gibt durchaus auch positive Nachrichten. Der weltweite Ausbau erneuerbarer Energien verläuft exponentiell. Dies zeigt, dass die Transformation möglich ist, wenn die dafür erforderlichen Investitionen attraktiv sind. Alle Volkswirtschaften haben ein Interesse daran, den Wohlstand zu mehren oder zumindest zu sichern. Es braucht Innovationen, um den Klimawandel einzudämmen und seinen Folgen zu begegnen. Das ist der Nährboden für zukunftsgerichtete Investitionen, die auch ökonomisch äußerst nachhaltig sein werden.
Auch die deutschen Versicherer wie Ihr Unternehmen setzen auf das Anlagethema Nachhaltigkeit. Aber wie nachhaltig ist die Versicherungsbranche selbst?
Bohn: Nachhaltigkeit spielt eine große Rolle für die Gesellschaften und auch das Produktangebot für die Kunden nimmt kontinuierlich zu: In der Kfz-Versicherung zum Beispiel werden zunehmend Pay-as-you-drive-Tarife angeboten, um vorausschauendes und damit auch umweltfreundliches Autofahren zu belohnen. In der Unfallversicherung gibt es Angebote mit verbesserten Leistungen für Schäden im Rahmen ehrenamtlicher Tätigkeiten oder bei der Nutzung des öffentlichen Personennahverkehrs.
Auch für uns Lebensversicherer ist Nachhaltigkeit Teil des Geschäftsmodells: Wir helfen mit unseren Policen unmittelbar bei der Vermeidung von Altersarmut. Und mittelbar unterstützen wir über unsere Kapitalanlage Unternehmen mit positiver Wirkung auf Nachhaltigkeitsaspekte. Es werden zudem branchenweit Ausschlusskriterien für die Kapitalanlage angewandt, um soziale Themen wie zum Beispiel Kinderarbeit nicht zu unterstützen.
Welche Ziele kann eine nachhaltige Geldanlage neben den bekannten ESG-Aspekten noch nicht abdecken? Wo ist es besser, sein Geld für entsprechende Hilfsprojekte zu spenden?
Bohn: Der Erhalt der Biodiversität ist enorm wichtig für viele Vorgänge in der Natur. Konkret muss die Artenvielfalt durch den Schutz der vorhandenen Ökosysteme gesichert werden. Das ist allerdings kein Geschäftsmodell, in das direkt und breit am internationalen Kapitalmarkt investiert werden kann. Aber auf Nachhaltigkeit achtende institutionelle Anleger schließen zunehmend beispielsweise Investitionen in Produzenten von Palmöl aus, die häufig Treiber von großflächigen Waldrodungen sind.
Als Anbieter von Fondspolicen achten wir auf ein breites und attraktives Angebot an Investmentfonds. Zur Sicherstellung von Garantien und lebenslangen Rentenzahlungen dient unser Sicherungsvermögen. Hier können wir unter anderem über Green Bonds in die Modernisierung und Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen hin zu mehr Nachhaltigkeit investieren. So lassen sich Zukunftsprobleme bestenfalls durch Innovationen lösen. Unsere Versicherten partizipieren über die hierbei erzielten Erträge und können so ihre Sparziele erreichen.
Diesen Kundennutzen können Spenden zwar nicht bieten, es gibt aber eine Fülle von Initiativen, mit denen eine positive Wirkung erzielt werden kann. Spenden stiften Nutzen und sind deshalb wichtig.
Diese Botschaften müssen nur noch bei den Verbrauchern ankommen, oder?
Bohn: Stimmt. Wir wollen deshalb unseren Beitrag für eine Beratung leisten, die Kunden besser an das Thema Nachhaltigkeit heranführt. Wir sind überzeugt, dass Beratung Nachfrage schafft. Und viele Verbraucher in Deutschland wollen mehr erfahren: Für 46 Prozent der Deutschen ist es eher bis sehr wichtig, beim Beratungsgespräch über ihre Altersvorsorge auch Nachhaltigkeitskriterien zu berücksichtigen. Das hat eine Umfrage unter rund 2.000 Erwachsenen im August ergeben, die wir bei Yougov in Auftrag gegeben haben.
Wie wollen Sie Ihre Kunden ganz konkret besser zum Thema Nachhaltigkeit beraten?
Bohn: Wir empfehlen einen einfachen und damit niederschwelligen Einstieg. Verbrauchern fällt es oft schwer konkret zu formulieren, was sie genau unter Nachhaltigkeit verstehen. Aber sie wissen oft sehr gut, was nicht mit ihrem Geld passieren soll: Die Unterstützung von Kinderarbeit und Korruption zum Beispiel.
Unser Lehrgang „Zertifizierter Nachhaltigkeitsberater Versicherungen“ soll deshalb unabhängigen Beraterinnen und Beratern praxisnah vermitteln, was Nachhaltigkeit und der gesellschaftliche Wertewandel für Finanzdienstleister bedeuten. Hierfür erhalten die Teilnehmer in drei kostenfreien Online-Seminaren Praxistipps, Antworten auf die typischen Fragen und fundiertes Fachwissen von renommierten Experten. Wir unterstützen unsere Geschäftspartner also dabei, sich in diesem wachsenden Zukunftsmarkt als Anbieter einer qualifizierten Beratung zu positionieren.
Wir sind überzeugt, dass nachhaltiges Wirtschaften das neue Normal: wird. Darauf zielt die rahmengebende Regulatorik ab. Bei vielen gewerblichen Kunden spiegelt sich dies bereits im Einkauf wider.
Einkäufer lesen für ihre Entscheidungsfindung die Nachhaltigkeitsberichte von Firmen. Diesen Zusatz zum Lagebericht sollten ab 2025 noch mehr Unternehmen in Deutschland vorlegen. Auch wenn die alte Regierung es nicht mehr verabschiedet hat – wie viele Firmen dürften im Fall der späteren Umsetzung davon betroffen sein?
Bohn: Ganz exakte Statistiken liegen dafür nicht vor. Aber es wird davon ausgegangen, dass für das Geschäftsjahr 2024 in Deutschland rund 2.000 Unternehmen berichtspflichtig sind. Für 2025 wäre die Zahl dann auf 15.000 Unternehmen in Deutschland und EU-weit sogar auf rund 50.000 Unternehmen gestiegen.
Zudem: Das eine ist die unmittelbare Verpflichtung aufgrund der formalen Berichtspflicht. Das andere ist die mittelbare Betroffenheit durch eine Vertragsbeziehung zu einem berichtspflichtigen Unternehmen. Dadurch sind deutlich mehr Unternehmen dazu aufgerufen, eine entsprechende Positionierung vorzunehmen und einen dazugehörigen Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen.
Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem bisherigen Umfang der Berichtspflicht?
Bohn: Im Grunde gut. Es bestehen verständlicherweise Unsicherheiten zu den Inhalten. Beispielsweise erreichen uns Nachfragen im Bereich der betrieblichen Altersversorgung. Die bAV ist Teil des Berichtsbereichs Soziale Nachhaltigkeit. Sie wird oft genutzt zur Mitarbeiterbindung und zur Steigerung der Arbeitgeberattraktivität bei der Rekrutierung von neuen Arbeitskräften.
Die Anlage der Sparbeiträge nach sozialen und ökologischen Kriterien gewinnt wohl auch deshalb zunehmend an Bedeutung. Hier können wir mit unserem Angebot „GrüneRente“ punkten. Sie macht inzwischen mehr als die Hälfte unserer bAV-Neugeschäfts aus.
Über den Interviewten:
Volker Bohn ist seit drei Jahren und Nachhaltigkeitsbeauftragter der Stuttgarter Versicherungsgruppe. Der 49-Jährige studierte nach einer Ausbildung zum Versicherungskaufmann Betriebswirtschaftslehre. Nach sieben Jahren im Ergo-Konzern wechselte er 2003 in den Maklervertrieb der Generali. Bis zu seinem Wechsel zur Stuttgarter im November 2019 war er Geschäftsführer des Versicherungsvermittlers der Deutsche Leasing Gruppe.




