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Gerd Kommer ist Chef der Münchner Honorarfinanzanlagenberatung Gerd Kommer Invest. | © Gerd Kommer Invest

Gerd Kommer und Martin Kerscher Sachwertanlagen – Fakten und Fantasien

Auf dem Gebiet des Investierens existieren viele allgemein akzeptierte Einsichten, die seit Jahrzehnten im Marketing der Finanzbranche und in den Medien wiederholt werden. Eine ganze Reihe von ihnen mögen zwar dem immer gerne bemühten gesunden Menschenverstand entsprechen, erweisen sich bei genauer Untersuchung aber dennoch als nutzlos oder sogar falsch. In diese Kategorie gehört das Konzept der Sachwertanlage, neudeutsch “Real Assets”.

Die Finanzbranche nutzt diesen nett konservativ anmutenden Begriff gerne, wenn sie die Absatzchancen für Investments verbessern möchte; besonders eifrig werden Immobilien und Gold mit der “Theorie” von der Sachwertanlage vermarket. Journalisten und Blogger verwenden den Begriff gerne, weil er irgendwie intelligent klingt.

Im vorliegenden Beitrag wollen wir zeigen, dass das Sachwertanlagenkonzept – so wie es gemeinhin interpretiert und verwendet wird – alles in allem den Erkenntnisweg zur rationalen, langfristig erfolgreichen Vermögensbildung eher behindert als befördert.

Die nachfolgende Tabelle 1 fasst zunächst einmal kurz zusammen, welche Typen von Vermögensanlagen nach gängigem Verständnis in die Kategorien Sachwertanlage und Nicht-Sachwertanlage fallen. Danach stellen wir dar, was die Kernaussagen der “Sachwertanlagentheorie” sind. Im Anschluss daran zeigen wir, wie fragwürdig diese Aussagen sind.

Tabelle 1: Sachwertanlagen und Nicht-Sachwertanlagen bilden gemeinsam das investierbare Universum

  •  [A] § 21 der deutschen Verordnung über die Grundsätze für die Ermittlung der Ver-kehrswerte von Grundstücken (ImmoWertV), die berufsmäßige Immobiliengutachter beachten müssen, enthält eine Definition von “Sachwert” und “Sachwertverfahren”. Um diese andere, rein technische Sachwertdefinition geht es in diesem Abschnitt ausdrücklich nicht.
  •  [B] Aktien und nicht börsennotierte Unternehmensbeteiligungen sind nach angelsächsischem Sprachgebrauch keine Real Assets. Warum hier ein Unterschied zum deutschsprachigen Raum existiert, ist unklar.
  •  [C] Direktanlagen in physische Rohstoffe sind mit Ausnahme von Edelmetallen für Privatanleger de facto nicht möglich, weil die Lagerkosten zu hoch sind. Eine tatsächlich durchführbare Form von Direktinvestment in Roh-stoffe sind hingegen Rohstoff-Futures in Gestalt von CCF-ETFs (Collateralized-Commodity-Futures-ETFs). Die Anhänger der Sachwertanlagetheorie kommunizieren in der Regel nicht, ob sie Rohstoff-Futures als Sachwertanlage oder als Finanzanlage betrachten.
  •  [D] Ob physisches Bargeld überhaupt eine Asset-Klasse im Investmentsinne ist, sei dahingestellt. Man könnte auch argumentieren, dass es ein bloßes Zahlungsmittel ist.
  •  [E] Kredite sind im Kern wirtschaftlich identisch mit Anleihen (eine Kombination aus vertraglich fixierten Zins- und Tilgungsansprüchen). Eine Anleihe ist ein verbriefter Kredit, also ein Kredit, der vom Kreditgeber ohne die Zustimmung des Kreditnehmers verkauft werden kann.

Sachwertanlagen (“SWA”), so die Advokaten des SWA-Konzeptes (einschließlich der stets gut hörbaren Fraktion der ewigen Untergangspropheten), besitzen mehrere fundamentale Vorteile gegenüber Nicht-Sachwertanlagen (“Nicht-SWA”). Knapp zusammengefasst hätten SWAs gegenüber Nicht-SWAs die folgenden Vorzüge:

  1. Besserer Schutz vor Inflation und “staatlicher Geldwertmanipulation” im Rahmen des “Papiergeldsystems” (“Fiat Money”1);
  2. Besserer Schutz vor staatlicher Enteignung;
  3. Mehr Sicherheit bei einem Zusammenbruch des “Systems”, z. B. einer schweren, chaotischen Krise der Euro-Zone oder einem Staatskonkurs;
  4. Bei SWAs können Steuererhöhungen oder erhöhte Kosten letztlich an Abnehmer/Verbraucher weitergegeben werden;
  5. Geringeres Wertschwankungsrisiko/höhere Wertstabilität;
  6. Höhere Langfristrenditen als Nicht-SWAs.

Bevor wir diese sechs SWA-Pro-Argumente nacheinander betrachten, wollen wir festhalten, dass das SWA-Konzept in der wissenschaftlichen Finanzökonomie praktisch nicht existent ist. Das ist ein erstes Indiz dafür, dass aus Investorensicht ein echter nutzbarer Gehalt des Konzeptes fehlt.


1 “Fiat” = lateinisch “es werde geschaffen”. Ein Fiat Money-System ist ein Geldsystem, in dem die Zentralbanken (der Staat) und die Geschäftsbanken Geld produzieren, also die Höhe der umlaufenden Geldmenge bestimmen. Diesem System stehen andere Geldproduktionssysteme gegenüber, z. B. der (klassische) Goldstandard oder das sogen. Vollgeldsystem. Es dürfte keine Übertreibung sein, dass wohl über 90 Prozent aller akademischen Ökonomen weltweit den Goldstandard und das Vollgeldsystem ablehnen. Die Wahrscheinlichkeit einer Wiedereinführung eines dieser beiden Systeme in einem größeren Land in der überschaubaren Zukunft ist de facto Null. In der Schweiz wurde eine Wiedereinführung des Vollgeldsystems in einer Volksabstimmung im Juni 2018 mit einer 76 Prozent-Mehrheit abgelehnt.

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