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Gerd Kommer und Martin Kerscher Sachwertanlagen – Fakten und Fantasien

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Argument 3: SWAs bieten mehr Sicherheit bei einem Zusammenbruch des “Systems”, z. B. einer schweren, chaotischen Krise der Euro-Zone oder einem Staatskonkurs

Ein Staatskonkurs von Deutschland, Österreich oder der Schweiz in der absehbaren Zukunft ist derzeit nach Einschätzung des Kapitalmarktes zwar äußerst unwahrscheinlich5, doch selbst wenn man diese Sicht nicht teilt und einen Zusammenbruch des “Systems” (Eurozone) in den nächsten Jahren für möglich oder wahrscheinlich hält, leuchtet nicht ein, warum man in den hier und jetzt zu treffenden Anlageentscheidungen einen systematischen Unterschied zwischen SWAs und Nicht-SWAs machen sollte.

Mit Blick auf einen Staatskonkurs ist es eher relevant in Assets zu investieren, die ökonomisch außerhalb des betreffenden Landes oder der betreffenden Region angesiedelt sind. Ex ante weniger maßgeblich ist hingegen, ob es sich dabei um SWAs oder Nicht-SWAs handelt und in welchem Land (Deutschland oder anderswo) diese Assets verwahrt (“deponiert”) sind, da die Finanzbehörden zumindest der Länder Deutschland, Österreich und Schweiz diesen Ort sowieso kennen werden.

Noch wichtiger: Käme es wirklich zu einem solchen Untergangsszenario, dürfte für jeden auch nur halbwegs realistischen Betrachter des modernen Politikbetriebes garantiert sein, dass die Regierung für eine “gerechte” Belastung aller Bürger im Sinne des verfassungsrechtlichen Gleichheitsgrundsatzes (Art. 3 GG) und der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit sorgen sowie Kapitalfluchtmotive und -potenzial “angemessen” berücksichtigen wird. Je wohlhabender ein Haushalt ist, desto höher wäre selbstverständlich seine Belastung in absoluten Geldbeträgen. Wenn hingegen jemand glaubt, dass die spezifische Form des Vermögens eines Haushaltes (SWAs versus Nicht-SWAs) hierbei einen grundsätzlichen Unterschied machen würde und man sich heute durch Konzentration auf SWAs einen sicheren Vorteil verschaffen könne, dann zeugt das unseres Erachtens von Naivität. Im 21. Jahrhundert kann sich kein westeuropäischer Staat leisten, egal wie demokratisch oder autokratisch, egal wie kompetent oder inkompetent, nennenswert von dem politischen Grundgesetz, “es wird hier keine Krisengewinnler geben” abzuweichen.

Im Zusammenhang mit Diskussionen um Systemkrise, Staatsbankrott und Hyperinflation poppt unweigerlich auch die Kritik an der sogenannten “keynesianischen Papiergeldwirtschaft”, an “schuldenfinanziertem Wirtschaftswachstum” oder – allgemeiner – an der in manchen Industrieländern hohen Staatsverschuldung auf. Diese Kritik kommt von den Verfechtern des klassischen Goldstandards (der vollen Golddeckung einer Währung, wie sie letztlich bis August 1971 für den US-Dollar und indirekt für viele andere Währungen bestand). Sie stehen modernen “Papierwährungen” (das sind heutzutage nahezu alle rund 180 Währungen weltweit) skeptisch gegenüber und/oder lehnen das seit den 70er Jahren weltweit universell genutzte Modell der Geldversorgung einer Volkswirtschaft, das sogenannte “Fiat Money”-System rundheraus ab. Für die Anhänger dieser ökonomischen Denkrichtung sind Nicht-SWAs, insbesondere Bankguthaben und Staatsanleihen, nur “Papier”, aber eben keine “realen” Werte.

In diesem Kontext wird häufig argumentiert, dass alle modernen Währungen wie z. B. der US-Dollar, der Schweizer Franken oder die norwegische Krone mit der Abschaffung des klassischen Goldstandards nach etwa 1920 über 90 Prozent ihrer damaligen Kaufkraft verloren hätten (USD 92 Prozent, CHF 79 Prozent, NOK 95 Prozent). Das mag rechnerisch stimmen, ist aber dennoch irrelevant, solange die Haushaltseinkommen real (nach Inflation) langfristig zunehmen (also stärker steigen als die Inflation) und solange Vermögensanlagen positive Realrenditen aufweisen. Beides war in den letzten 100 Jahren für die allermeisten westlichen Länder und für die Welt im Ganzen der Fall (siehe Tabelle 2). Überdies waren das reale volkswirtschaftliche Wachstum, d. h. die reale Zunahme der Haushaltseinkommen und die realen Renditen von Finanzkapital (Aktien, Anleihen) nach Einführung des Papiergeldsystems höher als davor.

Insgesamt vermischen sich in der Diskussion um die volkswirtschaftlichen Folgen des Fiat Money-Systems und der Nachhaltigkeit der globalen Staatsverschuldung weltanschauliche Überlegungen mit pragmatischen Investment-bezogenen Fragen im Hier und Jetzt. Auf diese weltanschaulichen Fragen können wir im Rahmen dieses kurzen Textes nicht eingehen. Wir können allerdings für die Zwecke der Unterscheidung zwischen SWAs und Nicht-SWAs feststellen, dass die spezifischen Konsequenzen einer weltanschaulichen Ablehnung des modernen Papiergeldsystems für eine konkrete Anlagestrategie, die unweigerlich heute für die kommenden Jahre und Jahrzehnte implementiert werden muss, keineswegs “glasklar” sind.

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Ein simples, einzelnes Beispiel: Gold, das “Lieblingsinvestment” der Papiergeldgegner, hatte in Euro in den zehn Jahren bis Ende 2018 eine reale Rendite von 4,6 Prozent p. a. gegenüber dem globalen Aktienmarkt von 11,0 Prozent p.a. (MSCI World Standard). Sehr langfristig (z. B. über 30 oder 100 Jahre) sieht die Renditebilanz von Gold als Asset-Klasse geradezu katastrophal aus (siehe Tabelle 2). Gold notiert heute drastisch unter seinem Höchstpreis vor 37 Jahren von – in heutigem Geld – über 2.200 Dollar und hatte zeitweilig 85 Prozent seines Marktwertes verloren. Wer glaubt, dass der Staat einen drastischen Windfall-Profit für Goldbesitzer zuließe, der sich vielleicht dann ergäbe, wenn der Goldstandard wieder käme (so unwahrscheinlich das ist), der möge sich die oben bereits erwähnte Geschichte der Goldverbote zu Gemüte führen.

Doch wie dem auch sei: Wer sich vor einer wie auch immer unwahrscheinlichen Systemkrise in Deutschland oder der Eurozone schützen möchte, der muss in Vermögenswerte – egal, ob SWAs oder Nicht-SWAs – investieren, die wirtschaftlich außerhalb dieser Regionen liegen, z. B. in ein global diversifiziertes Aktienportfolio, in Staats- und Unternehmensanleihen von Nicht-Eurozonenländern oder ggf. in Gold und Rohstoffe. In Deutschland angesiedelte SWAs wie etwa deutsche Aktien oder deutsche Immobilien, zumal vermietete, dürften in einem solchen Szenario wenig Schutz bieten.


5 DE und AT gehören zu den Staaten mit den weltweit besten Bonitätsnoten und stehen notenmäßig auf einer Ebene mit der Schweiz, Norwegen, Australien und Kanada. Für diejenigen Betrachter, die den Ratingagenturen nicht trauen, sei vermerkt, dass der internationale Kapitalmarkt der gleichen Meinung ist. Das kommt in den im Vergleich sehr niedrigen Marktrenditen (also Zinskosten aus der Sicht des Schuldners) für deutsche und österreichische Staatsanleihen aber auch an anderen Risikokennzahlen zum Ausdruck, wie z. B. den Kosten für Kreditausfallsversicherungen auf die Anleihen dieser Länder (“CDS-Spreads”).

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