Vorwärts, rückwärts, seitwärts

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(Quelle: DAS INVESTMENT) Anfang vom Ende oder Ende vom Anfang - Anleger und Kapitalmarktexperten sind gleichermaßen unsicher, ob und wie weit die Finanzkrise überstanden ist. Auch wenn die Notierungen deutscher Aktien nicht mehr so extrem auf Hiobsbotschaften von US-Banken reagieren wie zu Beginn des Jahres, hat die Krise den deutschen Aktienmarkt noch immer im Griff. Immerhin hat der Dax einen Teil der Verluste aus dem Frühjahr wieder aufgeholt und notierte Ende Mai auf Jahressicht nur noch 12 Prozent im Minus. Doch derzeit bewegt sich der deutsche Aktienindex wie Kinder ihre Beine zum Abzählreim: "Vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran." Einen klaren Aufwärtstrend gibt es nicht, in den ersten zehn Juni-Tagen büßte der Dax neuerlich fast 4 Prozent ein. "Ängste vor einem Wiederaufflammen der Finanzkrise" hätten die jüngsten Rückschläge des Dax ausgelöst, sagt Commerzbank-Aktienstratege Andreas Hürkamp. Hinzu kämen die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung, Sorgen vor wachsendem Preisauftrieb und die immer größer werdende Wahrscheinlichkeit, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen erhöht. Das wäre eine Konjunkturbremse, die die Stimmung am Aktienmarkt eintrüben könnte, selbst wenn Investoren sie bereits einkalkulieren. Die wirtschaftliche Entwicklung ist ohnehin nicht dazu angetan, die Fantasie der Anleger zu beflügeln. Jürgen Michels, Volkswirt bei der Citigroup, geht davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal dieses Jahres im Vergleich zum ersten Quartal sinken wird. Das erstaunlich robuste Wachstum in den ersten drei Monaten sei zu einem guten Teil durch mildes Wetter und eine entsprechend gute Bau-Konjunktur zustande gekommen. Jetzt gebe es vor allem für Exporteure heftigen Gegenwind durch den starken Euro und eine nachlassende Nachfrage aus großen Teilen der Welt. Analysten rechnen daher damit, dass die Gewinne von Dax-Unternehmen 2008 im Schnitt um 3,5 Prozent niedriger ausfallen werden als im Vorjahr - für Hürkamp allerdings eine zu optimistische Sicht: "Ich denke, wir haben mit einer Rücknahme um 5 Prozent seit Ausbruch der Finanzkrise erst die Hälfte der Wegstrecke hinter uns", sagt der Stratege. Noch größeren Korrekturbedarf sieht Hürkamps Kollege Steffen Neumann von der Landesbank Baden-Württemberg für 2009. Analysten rechneten noch immer mit Gewinnsteigerungen gegenüber 2008 von 15 Prozent: "In diesen hohen Erwartungen steckt großes Enttäuschungspotenzial." Enttäuscht reagieren könnten dann neuerlich auch die Aktienmärkte. Die Analysten der Investmentbank Morgan Stanley rechnen aktuell bereits damit, dass der Dax erneut auf die Tiefstände von Mitte März rutscht und sich in den kommenden sechs bis zwölf Monaten nicht merklich von der Stelle bewegen wird. Für die kurze Frist stimmen dem sogar die Optimisten von der Postbank zu, die den Dax in zwölf Monaten immerhin bei 8.150 bis 8.350 Punkten sehen. So uneins die Analysten über die mittelfristige Entwicklung aber auch sind, in einem stimmen sie überein: Der deutsche Aktienindex wird in nächster Zeit weiter stark schwanken.