Wirtschaftsflaute, Regulierung, Nachwuchssorgen: Darum ging es auf der 10. Verbandstagung des VuV
Wenn ein Werkzeug zum Symbol für Veränderung wird, sagt das viel über den Zeitgeist aus. So war die sprichwörtliche Kettensäge, mit der Argentiniens Präsident Javier Milei verkrustete Strukturen aufbrechen will, auch auf dem 10. Deutschen Vermögensverwaltertag in Frankfurt in Diskussionen erstaunlich präsent.
Die Mitgliedertagung des Verbands unabhängiger Vermögensverwalter (VuV) findet jährlich an einem anderen Ort statt. Zur zehnten Ausgabe ging es ins Frankfurter Kongresszentrum Kap Europa. Rund 300 Gäste folgten der Einladung – neben dem zweistelligen Jubiläum ebenfalls ein neuer Rekord.
Ein Begrüßungsfilm und Auftaktworte der VuV-Vorstände Thomas Buckard und Andreas Schyra stimmten die Besucher auf die Themen ein, die die Branche aktuell beschäftigen – im Großen wie im Kleinen: unsichere transatlantische Beziehungen, polarisierte Gesellschaften, eine lahmende Wirtschaft. Dazu die ureigenen Herausforderungen der Vermögensverwalterbranche, zentral darin die Frage: Wie macht man einen Berufsstand, der akut an Überalterung leidet, der nächsten Generation schmackhaft?
Branchenherausforderungen und Initiativen
Buckard griff dies direkt auf: Die Vermögensverwalterbranche werde von männlichen Spezialisten der Jahrgänge 1960 bis 1966 dominiert, es gebe mehr Firmenschließungen als Neugründungen, die Häuser befinden sich auf Konsolidierungskurs. Schyra nannte weitere Problemfelder: Die Belastung durch Bürokratie nehme zu – trotz anderslautender Versprechen. „Von einer Vereinfachung ist bei uns im Arbeitsalltag wenig angekommen“, beklagte er. Schyra verwies exemplarisch auf die europäische Cybersicherheits-Verordnung Dora.
Es kamen aber auch Erfolge zur Sprache: Eine Tagung für Nachwuchsprofis sei auf viel Resonanz gestoßen, man habe zudem mehrere Clips auf „Klassik Radio“ platziert und dort einem breiten Publikum nahegebracht, was unabhängige Vermögensverwalter ausmacht. 2026 will der Verband den neuen Lehrgang Wealth Management anbieten. Zudem möchte der VuV eine Videoreihe aufzeichnen: Junge Branchenangehörige sollen ihre Jobs in der Vermögensverwaltung vorstellen, um andere Jung-Spezialisten anzuziehen. VuV-Mitglieder sind zum Mitmachen aufgerufen.
Die reinen Zahlen zumindest stimmen den Verband optimistisch - denn sie belegen Wachstum: Von 2023 auf 2024 stieg das verwaltete Vermögen der VuV-Mitglieder von 250 Milliarden auf 347 Milliarden Euro. Insgesamt betreut die Branche laut Buckard 507 Milliarden - was immerhin 16,5 Prozent Anteil an den Gesamtvermögen in Deutschland ausmache.
Deutschland in der geopolitischen Zwickmühle
Die große Bühne gehörte anschließend dem ehemaligen Siemens-Chef Joe Kaeser, der mit der Journalistin Nena Brockhaus und dem Politologen Thomas Jäger nach Rezepten aus der Wachstumskrise suchte. Titel der Podiumsdiskussion: „Deutschland in der geopolitischen Zwickmühle - wie bleibt der Motor Europas am Laufen?“
Joe Kaeser räumte selbstkritisch ein: Deutsche Unternehmen hätten früher erkennen sollen, dass nicht Größe, sondern Fokus und Schnelligkeit entscheidend seien. Bei der Energiewende vermisse er die Kundenperspektive, manche Green-Energy-Projekte seien seiner Beobachtung nach zudem technisch kaum umsetzbar. Kaesers Vorschlag: 20 Wirtschaftsvertreter sollten sich gemeinsam an einen stillen Ort zurückziehen und ein neues Geschäftsmodell für Deutschland erarbeiten.
Journalistin Nena Brockhaus griff das Schlagwort aus Argentinien auf: „Wir brauchen momentan die Kettensäge und keine Streicheleinheiten in Deutschland“. Sie plädierte für weniger Regulierung und hinterfragte den strengen Kündigungsschutz. Deutschland habe zudem „kein Einnahmen-, sondern eine Ausgabenproblem“ – Verwaltung, Sozialausgaben und Beratungskosten uferten aus, so Brockhaus.
Politikwissenschaftler Thomas Jäger beschied: Die liberale Globalisierung sei am Ende, Europa solle sich auf neue Rahmenbedingungen einstellen. Dabei sei die EU „konstruiert für den weltpolitischen Windschatten“ – ohne externe Unterstützung sei sie handlungsunfähig. Bei strategischen Gütern müsse man sich zukünftig zwischen USA und China entscheiden.
Regulierung: Wo bleibt der Bürokratieabbau?
Nach dem großen Bild ging es ans Klein-Klein: Eine Reihe von Workshops drehte sich um Alltagsthemen der Branche. In den Blöcken ging es zum Beispiel um das Thema „Homeoffice“, den Einsatz von KI oder die Markenbildung von Unternehmen.
Zum Tagesausklang beleuchtete eine Abschlussrunde noch einmal näher das Schmerzensthema Nummer eins der Branche: die Regulierung. VuV-Justiziar Nero Knapp diskutierte mit Bafin-Exekutivdirektor Thorsten Pötzsch und dem Vermögensverwalter Martin Wiegelmann. Ob die Entbürokratisierung, die Bafinchef Mark Branson 2024 versprach, nur eine Illusion gewesen sei, wollte Knapp wissen.
Bafin-Vertreter Pötzsch räumte offen Probleme ein: „Wir haben zu viel Regulatorik“, so der Exekutivdirektor. Er versprach: Man wolle das sogenannte „Gold-Plating“ bei Regulierungsprojekten stoppen und bestehende Regelwerke „radikal durchflöhen“, um zu prüfen, was sich abschaffen ließe.
Den Schwarzen Peter verortete Pötzsch jedoch bei der Esma: In vielen Regulierungsfragen müsse sich die Bafin selbst den Regeln aus Brüssel unterordnen. Pötzsch ließ verlauten: „Ich glaube, bei der Regulatorik ist ein Peak erreicht.“ Als vielversprechendes Projekt verwies der Regulierungs-Profi nicht zuletzt auf die kommende MA Risk, deren neue Fassung zum Jahreswechsel in Kraft treten soll. In ihr werde das Thema Proportionalität - angemessene Regulierung ja nach Größe der regulierten Unternehmen - stärker beachtet.
Dass bei der Regulierung jedoch die vielzitierte „Kettensäge“ zum Einsatz kommen könnte, wies Pötzsch zurück. „Wir können das System nur innerhalb des Systems ändern“, gab sich der Bafin-Spezialist überzeugt.
Der kommende 11. Deutsche Vermögensverwaltertag soll am 13. November 2026 stattfinden - dann im Nürnberger Hotel Scandic Nürnberg Central.

