Chinas Ausfuhren sind in den ersten zwei Monaten 2024 überraschend kräftig gewachsen. Laut offiziellen Zolldaten stiegen die Exporte im Vergleich zum Vorjahr um 7,1 Prozent. Damit steigt auch die Hoffnung auf eine Erholung der Wirtschaft.
Die Exportzahlen der Volksrepublik sind insofern erstaunlich, als die chinesische Wirtschaft Probleme hat, an die starke Konjunktur aus der Zeit vor der Corona-Pandemie anzuknüpfen. Um 5,2 Prozent soll Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2023 gewachsen sein. Das meldete die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt zu Beginn des Jahres und übertraf damit zwar die Erwartungen vieler, die nicht damit gerechnet hatten, dass China das von der Staatsführung gesetzte Fünf-Prozent-Wachstumsziel erreichen würde.
Allerdings zweifeln Experten an der Korrektheit der Zahl – und dafür gibt es gute Gründe. Die offizielle Zahl für 2022, die der Internationale Währungsfonds (IWF) mit 3 Prozent angibt, hatte die chinesische Statistikbehörde im Dezember 2023 leicht nach unten korrigiert, sodass die prozentuale Veränderung der Daten für 2023 im Vergleich besser erscheint.
Dass der einstige Wachstumschampion China mit einem Wirtschaftswachstum von knapp über 5 Prozent positiv überraschen kann, liegt somit auch an dem niedrigeren Vorjahreswert. Die strikte Null-Covid-Politik hatte 2022 dafür gesorgt, dass Konsum und wirtschaftliche Aktivität stark eingeschränkt wurden und China von der restlichen Welt abgeschottet war. Das BIP wuchs dabei so langsam wie zuletzt 1990.
Die chinesische Wirtschaft kämpft seit dieser Zeit mit mehreren Problemen zugleich. Das Land steckt mitten in einer Immobilienkrise. Nachdem sich viele Immobiliengesellschaften in China finanziell übernommen haben, um schnell wachsen zu können, leiden sie nun unter hoher Verschuldung. Viele Projekte können so teilweise nicht mehr zu Ende gebaut werden. Leerstehende und unfertige Gebäude stehen sinnbildlich für die Krise. Im Voraus bezahlte und nun nicht fertiggestellte Wohnungen bringen die Käufer in schwierige Lagen.
Die Regierung stellt das vor eine schwierige Entscheidung. Einerseits soll die ohnehin schwächelnde Konjunktur nicht durch einen abrupten Abschwung im Immobiliensektor weiter abrutschen. Andererseits kann die Regierung die verschuldeten Immobilienunternehmen nicht zu sehr unterstützen, sodass diese sich weiter verschulden. Ende Dezember 2023 senkte die Notenbank daher den Schlüsselzins für Hypotheken, um die Unternehmen zu stützen. Anleger hielten den Schritt nicht für ausreichend, um die Aussichten für den angeschlagenen Immobilienmarkt und die Gesamtwirtschaft zu verbessern.
Neben der Immobilienkrise bremsen die Konsumzurückhaltung der Verbraucher im In- und Ausland sowie geopolitische Spannungen die Volkswirtschaft. Die Handelsdaten signalisieren nun jedoch Fortschritte bei der stockenden wirtschaftlichen Erholung. Diese Entwicklung weiter vorantreiben könnten Chinas starke Rohstoff- und Solarbranche. Die Regierung setzt aber vor allem auf eins: die Autoindustrie. Insbesondere die Elektromobilität soll ein Schlüsselsektor für die Volksrepublik werden.
Chinas Autoindustrie boomt
Bereits in der Corona-Zeit, als die westlichen Länder dort zurückschraubten, investierte China massiv in die Autoindustrie. Eine Fabrik nach der anderen wurde hochgezogen. Auf diese Weise hat das Land Produktionskapazitäten geschaffen, die den Bedarf am heimischen Markt deutlich übersteigen. Während der Rest der chinesischen Wirtschaft insgesamt an Dynamik verliert, boomt der mit schätzungsweise 100 Milliarden Dollar stark subventionierte Automobilsektor.
Nachdem die aufgebauten Produktionskapazitäten in China vom heimischen Markt nicht mehr zu absorbieren sind, wenden sich die Autohersteller anderen Märkten zu. Die Verkäufe nach Übersee steigen bereits. Fahrzeugexporte haben sich von 2019 bis 2022 versechsfacht. Japan und Deutschland als ehemals weltgrößte Autoexporteure hat China hinter sich gelassen. In Zukunft sollen die Exporte noch weiter steigen.
China könnte künftig Überkapazitäten von 27 Millionen Autos (vor allem Elektro, aber auch Verbrenner) jährlich produzieren. Für den Absatz dieser Fahrzeuge fokussiert sich die chinesische Autoindustrie vor allem auf Europa. Ein Grund dafür ist, dass der US-Markt für chinesische Autos quasi geschlossen ist. Wegen möglicher Bedrohungen für die nationale Sicherheit prüfen die Amerikaner die über 5G vernetzten Autos von chinesischen Herstellern wie Xiaomi auf ihre Datensicherheit. Dabei werden ohnehin sehr wenige chinesische Autos in die USA exportiert – unter anderem wegen sehr hoher China-Steuern, die Donald Trump eingeführt hat.
Auto-Tsunami soll Europa fluten
Der europäische Markt auf der anderen Seite ist für China aufgrund von niedrigen Einfuhrzöllen attraktiv. Hinzu kommt, dass chinesische Autos in Europa bis zu 20.000 Euro günstiger sind als nicht-chinesische Marken. Um im großen Stil Autos nach Europa auszuführen, müssen Chinas Exporteure noch ein Hindernis aus dem Weg räumen. Da zu wenig Hochseetransporte zur Verfügung stehen, bauen chinesische Werften selbst neue sogenannte Ro-Ro-Schiffe (Roll on, roll off). Dabei handelt es sich um Frachter mit Rampen zwischen den Ladedecks speziell für den Transport von Autos. Auf 200 Metern Länge bieten diese Platz für 7.000 bis 9.000 Autos.
Während die Transportkapazitäten vorerst noch für Engpässe sorgen, entstehen an vielen chinesischen Industriehäfen riesige Verladeparkplätze für Neuwagen. Teilweise werden ganze Exportparkhäuser gebaut, sodass Millionen von Autos verladen werden können, sobald die Werften genug Schiffe geliefert haben. Wenn die neuen Mega-Autofrachter ihren Weg nach Europa finden, wird ein Auto-Tsunami aus China erwartet.
Chinas führender Elektroautohersteller BYD investiert in eine eigene Flotte von acht Ro-Ro-Schiffen, um sich von externen Logistikanbietern unabhängig zu machen. Ursprünglich ist das Unternehmen als Hersteller von Batterien und Akkus groß geworden. Gemessen am Absatz ist BYD inzwischen der größte E-Autobauer Chinas und der Welt, auch wenn sich der Verkauf bisher vornehmlich auf China beschränkt.
Nun will BYD den Export chinesischer Pkws beschleunigen.
Ende Februar 2024 hat der erste Mega-Autofrachter von BYD, die „Explorer No. 1“, Deutschland erreicht. Auf seiner Jungfernfahrt machte das Transportschiff fünf Tage in Bremerhaven fest. Geladen hatte es zunächst etwa 3.000 Autos. Für die heimischen Hersteller in Europa ist BYD ein ernstzunehmender Konkurrent. Die Marke ist zwar bisher eher unbekannt, doch die niedrigen Verkaufspreise könnten europäische Kunden überzeugen.
Wachstumsprognosen für 2024
2024 rechnet der IWF in China mit einem BIP-Wachstum von 4,6 Prozent. Die Volksversammlung hingegen hat Anfang März erneut ein Wachstumsziel von 5 Prozent festgelegt. Sollten die Exportpläne aufgehen und China sich als weltweit führend im Elektromobilsektor erweisen, könnte dies zumindest ein Faktor sein, der das Vertrauen in die chinesische Wirtschaft stärkt und beim Erreichen des 5-Prozent-Ziels hilft.


