(Quelle: DAS INVESTMENT) Eigentlich ist Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), für seine eher vorsichtigen Formulierungen bekannt. Bei der Zinssitzung im März wurde der oberste Banker Europas allerdings ziemlich deutlich: „Es gibt ungewöhnlich hohe Unsicherheiten über die Auswirkungen der Finanzmarktturbulenzen auf die europäische Realwirtschaft.“ Im Klartext: Spurlos werde die Konjunkturdelle in den Vereinigten Staaten nicht an Europa vorbeigehen.

Mit einem Stillstand oder gar einer negativen Entwicklung der Wirtschaft in Europa rechnen Experten indes nicht: Sie wird in diesem Jahr weiter wachsen, allerdings mit weniger Tempo. So hat die Europäische Kommission ihre Wachstumsprognose für die Mitgliedsländer der Eurozone im Februar von 2,2 auf 1,8 Prozent gesenkt. 2007 lag das Plus noch bei 2,6 Prozent.

Grund für die Verlangsamung ist unter anderem die schwächelnde Wirtschaft in den Vereinigten Staaten. Denn für europäische Unternehmen bedeutet das, dass sie in den USA weniger Güter absetzen können. An sich verkraftbar, machen Warenexporte in die USA nur etwa 10 Prozent der europäischen Ausfuhren aus. „Aber auch die Nachfrage aus Ländern, die eng mit der US-Wirtschaft verbunden sind, wird sich abschwächen“, prophezeit Volkswirt Christoph Weil von der Commerzbank. Hinzu kommt der starke Euro, der europäische Waren im Ausland verteuert.

Auf Verbraucherseite macht dagegen vor allem die hohe Inflation Sorgen. Im Februar lag die Teuerungsrate laut europäischer Statistikbehörde bei 3,3 Prozent. Insbesondere hohe Preise für Öl und Lebensmittel machen sich derzeit im Portemonnaie des Konsumenten bemerkbar. „Das bedeutet einen hohen Verlust an Kaufkraft“, sagt Commerzbanker Weil. Aber der Experte bleibt optimistisch: „Im zweiten Halbjahr dürften die Belastungsfaktoren langsam abklingen und die Wirtschaft zum Jahresende wieder kräftiger wachsen“, so Weil. Denn die Gewinnlage der Unternehmen sei gut, die Kapazitätsauslastung hoch und die Investitionsbereitschaft nach wie vor da. Ein gutes Umfeld auch für den Arbeitsmarkt. Weil: „Die Beschäftigung wird weiter zunehmen. Die damit einhergehenden Einkommenszuwächse und etwas stärkere Lohnerhöhungen werden den Konsum stützen.“

Dazu wird nach Ansicht von Andreas Scheuerle, Konjunkturexperte bei der Dekabank, auch eine Abschwächung der Inflation zum Jahresende beitragen. Das wiederum wird es der EZB ermöglichen, die Leitzinsen von jetzt 4 Prozent zu senken. „Wir erwarten, dass die Leitzinsen bis zum Jahresende bei 3,25 Prozent liegen werden“, sagt Scheuerle. Niedrigere Zinsen verbilligen Kredite, was sich wiederum günstig auf Investitionen auswirkt und die Konjunktur anheizt – und damit auch die Aktienmärkte. „Wir gehen davon aus, dass die europäischen Aktienmärkte sich in den nächsten Monaten wieder fangen werden“, sagt Aktienexperte Rob Radelaar von ING Investment Management. „Solide Bilanzen bei einem Großteil der europäischen Unternehmen und historisch niedrige Bewertungen sollten helfen, den verlorenen Boden zum Teil wieder gut zu machen.“