Egon Wachtendorf, Chefredakteur DER FONDS

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Wachtendorf-Kolumne

Bargeldverbot: Die Oma und der Bankräuber

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Alle Jahre wieder schwappt die Diskussion über die Abschaffung des Bargelds aus Skandinavien und den USA nach Deutschland. Vor fünf Jahren waren es schwedische Bankangestellte, die aus Furcht vor Überfällen eine entsprechende Kampagne anzettelten. Im Herbst 2014 machte sich der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff zum Fürsprecher dieser Idee, heute schlägt mit dem Wirtschaftsweisen Peter Bofinger erstmals ein deutscher Wissenschaftler in die gleiche Kerbe.

Wie Rogoff begründet Bofinger seinen Vorstoß zuvorderst mit dem Ziel, die Märkte für Schwarzarbeit und Drogen auszutrocknen. Ein Argument, das heute so wenig zieht wie vor fünf Jahren: Wer glaubt, durch das Verbot von Bargeld die organisierte Kriminalität eindämmen zu können, der glaubt vermutlich auch, dass Mitgliedern des FIFA-Exekutivkomitees zugedachte Gefälligkeiten vom Tage X an nur noch über Paypal verbucht werden. Nein, wer Drogen-Dealern und WM-Manipulierern das Handwerk legen will, muss nicht nur Münzen und Scheine aus dem Verkehr ziehen. Er muss auch den Besitz von Gold und Luxusuhren verbieten und so einiges mehr.

Selbst der zunächst ganz vernünftig anmutende Vorschlag, in einem ersten Schritt zumindest die vor allem in dunklen Geldkoffern ihr Dasein fristenden 500-Euro- und 1000-Franken-Scheine abzuschaffen, dürfte in dieser Frage wenig bringen: Die USA drucken seit 1945 als höchsten Nennwert den 100-Dollar-Schein, ohne dass das Land dadurch zu einem Vorreiter an Anstand und Moral geworden wäre.

Wozu dann also die ganze Diskussion? Rogoff und Bofinger werden da erstaunlich direkt. Natürlich geht es um Kontrolle, und natürlich geht es auch darum, in einem Umfeld ausufernder Staatsverschuldung leichter Negativzinsen durchsetzen zu können. Der von liberalen Medien wie der FAZ oder der Wirtschaftswoche angeführte Widerstand mag deshalb zwar stellenweise etwas arg pathetisch formuliert sein, er verdient aber uneingeschränkte Unterstützung.

Was in den genannten Kommentaren etwas kurz kommt, bringt zudem in einem Beitrag für Manager Magazin Online der Berliner Makroökonom Daniel Stelter auf den Punkt: Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen Bargeld und einem Guthaben auf dem Bankkonto. Bargeld ist eine Forderung gegen die Notenbank und somit letztlich gegen den Staat. Das Kontoguthaben ist ein Anspruch gegen die Bank und unterliegt dadurch erheblichen Risiken. Risiken, die vermutlich nicht nur Stelter im aktuellen Umfeld eher nicht eingehen möchte.

Und noch einen zweiten interessanten Punkt spricht Stelter, der seit 2013 das Online-Forum Beyond the Obvious betreibt, an: Warum bleiben Bargeld-Kritiker wie Rogoff und Bofinger auf halbem Wege stehen? Konsequenterweise müssten sie eigentlich gleich fordern, ein Vollgeldsystem einzuführen. In einem solchen System dürften nur noch die Notenbanken Geld schöpfen, während alle anderen Kreditinstitute lediglich den Betrag an Kredit vergeben, den sie auf der Gegenseite als Einlagen in den Büchern haben. Das ist zwar nicht unumstritten, besäße aber durchaus Charme – und als Diskussions-Grundlage ist es allemal ergiebiger als die selten plumpe Parole „Bargeld braucht nur noch deine Oma und der Bankräuber“.

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