Egon Wachtendorf, Chefredakteur DER FONDS

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Wachtendorf-Kolumne

Cash – die neue Königsklasse?

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Die Belohnung für den Sparsamen ist abgeschafft, lamentiert Gabor Steingart im ersten Morning Briefing nach der von ihm als „Sensation“ empfundenen Entscheidung der Europäischen Zentralbank, den Leitzins auf null zu setzen. Wenn Ludwig Erhard könnte, so der „Handelsblatt“-Herausgeber weiter, würde er sich an diesem Morgen nicht im Grab umdrehen, sondern „das Erdreich mit unbekanntem Ziel verlassen“.

Symbolik in allen Ehren, aber ob der Leitzins nun bei null liegt oder wie zuvor bei 0,05 Prozent, spielt faktisch keine Rolle. Der von Steingart beklagte „Aufstieg der Prasser und Geldverschwender zu Ikonen der Neuzeit“ hat nicht erst am 10. März 2016 begonnen. Er findet seit Jahren statt. Und, daran hat EZB-Chef Mario Draghi in seiner Erklärung zum jüngsten Zinsentscheid abermals keinen Zweifel gelassen: Die mit diesem Aufstieg verbundene Enteignung der Sparer wird auch noch über Jahre weitergehen.

Die Reaktion darauf ist ebenfalls schon längere Zeit zu beobachten. Sie fällt allerdings gespalten aus und reicht von völliger Teilnahmslosigkeit über Resignation bis hin zur Flucht – entweder in Sachwerte wie Immobilien, Aktien und Gold oder in den Konsum. Die Schar der Teilnahmslosen dürfte in den kommenden Monaten noch etwas kleiner, die der Flüchtigen noch etwas größer werden. Doch trifft jemand, der sich auf der Flucht und damit in einer akuten Stresssituation befindet, immer die richtigen Entscheidungen? Vermutlich nicht.

Was das für die Aktienmärkte bedeutet, lässt sich unschwer erahnen – sie haben es gerade am vergangenen Donnerstag wieder exemplarisch vorgeführt. Der Druck, in Aktien anzulegen, steigt; die Furcht, eines Tages von den Zentralbanken keine Rückendeckung mehr zu erhalten, ebenfalls. Die Folge ist ein wildes Auf und Ab, bei dem zwei Dinge auf der Strecke zu bleiben drohen: Qualität und Augenmaß.

Wer aus einer solchen Situation Kapital schlagen will, braucht vor allem – Kapital. Mag die Massenware Liquidität momentan auch nichts als Verdruss bereiten und in Form von Negativzinsen sogar Geld kosten: Sie zu besitzen, wenn es darauf ankommt, ist ein entscheidender Vorteil. Gezielt nach Fonds zu suchen, deren Manager das genauso sehen und in Kursschwächen – und nur dann – Qualitätsaktien zum Discountpreis kaufen, dürfte sich folglich lohnen. Schade nur, dass es nach wie vor so wenige davon gibt.

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