Hat aus vielen Crashs gelernt, ist aber noch immer nicht frei von Fehlern: DAS-INVESTMENT-Kolumnist Egon Wachtendorf | © Johannes Arlt Foto: Johannes Arlt

Wachtendorf-Kolumne

Eine kleine Börsencrash-Geschichte

Wie nimmt man Anlegern den Schrecken eines Börsencrashs, die so etwas zum ersten Mal erleben? Den eigenen Kindern, Anfang 20 und deshalb von eher harmlosen Rücksetzern abgesehen nur an steigende Kurse gewöhnt? Oder einem Kunden, der sich 2019 endlich hat überzeugen lassen, den im Zeitalter des Negativzinses sicheren Verlustbringer Festgeld hinter sich zu lassen und einen Teil seines Vermögens einem als solide geltenden Aktien- oder Mischfonds anzuvertrauen? Ja, wie?

Vielleicht am besten, indem man von all den Abstürzen erzählt, die man selbst schon mitgemacht hat. Und den dabei begangenen Fehlern. Da kommt in meinem Fall so einiges zusammen. Angefangen beim – zumindest für die Generation der Babyboomer – Crash aller Crashs, dem Rekordverlust an der New Yorker Wall Street vom 19. Oktober 1987. An nur einem Tag verlor der Dow-Jones-Index 22,6 Prozent und somit mehr als in der aktuellen Corona-Krise in einer ganzen Woche. Geschadet hat es ihm langfristig nicht: Ende September 1987 notierte der Dow bei 2.600 Punkten, Mitte März 2020 bei 20.200 Punkten.

Mein Fehler damals? Eigentlich gar keiner – ich war viel zu geschockt, um überhaupt zu reagieren und habe meine bescheidenen Bestände an deutschen Aktien einfach weiterlaufen lassen. Ganz anders beim nächsten, heute längst vergessenen Crash. Am 16. Oktober 1989 rauschte der noch junge Dax nach einem gescheiterten Übernahmeversuch in den USA um 12,8 Prozent in die Tiefe. Nur einen Tag später wurde überdies San Francisco vom schwersten Erdbeben seit 1906 heimgesucht. „Nicht schon wieder“, so mein erster Gedanke mit Blick aufs gerade erst genesene, überwiegend aus Nebenwerten bestehende Depot. Am nächsten Morgen stellte ich ohne Limit alles glatt. Mit fürchterlichen Folgen, da genau diese marktengen Titel an genau diesem Tag irgendwie alle verkaufen wollten. Eine Woche später wäre alles wieder in bester Ordnung gewesen.

Von deutschen Aktien erstmal bedient, entdeckte ich Ende 1989 die Tokioter Börse. Nikkei-Stand am Kauftag: 38.500 Punkte. Größte Einzelposition war ein Optionsschein, ich wollte ja das mit meinen Nebenwerten verlorene Geld möglichst schnell wieder hereinholen. Dass ein solches, in seiner Laufzeit begrenztes Papier im Falle einer langanhaltenden Baisse zwangsläufig zum Totalverlust werden musste, verdrängte ich erfolgreich. Dieses Kopf-in-den-Sand-Stecken kostete am Ende umgerechnet 6.000 Euro, für einen gerade erst dem Volontariat entwachsenen Jungredakteur eine schöne Stange Geld.

Danach lief es endlich einmal gut. Immun geworden gegen die schlimmsten Anfängerfehler, verlegte ich mich Anfang der 90er Jahre auf Investmentfonds. Eine richtige Entscheidung. Die Asien-Krise von 1997 überstand mein Depot nämlich völlig unbeschadet, obwohl ich in Thailand quasi im Auge des Sturms unterwegs war. Das Gleiche gilt mit Abstrichen für die Dotcom-Blase drei Jahre später – Templeton-Manager Mark Holowesko und einigen Rohstofffonds sei Dank.

Eine Lektion musste ich in dieser wilden Phase trotzdem lernen: Ein von 100 kommender Neue-Markt-Fonds, zu 20 gekauft, kann sich anschließend immer noch locker halbieren und dann die Segel streichen. Das muss man aushalten. Ähnlicher Fehler in der Finanzkrise: Mit komfortablen, 4 Prozent Zinsen bringenden Cash-Reserven hineingegangen, dieses Pulver aber in der Summe letztlich doch deutlich zu früh verschossen. Es hat die Rendite geschmälert, aber nicht verhagelt.

Nun also Corona. Gepaart mit der durchaus schmerzhaften Erkenntnis, dass niedrig bewertete Goldminen und die vermutlich eine künftige Euro-Schuldenkrise, nicht aber einen Ölpreis-Schock abfedernde Norwegische Krone als Versicherung gegen Verluste am breiten Aktienmarkt nicht allzu viel taugen. Im Blick nach vorn ist mir allerdings auch dieses Mal nicht bange: Das wird wieder. Und Festgeld ist weniger denn je eine Alternative.

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