Egon Wachtendorf

Egon Wachtendorf

Wachtendorf-Kolumne

Goldpreis: Das war es noch nicht

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Es sah aus wie eine Kapitulation. „Gold in der Krise“ titelte vergangene Woche Handelsblatt Online und berichtete ausführlich über den stark rückläufigen Absatz von Goldmünzen in den USA. Prognosen zufolge soll die Nachfrage weltweit voraussichtlich auf den niedrigsten Stand seit 2008 fallen. Für die Psyche ein harter Schlag: Wer glaubt noch an Gold, wenn sich mit den Münzkäufern nun selbst die treuesten Fans des Edelmetalls abwenden?

Wenn Anleger kapitulieren, einem Markt also buchstäblich die letzten Käufer ausgehen, ist das normalerweise ein Signal zum Einstieg. Schließlich haben in einem solchen Moment alle, die verkaufen wollten, verkauft, und früher oder später wird schon etwas passieren, das neues Interesse weckt.

Bei Gold scheint es jedoch noch nicht so weit zu sein. Denn nur wenige Tage später berichtet Handelsblatt Online vom unerschütterlichen Glauben deutscher Anleger an das gelbe Metall, das sich in völlig entgegengesetzten Zahlen manifestiert: Im Vergleich zu 2014 konnten Münzhändler hierzulande ihren Umsatz bis Ende Mai je nach Monat zwischen 30 und mehr als 50 Prozent steigern. Einer aktuellen Umfrage zufolge hält zudem fast jeder dritte Deutsche Gold für eine interessante Anlage und würde sich, auch wenn er in den vergangenen Jahren damit Verluste erzielte, wieder dafür entscheiden. 

Nun waren die Deutschen in punkto Geldanlage immer schon ein Sonderfall. Hinzu kommt, dass sowohl Goldkäufe als auch Umfragewerte stark von der nicht enden wollenden Griechenland-Diskussion beeinflusst sind.

Gleichwohl liefert beides keine Argumente, die derzeit pro Gold sprechen. „Sonderfall“ war nämlich in der Vergangenheit nicht selten gleichbedeutend mit „Kontraindikator“. Ferner ist ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro, das in einer ersten Reaktion durchaus zu Panikkäufen beim Gold führen könnte, trotz der jüngsten Zuspitzung wenig wahrscheinlich: Wer als Gläubiger einer letzten Chance eine allerletzte und dann eine allerallerletzte folgen lässt, der findet auch Mittel und Wege, eine unerbittlich tickende und auf die Zwölf zulaufende Uhr eine Sekunde vor dem Time-Out rückwärts laufen zu lassen – erst recht, wenn es übergeordnete geostrategische Interessen gebieten. 

Kurzum: Gold-Fans werden wohl weiter auf nachhaltig bessere Zeiten warten müssen. Diese dürften erst dann anbrechen, wenn sich die Kapitulation auch am Preis ablesen lässt und anschließend nicht Tag für Tag neue Schlagzeilen die Stimmungslage thematisieren. Doch auch wenn das gelbe Metall in diesem Prozess kurzfristig durchaus noch einmal unter die Marke von 1.000 Dollar pro Feinunze zurückfallen könnte – völlig außen vor lassen sollten Anleger es im aktuellen Umfeld nicht. Man weiß ja nie.

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